Von Sebastian Kurz über Nietzsche Aus aktuellem Anlass: Eine kleine Kulturgeschichte der Maske

Hinter seiner Maske verbirgt Darth Vader, der berühmteste Maskenträger der Popkultur, dass er früher zu den Guten gehörte. Foto: picture alliance/Rolf Vennenbernd/dpa

Eine ganz kurze Kulturgeschichte der Maske aus Anlass der ab heute geltenden Vermummungs-Pflicht in Läden und öffentlichen Verkehrsmitteln.

 

"Ich bin mir vollkommen bewusst, dass Masken für unsere Kultur etwas Fremdes sind", sagte der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz vor einigen Wochen. Für den Regierungschef eines Landes, in dem Kinder mit Krampussen erschreckt und dessen Schnitzkünstler sich gegenseitig mit immer scheußlicheren Masken für die Perchtenläufe in der Nachweihnachtszeit überbieten, ist das eine durchaus erstaunliche Aussage.

Aber der Satz sagt trotzdem eine Menge aus über Masken, bei denen Unbehagen und Faszination stets nah beinander sind. Kurz macht kein Geheimnis aus den gemischten Gefühlen, die viele von Menschen angesichts des ab heute geltenden Vermummungsgebots in öffentlichen Verkehrsmitteln und Geschäften beschleicht.

Die Maske am Anfang aller Kultur

Sebastian Kurz’ Satz ist aus ethnologischer Sicht absurd, weil es von den Inuit über Afrika über ganz Asien bis in die Täler Tirols hinein keine menschliche Kultur gibt, die auf Masken verzichtet. Und allen ist gemeinsam, dass es dabei fast immer um die Beschwörung von Geistern und Toten geht. Der Träger der Maske verwandelt sich dabei so weit, dass afrikanische Sprachen auf ein eigenes Wort dafür verzichten: Die Maske ist identisch mit dem Wald oder Ahnengeist, den sie darstellt. Und weil ums Numinose immer ein Schauer schwingt, erklärt das bereits einen Teil der Angst, die von Masken ausgeht und die sich bei verkleideten Rockern von Kiss bis Cro in wohligem Grusel oder in der Parodie auflösen.

Die ältesten Masken – vielleicht vor das Gesicht gehaltene Tierschädel – sind auf Höhlenzeichnungen zu sehen. Wer im alten Rom mindestens das Amt eines Ädils bekleidete, durfte sich nach dem Tod in Wachs verewigen lassen. Bei Trauerfeiern trugen Mitglieder der Familie die wächsernen Masken, um so die glorreiche Vergangenheit der Ahnen wieder lebendig werden zu lassen.

Auch die ältesten erhaltenen Masken im bayerischen Raum stammen aus der Römerzeit: Wozu die vergoldeten Gesichtsmasken dienten, die in einer Krise des zweiten Jahrhunderts nahe Straubing vergraben wurden, ist unbekannt. Wahrscheinlich wurden sie bei Militärparaden verwendet.

Maske gegen Psychologie

Masken kannte auch das griechische Theater der Antike, was die Nähe zum Dionysos-Ritual unterstreicht. Im Mittelalter wurden Masken von der Kirche geächtet, um in christlichen Mysterienspielen durch die Sakristeitür wieder zurückzukehren. Noch die Darsteller der italienischen Commedia dell’arte der Renaissance und des Barock trugen Masken. Sie wurden aus dem europäischen Theater erst vertrieben, als mit der Aufklärung die Psychologie und der Realismus auf der Bühne Einzug hielten. Japanische und chinesische Theater blieben der Maske treu, auch wenn sie bisweilen durch starke Schminke ersetzt wurde.

Immer aber, wenn das Theater der Psychologie misstraut, kehren die Masken zurück, zuletzt etwa in den Inszenierungen der Regisseurin Susanne Kennedy an den Kammerspielen. In diesen Zusammenhang gehört auch das wachsende Interesse an indigenen afrikanischen Masken in der Bildenden Kunst gleichzeitig mit der Wende zur Abstraktion.

Das Ritual ist die eine Seite der Maske, die andere die Heimlichkeit. Maskiert lässt sich im Karneval und außerhalb davon allerlei Unfug treiben. Auch österreichische und bayerische Perchten schlagen anonym gern etwa heftiger zu. Und auch schon jetzt zeigt es sich, dass einzelne Menschen mit Atemschutzmaske im öffentlichen Raum zu einem Benehmen neigen, das dem von Radfahrern mit Helm ähnelt.

Maskenpflicht: Mit offenem Visier

Die westliche Kultur ist geprägt von Europa und von der römisch-griechischen Idee des Marktes und des Forums. Alles, was öffentlich geschieht, sollte sichtbar und transparent sein, und dem Gegenüber tritt man mit "offenem Visier" entgegen. Östliche Kulturen mit einer zeremoniellen Tradition verstehen diese Offenheit eher als Grobheit und haben daher mit medizinischen Gesichtsmasken während der Erkältungszeit auch kein Problem.

Die angebliche westliche Offenheit kennt aber auch Abgründe: Der auf dem bekannten Porträt dem heutigen Betrachter maskenhaft entgegenlächelnde Niccolò Machiavelli lobte in seiner Schrift "Der Fürst" die Klugheit von Politikern, die ihre wahren Absichten hinter einer – nur im übertragenen Sinn existierenden – Maske verbergen.

Nietzsche als heimlicher Patron aller Maskenliebhaber

Im Österreich des Maskenskeptikers Kurz gilt seit 2017 ein explizites Verbot der Gesichtsverhüllung, das nach offizieller Lesart jene "zwischenmenschliche Kommunikation" ermöglichen soll, "die für ein friedliches Zusammenleben in einem demokratischen Rechtsstaat erforderlich ist." Dieses Burkaverbot führte dazu, dass Polizisten mit schaltragenden Radfahrern über die Außentemperatur debattieren mussten.

Aber die Coronakrise hat auch unser Nachbarland verändert. Auch hier hält man es neuerdings mit Friedrich Nietzsche, dem Umwerter aller bürgerlichen Werte. "Alles, was tief ist, liebt die Maske", schrieb er in "Jenseits von Gut und Böse". Es ist zum Lieblingszitat aller Maskenfans geworden.

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