Die Kinoverfilmung des Bestsellers von Judith Kerr Interview mit Caroline Link: "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl"

Anna (vorne, Riva Krymalowski)und Bruder Max (Marinus Hohmann)im Pariser Exil. Foto: Warner

Die Münchner Filmemacherin Caroline Link hat den Kinderbuchklassiker „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ fürs Kino verfilmt -  als Familien- und Fluchtgeschichte, die uns immer noch bewegt

 

Diese Frau wirkt immer ausgeglichen. Caroline Link lässt sich für ihre Kinoprojekte immer Jahre Zeit. Jetzt aber hat sie das Tempo angezogen. Denn genau ein Jahr nach dem großen Publikumserfolg von „Der Junge muss an die frische Luft“ kommt – wieder an Weihnachten – „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ ins Kino.

AZ: Frau Link, das Buch von Judith Kerr, ist ein Bestseller der 70er-Jahre, der bis heute gelesen wird. Haben Sie sich auch die andere Verfilmung von 1978 angeschaut?

CAROLINE LINK: Ja, den Fernseh-Zweiteiler von Ilse Hofmann mit Martin Benrath und Elisabeth Trissenaar. Aber der Film hat mich nicht inspiriert. Er war zu steif erzählt, die Kinder eher verkrampft. Ich wollte die Geschwister mehr zum Leben erwecken.

Die Perspektive der Autorin Judith Kerr ist die des Mädchens Anna, das schon im Februar 1933 über die Schweiz, dann Paris nach London flieht. Es ist das Gegenteil der tödlichen Geschichte der Anne Frank.

Das ist der Punkt: Wie mache ich aus so einem relativ undramatischen Stoff etwas Spannendes? Denn die Dramatik spielt auf der geschichtlichen und politischen Ebene im Hintergrund: mit der Reichstagswahl, bei der die NSDAP stärkste Partei wird und Hitler Reichskanzler. Aber das ist für eine Neunjährige in der Dimension nicht durchschaubar, auch weil die Eltern versuchen, ihre Kinder vor der Grausamkeit abzuschirmen, um ihnen keine Angst zu machen. Viele vorherige Drehbuchversuche haben deshalb künstlich Gefahren dazu erfunden, anstatt dem Buch, das ja seit Lesergenerationen funktioniert, zu vertrauen. Das Besondere ist, dass hier eine gefährliche, grausame Zeit so privat erzählt wird – durch wunderbare Details. Das ist für mich Kino.

Aber wenn Judith Kerr sagt, diese Kindheit war die schönste Zeit in ihrem Leben, ist das natürlich problematisch, wenn man den Stoff anpackt.

Aber es ist auch nachvollziehbar: Eine großbürgerliche Familie aus dem Grunewald, mit einem eitlen intellektuellen Vater, dem berühmten und gefürchteten Kritiker Alfred Kerr und einer Musikermutter, muss plötzlich fliehen. Die Eltern, die vorher wenig Zeit für die Kinder hatten, waren plötzlich sehr nah. Diese Nähe hat der Familie Kraft gegeben. Und dazu hat Judith Kerr jahrzehntelang gesagt: „Von diesen Jahren zehre ich heute noch!“ Ihr Vater war ihr Held!

Es ist eine Fluchtgeschichte, die die heutige Perspektive umdreht: Flüchtlinge kommen nicht zu uns, sondern es sind Leute aus dem deutschen Bürgertum, die fliehen müssen, weil ihnen Gewalt, KZ und letztlich der Tod droht.

Ich fand die Idee reizvoll, dass junge Zuschauer ein Kind aus ihrer vertrauten Welt erleben, dem das zustößt, was für uns unvorstellbar ist: Ohne eigenes Verschulden fliehen zu müssen. Dieses Mädchen lebt wie Kinder heute: Es hat ein Lieblingsspielzeug und Lieblingsessen, eine nette Oma, die in Annas Fall die Haushälterin war. Sie ahnt etwas von der Erwachsenenwelt, aber lebt in einer normalen Kinderwelt mit Fasching und deutscher Weihnacht. Und dann muss sie plötzlich weg! Der rote Faden für mich war die folgende Idee: Anna zeichnet sich einen Kalender, in dem sie die Tage abstreicht, bis sie wieder nach Hause darf. Solange, bis sie erkennt, dass es kein Zurück geben wird. Diese Einsicht ist schmerzhaft genug. Da muss in Paris nicht noch ein Nazi an die Tür klopfen.

Was kann Kino, was der Geschichtsunterricht nicht so gut kann?

Ich sehe das an meiner 17-jährigen Tochter. Wenn sie mit Freunden einen starken Spielfilm zu einem geschichtlichen Thema sieht, ist das erlebbarer und einprägsamer als Fakten. Man braucht aber beides, weil die Emotion sonst zu manipulierbar wäre.

Woher hatten Sie die Sicherheit, dass Sie mit Ihren Ansätzen richtig liegen?

Ich habe mit Judith Kerr vor ihrem Tod in diesem Mai mehrmals telefoniert. Sie konnte auch nach Jahrzehnten noch sehr gut Deutsch, auch wenn sich natürlich ein englischer Akzent eingeschlichen hatte. Die Bundesrepublik kannte sie ja nur noch aus den Medien und von ihren Lesereisen. London war ihre neue Heimat, ihr Zuhause, es gab wohl keinen Drang mehr zurück. Ihre Tochter, die ich getroffen habe, spricht gar kein Deutsch mehr.

Interessant ist auch, dass für viele Juden das Jüdischsein keine Rolle spielte. Und plötzlich waren sie keine Deutschen mehr, sondern „Unmenschen“.

Beim Vater Alfred Kerr war das genau so. Als man ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzieht, schreibt er, jetzt sei er nur noch eins: Jude. Um dann aber auch zu sagen: „Es ist ein beglückender Gedanke, Teil dieses wunderbaren Fabelvolkes zu sein.“ Was er weniger religiös als kulturell meinte. Man kennt das ja selber auch ein bisschen: Die eigene Identität wird einem stärker bewusst, wenn man aus seiner Umgebung herausgenommen ist. Mir ging das als Au-pair-Mädchen in den USA so. Da habe ich gemerkt, dass ich Europäerin bin, was ich an Deutschland liebe und was mich geprägt hat.

Der Vater sagt nach Berlin, der Schweiz und Paris, als man nach London weiter geht: Vielleicht sind wir jetzt nicht mehr an einem Ort zu Hause, sondern überall ein bisschen.

Aber kann das schön sein? Es geht – im Buch und in meinem Film – natürlich um die Frage, wie und wo man sich zuhause fühlt. Gleichzeitig finde ich es witzig, dass man jetzt seine genetische Abstammung testen lassen kann. Eine Freundin von mir hat dafür Haare in die USA geschickt. Und da kam heraus, dass sie zu einem erheblichen Anteil Schwedin ist mit einem kleineren Anteil Osteuropa. Diese Gene in sich zu entdecken kann ja auch ein Impuls zur Völkerverständigung sein. 


 
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