Die Post in Zeiten des Internets Kein Ende für den Briefkasten

Nur Liebesbriefe? Das hätten viele sicherlich gern. Allerdings ist der Großteil der Sendungen heutzutage geschäftlich, so die Deutsche Post. Foto: Jan Woitas/dpa

Wer schreibt heutzutage noch Briefe und Karten? Es werden immer weniger. Dennoch sagt die Post: Es gibt mehr gelbe Boxen als noch vor zehn Jahren.

 

Berlin - Einer von Deutschlands ungewöhnlichsten Briefkästen hängt an einer Boje im Steinhuder Meer. „Alleine diese Woche haben wir rund 150 Briefe und Karten aus der Postboje geholt“, sagt Reinhard Starke vom Segelclub Garbsen. Vor den Toren Hannovers herrscht Hochsaison auf dem Binnensee – das Postaufkommen dokumentiert das.

Seit 52 Jahren hängt die quietschgelbe Tonne dort – als Schnapsidee einer örtlichen Segelschule gehört sie offiziell nicht zum Fundus der Deutschen Post. Die verweist in Zeiten des digitalen Wandels dennoch auf eine eher erstaunliche Entwicklung: Die Zahl ihrer Briefkästen nimmt nicht ab, sondern zu.

Derzeit gibt es in Deutschland 110 000 Briefkästen

„110 000 Briefkästen sind derzeit in Deutschland von der Deutschen Post für die Nutzung der Kunden verfügbar, somit etwa 2000 mehr als vor zehn Jahren“, erklärt Jens-Uwe Hogardt von der Deutschen Post. Ein Grund: In bewohnten Gebieten muss ein Briefkasten in einer Distanz von nicht mehr als 1000 Meter Fußweg erreichbar sein.

Zudem fällt der jährliche Rückgang der Briefsendungen zwar stetig, aber doch eher moderat aus. „Die Menge nimmt zwar jedes Jahr leicht ab, es wird aber noch immer fleißig geschrieben“, sagt der Postsprecher. Dabei ist die einst so wichtige Briefzustellung heute beim Bonner Dax-Konzern eigentlich nur noch eine kleine, unbedeutende Sparte; denn in den Zeiten schneller, digitaler Kurznachrichten schreiben immer weniger Menschen auf Papier.

Die Post reagierte schon mit einer Einschränkung ihrer sonntäglichen Leerung. Im Vorjahr beförderte sie über alle Produktarten hinweg 19,3 Milliarden Briefsendungen – täglich etwa 61 Millionen Sendungen im Briefbereich. Darin enthalten sind Briefe, Karten, Büchersendungen, Werbe- und Presseerzeugnisse.

Germanistin: Die Jungen schreiben oft und gern Postkarten

Es sind vor allem Werbebriefe, die die Säcke in den Briefkästen anschwellen lassen. „85 Prozent aller Sendungen im Briefmarkt der Deutschen Post sind heute geschäftlicher Natur“, sagt Hogardt. Dazu zählen neben Werbesendungen behördliche Schriftstücke. Denn die Perspektiven für den handgeschriebenen Brief, wie ihn Dichterfürst Johann Wolfgang von Goethe noch zelebrierte, sind eher schlecht.

Das bestätigt auch die Germanistin Christine Bickes von der Leibniz-Universität Hannover, die in ihren Seminaren die „mediale und konzeptionelle Schriftlichkeit“ aufgreift: „Den Eindruck, dass im digitalen Zeitalter noch Briefe geschrieben werden, teile ich nicht.“ Sie gibt aber zu bedenken: „Allerdings schreibt die junge Generation regelmäßig und mit großer Begeisterung Ansichtskarten.“

Und sei es nur als Zierde für den Kühlschrank. Das weit über 500 Jahre alte Postwesen in Deutschland muss sich zwar zurzeit mit der digitalen Revolution auseinandersetzen – zeigt dank Werbebriefen und Postkarten analog aber tapfer Flagge. Eine Karte mit Briefmarke und Stempel gilt auch in Zeiten von Facebook, Twitter oder WhatsApp als weitgehend unwiderlegbarer Beweis der Anwesenheit an einem bestimmten Ort.

Hogardt von der Deutschen Post sagt: „Es geht nicht um die Information, sondern nur den Beweis, dass man irgendwo vor Ort gewesen ist.“

Die Ansichtskarte ist der Beweis: „Ich war da“

Selbst auf der weltgrößten IT-Messe CeBIT in Hannover berichten Postboten von prall gefüllten Briefkästen auf dem Messegelände.

„Ich kann mir vorstellen, dass das vor allem von unseren asiatischen Besuchern genutzt wird, um authentisch zu beweisen: ‚Ich war da’“, sagt ein Messesprecher.

Die bald vor ihrem 150. Jahrestag stehende Postkarte erlebt zwar im Sommer ihre Hochkonjunktur, macht aber nur einen Anteil von knapp zwei Prozent an den Gesamtzahlen im Briefbereich aus. Die damals noch „Correspondenzkarte“ genannte Postsendung war 1870 in Deutschland als eine Art analoger Twitter-Service eingeführt worden – eine günstige Mitteilungsform für die Bevölkerung.

Als Universaldienstleister ist der ehemalige Staatskonzern Deutsche Post gesetzlich dazu verpflichtet, an sechs Tagen in der Woche Briefe deutschlandweit zuzustellen. Dazu zählen exotische Regionen wie der Spreewald ebenso wie der Harzer Brocken. Briefkästen schippern auch auf der Nordsee. An Bord der Fähre „Pellworm I“ können Briefe eingeworfen werden, die dann mit Schiffsstempel versehen im Sonder-Couvert nach Kiel zur Post gehen. „Das kann schon mal etwas länger dauern, aber dafür ist es auch kein normaler Briefkasten“, so ein Sprecher.

 

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