Die Münchner Philharmoniker Orchestermusiker improvisieren mit Hauschka

Volker Bertelmann nennt sich als Musiker Hauschka. Foto: Windish Agency

Den inneren Musiker herauslassen: Musiker der Philharmoniker improvisieren in der Muffathalle

 

Der gedruckte Notentext ist nur eine Annäherung an den Klang“, sagt der Bratscher Gunter Pretzel. „Auch ein Konzert der Münchner Philharmoniker ist Improvisation: in dem Sinn, dass man nicht einfach abspult, was man gelernt hat, sondern sich einlässt auf das, was tatsächlich entsteht. Das haben wir bei Celibidache gelernt.“

Pretzel kam 1984 zu den Münchner Philharmonikern. Damals war Sergiu Celibidache der Generalmusikdirektor des Orchesters der Stadt – ein Dirigent, der das mechanische Musizieren zeitlebens bekämpft hat. Sein Geist wirkt noch immer weiter: „Der Anteil von Improvisation ist in jedem Konzert unterschiedlich groß, je nach dem Dirigenten und der mentalen Aufgeschlossenheit der Kollegen“, so Pretzel.

Am Mittwoch wird der Anteil des Improvisierten ungleich höher sein als bei Auftritten der Philharmoniker im Gasteig. Pretzel und seine Kollegen Florentine Lenz, Traudel Reich (Violine), Beate Springorum (Bratsche), Sissy Schmidhuber, Manuel von der Nahmer (Violoncello), Matthias Ambrosius, Albert Osterhammer (Klarinette) und Jörg Hannabach (Percussion) spielen an diesem Abend in der Muffathalle mit dem Düsseldorfer Komponisten und Pianisten Volker Bertelmann alias Hauschka.

Präpariertes Klavier

Pretzel verortet Hauschkas Stil als „sehr eigenes Mittelding zwischen Pop und Unkommerziell“. Der 1966 im Siegerland geborene Pianist hat klassisches Klavier gelernt, ist aber auch als HipHopper und im Vorprogramm der Fantastischen Vier aufgetreten. Hauschka hat mehrere Jahre mit der amerikanischen Geigerin Hilary Hahn zusammengearbeitet. Als bevorzugtes Kompositionsinstrument dient ihm das Klavier, das er mit Metallteilen und Folien präpariert. Die raschelnden oder metallischen Störgeräusche lassen Zimbeln oder elektronische Klänge vermuten und verleihen seinen atmosphärisch dichten, rhythmusbasierten Kompositionen eine ganz eigene lyrische Qualität.

„Ich mag Sounds“, sagt Hauschka. „Eine Klangfläche ist mir so wichtig wie die Melodie.“ Das präparierte Klavier fasziniert ihn, weil man damit auf einem akustischen Instrument auch ohne Laptop so spielen kann, als sei es ein elektronisches Instrument. Mit der Musik von John Cage, der schon in den späten 1940er Jahren Radiergummis und Reißnägel ins Klavier gesteckt hat, verbindet Hauschka die Grundhaltung, dass alles Musik sein kann, auch die Stille oder der Rhythmus von Autos, die über Straßenbahnschienen rattern.

Es gibt mehr pop-affine Philharmoniker, als viele glauben

Vor dem Konzert treffen sich die Musiker mit Hauschka im Haus Buchenried in Ohlstadt. Pretzel hat unter dem Titel „Musik ist Idee. Intuition und Inspiration im Entstehen von Musik“ in Zusammenarbeit mit der der Münchner Volkshochschule Musiktage konzipiert. Am Alpenrand wird Hauschka mit den Musikern jene Stücke entwickeln, die in der Muffathalle aufgeführt werden.

Ein bisschen Imagepflege ist auch dabei: Die Münchner Philharmoniker gelten als eher konservativ und der Spätromantik verhaftet, obwohl sich mehr Musiker aus ihren Reihen auch für Neue Musik, Pop oder Techno interessieren, als mancher Konzertbesucher vermutet. „Ich möchte Impulse ins Orchester hinein geben“, sagt Pretzel, der mit seiner blonden Mähne seit Jahren bei den Philharmonikern avantgardistische Akzente setzt. „Wenn dabei der Eindruck entstehen würde, dass in einem so großen Orchester viele neugierige und unternehmungslustige Leute sitzen, freut mich das natürlich.“

Gespielt werden am Mittwoch in der Muffathalle improvisierte und komponierte Stücke. „Erst beides zusammen macht einen vollständigen Musiker aus“, erklärt Hauschka. „Aber es gehört viel Selbstbewusstsein dazu, den unglaublichen musikalischen Fundus aus sich herauszulassen, den ein Orchestermusiker in sich trägt. Man muss sich nur trauen, es herauszulassen.“

Am schönsten wäre, wenn beides zusammenkommt. Da sind sich Pretzel und Hauschka einig. „Bei der notierten Musik ist es toll, wenn plötzlich eine unerwartete Power aus dem Zusammenspiel entsteht“, sagt Hauschka. „Und wenn es uns beim Spielen gut geht, werden wir diese Energie auch den Menschen mitgeben, die uns zuhören.“

Muffathalle, 7. 1., 20.30 Uhr, Abendkasse, 30 Euro. Am 6. 1. spricht Manos Tsangaris mit Peter Gülke in der Black Box des Gasteig über „Musik ist Idee“ (Eintritt: 10 Euro).

 

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