Die Katastrophe von Japan: Zu wenig Essen. Zu viele Tote

Dicht an dicht liegen sie: Ein Pflegeheim wurde in diese Turnhalle evakuiert Foto: AP
 

Im Schatten des Gaus herrscht im Nordosten Japans unvorstellbares Leid.

Tokio - Etsuro Kitamura hat ein Problem mit den Toten. Es sind einfach zu viele. Der Vize-Bürgermeister der Stadt Ishinomaki sagt, dass vermutlich 10000 der bisher 160000 Einwohner gestorben sind. „Unsere Stadt hat nur ein Krematorium, das kann 18 Leichen pro Tag verbrennen. Wenn also 10000 tot sind, brauchen wir 500 Tage, um sie alle zu verbrennen.” Die Toten sind selbstverständlich nicht sein größtes Problem; aber sie machen deutlich, wie unvorstellbar die Dimensionen der Katastrophe sind. Für die Menschen in Nordostjapan ist die atomare Bedrohung derzeit nur im Hintergrund: Sie sind zu sehr mit dem akuten Überleben beschäftigt, mit ihrem Leid und der Not.

4146 Leichen wurden bisher landesweit identifiziert und damit offiziell bestätigt; die Zahl der Toten wird aber noch um ein Vielfaches steigen. In Ishinomaki rechnet der Vize-Bürgermeister nicht mehr damit, dass von den Vermissten noch jemand gerettet werden kann. „Die Leichen liegen unter den Trümmern, manche wurden ins Meer gespült.” Einige Schulen und Turnhalen wurden zu Leichenhallen umfunktioniert. Immer wieder kommen Menschen, verbeugen sich vor den Helfern, gehen dann still zwischen den Reihen der Toten entlang, um Angehörige zu suchen.
Doch die Gemeinde braucht den Platz auch für die Lebenden. 39854 Einwohner sind in 106 Notunterkünften untergebracht, ein Viertel der Bevölkerung. Landesweit ist es eine halbe Million. Sie sind hungrig, sie frieren. Mieko Kono, eine Prostituierte, die vom Tsunami bei der Arbeit erwischt wurde und nun im Leopardenmini zitternd auf dem Turnhallen-Boden sitzt: „Wir bekommen nur einen Reisball am Tag zu essen.” Für Kinder gibt es noch eine Banane dazu.

Die Versorgung mit Lebensmitteln ist schwierig, auch, weil es wegen der Benzinrationierungen Transportprobleme gibt. In vielen Orten und ohnehin in den Notunterkünften wird das Essen rationiert.

Draußen herrschen Temperaturen unter Null, mal Schnee, mal Schneeregen. In den kalten Turnhallen drängen sich die Evakuierten dicht an dicht, möglichst in Decken gehüllt. Im ganzen Ort stehen viele stundenlang für Trinkwasser an oder für ein bisschen Benzin. Alle haben schreckliche Dinge hinter sich. Viele haben zusehen müssen, wie Angehörige ertrunken sind. Manche leiden darunter, dass sie eben nicht wissen, ob der Vater oder Freund tot ist – oder nur in einer anderen Behelfsunterkunft: Die Kommunikationsnetze funktionieren kaum.
Miki Teshima (29) ist Grundschullehrerin. Als die Flutwelle kam, als das Tosen immer lauter wurde, flüchtete sie mit den Kindern ins höchste Stockwerk. „Sie weinten und schrien so laut, sie nahmen sich gegenseitig in die Arme und versprachen sich: ,Alles wird gut.’” Zehn ihrer Schüler werden vermisst.

Die Versorgung ist prekär. Am Anfang gab es viele Helfer, auch aus anderen Ländern – selbst Afghanistan hat Unterstützung angeboten. Doch seit die atomare Gefahr immer konkreter bedrohlicher wird, sind viele Retter aus dem Krisengebiet im Nordosten wieder abgezogen.

Die Angst vor einem Fallout, die im restlichen Japan immer präsenter ist, steht hier, wo die Flutwelle ganze Orte niedergewalzt hat, allerdings immer noch eher im Hintergrund: „Die Menschen sind ständig damit beschäftigt, sich irgendwie warmzuhalten und Lebensmittel aufzutreiben. Die haben keinen Nerv für etwas anderes”, so ein deutscher Reporter.
In Zeiten solcher Not aktiviert sich eines der beiden Angstsysteme des Menschen, „das ohne Abitur sozusagen”, sagt Angstforscher Borwin Bandelow. „Es reagiert auf unmittelbare Bedrohungen: Schlange, Messer, Abgrund. Es aktiviert den Überlebensmodus, schützt vor psychischen Schäden und kümmert sich um primäre Bedürfnisse.” Das zweite, das intellektuelle Angstsystem, in dem Informationen über radioaktive Gefahren gespeichert sind, trete vorerst zurück.

Was allen Reportern auffällt: keine Hysterie, keine Plünderungen, keine Aggression. Aber viel stille Trauer. Selbst ein japanischer Soldat sagt: „Sie rufen nicht ,Hilfe!’ Sie fragen höflich: ,Können Sie mir bitte beistehen?’” Susumu Hirakawa, Trauma-Psychologe in Tokio: „Die Menschen im Nordosten Japans stehen im Ruf, besonders stoisch, zurückhaltend und geduldig zu sein. Aber das jetzt ist zu viel für sie.” 

 

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