Die Münchner Philharmoniker im Postpalast Klassik darf auch Party sein: Die Philis auf "Abwegen"

Maxime Pascale (Mitte) dirigeirte im Postpalast. Foto: dpa

Die Philharmoniker unter Maxime Pascal im Münchner Postpalast

 

Gleich beginnt das Orchester – Zeit für einen Prosecco. Die Clique sitzt schon mit Gläsern bereit, als ihr Kumpel mit der Flasche kommt. „Lass mal stecken“, sagt er, als ihm eine Freundin Geld geben will. „Wir trinken schon noch eine, die zahlst dann du.“ Ein schnelles Prost, dann geht das Saallicht aus, das klassische Konzert beginnt.

Viele Orchester versuchen, sich ein neues Publikum zu erschließen. Auf längere Sicht müssen sie die Jüngeren für die Klassik begeistern und die, die damit sonst nicht in Berührung kommen. Die Münchner Philharmoniker versuchten das am Samstag im Postpalast: Die Veranstaltung „Big City Lights“ war halb Konzert, halb Party!

Beethovens Pastorale statt Vorglühen

Ausgedacht haben sich das der Eventveranstalter Otger Holleschek und Simone Siwek von den Philis. Zum dritten Mal haben sie das Orchester abseits der Konzertbühne spielen lassen. Und so sind 850 feierfreudige Menschen gekommen, fast alle zwischen Ende zwanzig und Anfang vierzig. Sie sitzen inmitten eines provisorischen Amphitheaters, das im Postpalasts mit Stoffwänden geschaffen wurde. Statt Vorglühen: Beethoven!

Um den Party-People die „Pastorale“ näherzubringen, haben sich die Veranstalter viele gute Ideen einfallen lassen. So dirigiert der 29-jährige, temperamentvolle Maxime Pascal, und der erklärt dem Publikum erst mal leidenschaftlich, worum es geht: Beethovens Symphonie drücke die Empfindungen aus, die Natureindrücke auslösen können. Selten seien Gefühle so bewegend in Musik übersetzt worden wie in der „Szene am Bach“. Und der „Sturm“ des vierten Satzes sei der coolste der vielen Stürme der klassischen Musik. Dann wünscht Pascal dem Publikum „eine gute Show“.

Fotos erhöhen den Sehreiz

Während dieser Show werden Fotos auf die Stoffwände projiziert, die dem Publikum erklären, was sich in Beethovens Natur gerade abspielt. Die zum Teil in Pop-Art-Neonfarben gehüllten Fotografien tragen wenig zum Musikerlebnis bei, schaffen aber eine gediegene, besondere Atmosphäre abseits des Konzertsaals. Im dritten Satz werden die Bilder synchron zum lebhaften Rhythmus der Musik überblendet, und das verstärkt sogar die Eindringlichkeit der Musik. Die klingt trockener als im Konzertsaal, aber dank Akustikreflektoren einwandfrei.

Die „Pastorale“ ist gut gewählt, denn sie bietet den vermutlich Radio-gewöhnten Ohren der Zuhörer genügend Vertrautes: Sehr viele Harmoniewechsel sind auch in der Pop-Musik üblich, und manche Themen wiederholen sich oft genug, um sich einzuprägen. Noch besser kommt beim Publikum aber „The Light“ von Philip Glass an. Diese „Minimal Music“ hat viel mit elektronischer Tanzmusik gemein: Die spannungsreichen Motive kehren wieder und wieder. Und trotz aller verschobener Rhythmen beginnt die Musik zunehmend zu grooven, angetrieben vom Schlagzeug. Als das Stück immer mehr abhebt und das Bein des Zuschauers längst wippt, beschränkt sich auch Maxime Pascal nicht mehr aufs Dirigieren: Er tanzt.

Tanzen werden die begeisterten Zuschauer den Rest der langen Nacht. Kann man Klassik und Party stimmiger verbinden? Nein!

 

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