Die schlimmen Folgen der Flut Flutopfer: "Wann dürfen wir wieder heim?"

Caroline (5) und Tobias (9) fragen ihre Eltern jeden Tag, wann sie wieder nachhause dürfen. Noch ist das Haus eine Baustelle. Foto: ho

Die Familie Schmid aus Fischerdorf ist beim Hochwasser komplett abgesoffen und sitzt jetzt auf einem Schaden von mehr als 65.000 Euro. Ihre Hoffnung hat sie trotzdem nicht aufgegeben

 

München/Deggendorf - Tobias (9) und Caroline (5) waren es gewohnt, im Garten herumzutoben und jauchzend auf ihrem Trampolin zu hüpfen. Seit dem Hochwasser sollen sie plötzlich ganz leise sein. Denn das Fischerdorfer Haus, in dem die Kinder mit ihren Eltern gelebt haben, hat die Flut verwüstet. Ein hilfsbereiter Bekannter hat der Familie eine Wohnung in einem Mehrparteienhaus zur Verfügung gestellt, in dem die Kinder Rücksicht auf die Nachbarn nehmen müssen. Durchaus eine Umstellung für die beiden.

„Wann dürfen wir wieder heim?“, fragen die Kleinen auch deshalb ständig – dabei wissen ihre Eltern Heike (36) und Alexander Schmid (38) noch gar nicht, wie es weitergehen soll.

Die Familie ist vor etwa neun Jahren nach Fischerdorf gezogen. „Das schlimmste Hochwasser, an das sich der 90-jährige Vater unseres Vermieters erinnern konnte, war, als die Brühe einmal zehn Zentimeter hoch im Haus stand“, erzählt Alexander Schmid. Dieses Risiko hielt das junge Ehepaar für vertretbar. „Deshalb haben wir uns auch keinen Kopf gemacht, als die Versicherung es ablehnte, einen Vertrag über die Regulierung von Elementarschäden mit uns abzuschließen.“

In den ersten Jahren ging alles gut: Die Schmids renovierten vieles selbst, die Kinder kamen zur Welt, schließlich richtete sich der Familienvater im Häuschen ein Büro ein und machte sich als Buchhalter selbstständig.

Dann kam die Flut. Schon die Nacht vor der Katastrophe hatten Heike und Alexander Schmid bis zwei Uhr vor dem PC gesessen und die Hochwasser-Warnungen verfolgt. „Aber von Fischerdorf war da nicht die Rede, nur von Altholz.“

Am nächsten Morgen brachte die Mutter Tobias in die Schule, der Vater fuhr Caroline zum Kindergarten. „Auf dem Rückweg war die Brücke zwischen Deggendorf und Fischerdorf gesperrt. Meine Frau hat einen Polizisten bekniet, sie nochmal zum Haus zu lassen und hatte Glück“, erzählt Alexander Schmid. „Mich haben sie nicht mehr reingelassen.“

In Windeseile packt Heike Schmid Kleidung für ein paar Tage zusammen. Sie schnappt sich die Impfpässe der Kinder und das Stammbuch der Familie. Zeit, etwas im ersten Stock in Sicherheit zu bringen oder Elektrogeräte hochzustellen, hat sie nicht. Die Feuerwehr fordert die Menschen fortwährend dazu auf, Fischerdorf sofort zu verlassen.

Bei einer befreundeten Familie treffen sich die vier Schmids wieder – und lesen im Internet, dass der Damm gebrochen ist.

Tagelang wissen sie nicht, wie stark ihr Haus betroffen ist, bis ihnen ein Feuerwehrmann ein Foto zeigt: Das Souterrain ist voll gelaufen, im ersten Stock zieht sich die Schlamm-Linie, die das Wasser auf einer Höhe von 1,40 Metern über die Fassade. Ein Schock für Caroline, Tobias und ihre Eltern. „Tobias hat vier oder fünf Tage lang überhaupt nicht darüber gesprochen, was passiert ist. Sie hatten beide schwer daran zu knabbern“, sagt der Vater.

Immerhin: Die Kinder- und das Elternschlafzimmer unterm Dach sind trocken geblieben. Doch in Küche, Wohnzimmer, Büro und Werkstatt hat das Wasser gewütet. Die Wintersachen der Kinder, das Trampolin im Garten, das neue Radl, das Tobias gerade erst zur Kommunion bekommen hatte – alles Schrott. „Das Einzige, das wir nicht wegschmeißen mussten, waren die Hängeschränke in der Küche und deren Inhalt.“

Der Besitzer ist bereit, das Häuschen wieder herzurichten. Er gehört zu den wenigen in Fischerdorf, die eine Elementarschadenversicherung haben, sie stammt noch aus den 60er Jahren. Böden und Putz hat er bereits herausreißen lassen. In etwa drei Monaten dürften die Wände trocken sein und der Wiederaufbau kann beginnen.

Doch den Mietern ist kaum was geblieben, das sie dann in die leeren Räume stellen können. Alexander Schmid schätzt den Hochwasser-Schaden auf mindestens 65.000 Euro – Geld, von dem er nicht weiß, wie er es aufbringen soll. „Wir haben bisher 1.500 Euro Soforthilfe und 5.000 Euro Sofortgeld erhalten. Aber das und unser Erspartes reicht bei weitem nicht aus, um alles zu ersetzen.“

Zumal die Familie Verbindlichkeiten hat: Das Auto und ein Kredit für die Wohnungsrenovierung sind noch nicht abbezahlt. Außerdem wird demnächst die Gewerbesteuer fällig. Selbst wenn Alexander Schmid seine Lebensversicherung zurückkaufen würde – „eigentlich meine Altersvorsorge als Selbstständiger" –, wäre der Verlust nicht gedeckt.

Deshalb hat der verzweifelte Vater die AZ um Hilfe gebeten. Weil er seinen Kindern so gerne ihren größten Wunsch erfüllen und ihnen ihr Zuhause zurückgeben würde. „Ich habe ihnen doch gesagt: Wenn wir wieder aufbauen, bekommt ihr beide einen Akkuschrauber und helft mit. Darauf freuen sie sich sehr, das gibt ihnen eine Perspektive. Sie denken wieder weniger an die Katastrophe und mehr an die Zukunft.“

Hier können Sie spenden

In den letzten Wochen haben wir über Menschen aus Deggendorf berichtet, deren Existenz durch die Flut bedroht ist. Sie, liebe Leser, haben die Rekordsumme über 300 000 Euro an den AZ-Verein „Münchner helfen“ gespendet. Geld, das zu 100 Prozent direkt den Betroffenen zugute kommt.

Die AZ kann für Spenden ab 201 Euro Bescheinigungen ausstellen (Adresse nicht vergessen!). Bei niedrigeren Beträgen gilt der Überweisungsbeleg als Bestätigung.

Das Konto von „Münchner helfen e.V.“: Privatbank DONNER & REUSCHEL Konto-Nr.: 333 888 333 BLZ: 200 303 00

 

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