"Die Schmerzen waren sofort irrsinnig" AZ-Story: Wie Thaiboxer Pascal Schroth einem doppelten Genickbruch trotzte

Zurück im Ring! Knapp ein Jahr nach seinem doppelten Genickbruch gibt Thaiboxer Pascal Schroth sein Comeback und holt sich den Weltmeister-Titel. Foto: Halil Tosun/ho

Pascal Schroth erleidet im Ring einen doppelten Genickbruch – und kämpft sich zurück. Auch mit Hilfe eines sakralen Tattoos.

 

Das Knacken dröhnte in seinen Ohren – das Brechen seines eigenen Genicks. Wellen wie Stromschläge rollten vom Kopf bis in die Finger- und Zehenspitzen. Thaiboxer Pascal "The German" Schroth wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. "Ich konnte nur nicht sagen, was es war", sagte der 24-Jährige der AZ über jenen 20. Oktober 2018, als ihn sein Gegner Qinghao Meng vor seinem Heimpublikum in China mit einer illegalen Taktik ausgehebelt und Kopf voraus auf den Ringboden geknallt hatte.

"Ich war bei vollem Bewusstsein, die Schmerzen waren sofort irrsinnig. Dann sah ich nur, wie sich der Ringrichter über mich beugte, mich auszählte. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich noch, wie sich der Mann, der mir das angetan hat, feiern ließ", sagte Schroth. Er wollte aufstehen, doch der Körper, der in seinem Leben als Kampfsportler immer sein verlässlicher Partner war, versagte den Gehorsam. Es ging nicht. Schroth lag auf dem Rücken, nahm die Hände hinter den Kopf. Wie bei einem Schnappmesser wollte er mit Schwung aufstehen. Aber der Oberkörper gehorchte den Befehlen nicht. "Der Kopf fühlte sich an, als wäre er zwei Tonnen schwer. Es ging einfach nicht."

Schroth: "Meine Oma ist an einem Genickbruch gestorben"

Zum Glück. Denn Schroth hatte sich, was er da noch nicht wusste, das Genick gebrochen. Eine doppelte Fraktur des fünften Halswirbels. Glatte Brüche. Seine starke Nackenmuskulatur hatte ihm das Leben gerettet, hatte seinen Kopf bei dem Aufschlag stabilisiert. Doch er wollte unbedingt aufstehen, der Kämpfer in ihm wollte nicht liegenbleiben. Er hörte seine Trainer schreien: "Pascal, beweg dich nicht!"

Und dann die Schmerzen, diese höllischen Schmerzen. Pascal hielt die Hände vor seine Augen. Er wollte das nicht mehr sehen – er wollte nicht gesehen werden. Er blieb liegen. "Hätte sich mein Halswirbel nur einen Millimeter bewegt, wäre er ins Rückenmark gegangen und ich wäre paralysiert gewesen – oder tot", weiß Schroth heute.

Sie brachten ihn ins Krankenhaus, scannten ihn, transportierten ihn in eine andere Klinik. All das in einem fremden Land, einer fremden Sprache. Keiner sagte ihm, was los war. Er konnte nur an die Decke starren, mehr Bewegung ging mit dem Kopf nicht. Aus den Augenwinkeln versuchte er, der seit 2015 in Thailand lebt, die chinesischen Schriftzeichen zu entziffern, damit er eine Ahnung hatte, auf welcher Station er war, was mit ihm los sei. Keiner sprach mit ihm. Irgendwann lag er in einem Zimmer. Eine Krankenschwester sagte: "Broken."

Schroth musste vier Tage auf einen Arzt warten

Gebrochen? Was war gebrochen? Das Genick? Schroth fragte und fragte: Da endlich bekam er eine Antwort: "Ja, das Genick."

"Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Denn meine Oma ist an einem Genickbruch gestorben, sie ist die Treppe hinuntergestürzt. Ein gebrochenes Genick, das war für mich gleichbedeutend mit dem Tod. Ich habe ihnen erklärt, das kann nicht sein, ich kann Arme und Beine bewegen", sagte Schroth, "ich wollte einen Arzt sprechen."

Doch keiner kam – vier Tage nicht. Die gesamten vier Tage, die er in dem Krankenhaus in China lag. "Kein Doktor hat je vorbeigeschaut, ich bekam nichts zu essen, wurde nicht geduscht. Ich fragte eine Schwester, ob sie mir das Bett ein bisschen aufrichten könnte. Sie sagte nur: Nein, sie dürfen sich unter keinen Umständen bewegen." Wie lange, wollte Schroth wissen. Ein Achselzucken: Vielleicht sechs Monate."

Wer am vierten Tag kam, war der Veranstalter des Kampfes – und der Mann, der ihm das Genick gebrochen hatte. "Sie wollten wissen, wie viel Geld ich will, damit die Sache unter den Teppich gekehrt werden kann", sagte Schroth: "Ich wusste nicht einmal, ob ich wieder laufen, wieder kämpfen kann und sie wollten nur wissen, was mein Preis ist?"

Schroth: "Der ganze Rücken war geschwollen, alles war lila"

Am nächsten Tag wurde Schroth nach Phuket transportiert. In der Kampfhose, in der er eingeliefert worden war. Er kam in die Hände von Dr. Gerhard Melcher, einem Münchner Arzt, der dort seine Praxis hat. Der zeigte ihm die Brüche auf den Röntgenbildern.

Er machte ihm klar, wie viel Glück er hatte. Er würde wieder gesund werden, er war um eben diesen Millimeter an der Lähmung vorbeigeschrammt. "Als ich erstmals wieder einen Rollstuhlfahrer gesehen habe, ist es mir eiskalt den Rücken heruntergelaufen", sagte Schroth, "ich aber würde gehen können, würde wieder kämpfen können."

Doch erst hieß es: Warten, nichts tun, nicht bewegen. Schroth bekam ein Gestell, das ihn fixierte, damit sich nicht doch durch eine dumme Bewegung der Wirbel um den Millimeter, der ihn von einer Lähmung, dem Tod trennte, verschieben würde. "Der ganze Rücken war geschwollen, verkrampft, hart, alles war lila angelaufen. Ich habe nur jeden Tag darauf gewartet, dass es zu Ende geht, damit ich wieder einen Tag näher dran bin, dieses Gestell wieder loszuwerden."

Er wartete drei Monate. Dann war er frei. Frei von dem Korsett, aber noch nicht frei im Kopf, in der Seele. Der Körper heilte, aber die Wunden im Inneren, die kann man nicht schienen, nicht verarzten. Sie müssen auf ihre Art heilen – das braucht Zeit. Und manchmal brechen die Narben der Seele wieder auf. Einfach so.

Das Herz, auch das eines Kämpfers, kennt keine Logik, die braucht nur der Kopf. Das Herz braucht Vertrauen, vor allem in sich selbst. Schroth ging in einem Dorf in Thailand in einen Tempel, die Familie seiner Freundin hatte das arrangiert. Als allererster Ausländer überhaupt durfte er diese heilige Stätte betreten. "Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich mit offenem Herzen aufgenommen wurde", sagte er.

Es war ein erster Schritt zur Selbstheilung. Der zweite war eine Tätowierung. Ein traditionelles Sak-Yant-Tattoo. "Die Kämpfer wurden früher mit diesen Tattoos geschmückt, weil es spirituelle Stärke gibt. Der Sage nach soll es die Kämpfer beschützen", sagte Schroth: "Ich nahm Kontakt zu einem Mönch in Bangkok auf. Das Tätowieren dort ist eine Zeremonie, das Werk wird mit einem Bambusstab gestochen. Ich habe mir die Bruchstelle mit einem Sakral-Tattoo schützen lassen."

Schützen und segnen. Auf den Tätowiervorgang folgte eine Segnungszeremonie. Im Schneidersitz saß Schroth da. Der Mönch kam auf ihn zu, legte die Hand über das Genick, berührte ihn aber nicht. Der Geistliche stimmte Gebete an. Immer schneller, immer lauter. Er steigerte sich rein. "Genau wie bei der Hypnose glaube ich an so was nicht, bis ich es an mir erlebt habe. Aber ich spürte sofort, wie die Stelle heiß wurde, wie ich nach und nach die Kontrolle über meinen Körper verlor. Ich zitterte am ganzen Leib", sagte Schroth, "ich habe gemerkt, wie die Schwachstelle des Bruches zu einer Stärke wird. Diese Segnung war für mich der mentale Abschluss mit der Verletzung."

"Ich habe es geschafft! Es war fast ein Rocky-Moment"

Es war plötzlich wieder: Mens sana in corpore sano – in dem wieder gesunden Körper steckte wieder ein gesunder Geist. Schroth trainierte für sein Comeback. Über Monate hatte er sich immer wieder vorgestellt, wie er in den Ring steigen würde. Dieser Tag kam am 3. Oktober 2019. Der Münchner Veranstalter Mladen Steko gab Schroth die Chance, gegen den Spanier Mariyan Asenov um die WM zu kämpfen. Schroth marschierte in den Ring, das Gestell, das ihn so gepeinigt, das ihn aber zugleich gerettet hatte, hielt er beim Einmarsch über seinen Kopf. Im Ring warf er es zu Boden, trat es weg.

In der 2. Runde knockte er seinen Gegner aus. "Ich war voller unglaublicher Emotionen, denn daheim in Thailand war meine Freundin. Sie trug unsere Tochter unter dem Herzen, war im neunten Monat schwanger." Direkt nach dem Kampf rief er bei seiner Aldis an. Sie weinte, er weinte: "Ich schrie nur: "I did it – ich habe es geschafft. Es war fast ein Rocky-Moment."

Am nächsten Tag flog er nach Thailand – am Flugplatz holte ihn Aldis ab. "Mit einer Riesenkugel – und einem Schild mit dem Wort ,Champion’ in den Händen!", sagte Schroth, ein paar Tage später kam Tochter Lila zur Welt. Das kleine Glück war endlich perfekt.

Am Sonntag verteidigt er bei Stekos Fight Night (Sport1 überträgt ab 20.45 Uhr) seinen Titel gegen den Griechen Giannis Boukis. An den Mann, der ihm diese Schmerzen angetan hat, verschwendet er keine Gedanken mehr. "Für mich ist er gestorben. Ich denke, das Karma wird sich seiner annehmen. Wer Gutes tut, wird Gutes ernten, wer aber so was macht, ohne je Reue zu zeigen, wird auch dafür kriegen, was er verdient. Aber das ist nicht meine Aufgabe, sondern die des Karmas. Ich werde meine Seele nicht mit negativen Gedanken und Gefühlen vergiften. Dafür ist Leben viel zu schön, viel zu wertvoll, viel zu einzigartig."

Das Leben, das er fast verloren hätte – um einen Millimeter.

 

1 Kommentar

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading