Die Geschichte von Feldherrnhalle und Siegestor Münchens bröckelnde Wahrzeichen

Rechts: Von Ludwig I. am Odeonsplatz erbaut – und bis heute immer wieder ein Schauplatz der Geschichte, politisch, aber auch kulturell: die Feldherrnhalle. Links: „Dem Sieg geweiht. Vom Krieg zerstört. Zum Frieden mahnend“: Das Siegestor bei Nacht. Foto: dpa

Die Feldherrnhalle und das Siegestor sind in „einem erbärmlichen Zustand“, beklagt Ex-Minister Faltlhauser. Die AZ erklärt, was es mit den Prachtbauten auf sich hat.

 

Kurt Faltlhauser liebt die Ludwigstraße. Schon in jungen Jahren hatte er als Fremdenführer die 1170 Meter lange Trasse des zweiten bayerischen Königs gründlich durchmessen. Später amtierte er neun Jahre lang als Finanzminister im repräsentativen Leuchtenberg-Palais. Seinerzeit machte er sich für einen (noch der Vollendung harrenden) Dichterpark im Finanzgarten stark und warnte vor einer Wiederherstellung von Klenzes grau-grünlicher Fassadenfarbe, wie von der staatlichen Denkmalpflege verlangt. Deshalb darf die helle Ockerfarbe, die später aus Wien importiert wurde, rund um den Odeonsplatz nach wie vor dominieren. Ein Erfolg, der Freunde des gewohnten Stadtbildes freut.

Neuerdings sieht sich Faltlhauser wiederum zur Warnung veranlasst. Dem 75-jährigen Kunstfreund ist nämlich bei seinen Promenaden aufgefallen, dass die beiden Pforten respektive Pole der Prachtmeile – das Siegestor im Norden und die Feldherrnhalle im Süden – sichtlich bröckeln, dass sie vielleicht sogar vom Einsturz bedroht sind.

Die Passanten und das städtische Baureferat, das erst mal abwiegelt, hat ein solcher Prozess vielleicht deshalb noch nicht alarmiert, weil beide Gebäude keinen wirklichen „Nutz- und Besuchswert“ haben. Doch gehören Halle wie Tor immerhin zu den Wahrzeichen Münchens – und zu deren historisch interessantesten Monumenten, wie folgender Blick in die Baugeschichte zeigt.

Die Geschichte der Feldherrnhalle

Ein Gebäude von höchster Symbolkraft schließt die Ludwigstraße gegen die Altstadt ab: die Feldherrnhalle. Seit sie 1841 bis 1844 errichtet wurde, hat sie Könige und Künstler, Feldherren und Ratsherren, Baufachleute und Bürger immer wieder zu neuen Ideen und Initiativen herausgefordert.

Drei bedeutende Architekten hatten sich an dem rein repräsentativen Bau versucht, bevor Leo von Klenze – nach einer Idee des Kronprinzen Ludwig – das mittelalterliche Schwabinger Tor sowie den Gasthof „Bauerngirgl“ abbrechen ließ und mehrere Pläne erarbeitete. Sie sahen alle eine geschlossene Ehrenhalle im Anschluss an das Preysing-Palais vor.

Als König wünschte sich Ludwig plötzlich aber eine offene Halle. 1835 erhielt sein neuer Günstling Friedrich von Gärtner den Bauauftrag, den einzigen im südlichen, sonst von Klenze bebauten Bereich der neuen Straße: Die Halle sollte in Grundform und Abmessungen der Loggia dei Lanzi in Florenz gleichen, ohne Kopie zu sein. Gärtner erhöhte einfach die Freitreppe und ließ dadurch die Anlage noch monumentaler erscheinen als ihr italienisches Vorbild.

Als „Einrichtung“ schwebten dem König Denkmäler für die „Retter Europas“ vor, wobei er, der Franzosenfeind, an Blücher, Wellington, den Zaren von Russland sowie die Könige von Bayern, Preußen und Schweden dachte. Es blieb dann aber bei Statuen für den Kurpfälzer Feldmarschall Philipp Fürst von Wrede und den Grafen Johannes Tilly. Beide bayerischen Heerführer wurden aus dem Erz eroberter Kanonen gegossen. Am Jahrestag der Völkerschlacht von Leipzig wurde die Halle feierlich eingeweiht.

„Welcher Löwe ist der preußische? Der linke, der reißt’s Maul auf“

Ein halbes Jahrhundert später, 1894, wurde in der Hallenmitte ein „bayerisches Armeedenkmal“ postiert. Prinzregent Luitpold wünschte es. Er wollte keine weiteren Feldherren aufstellen, „wir haben keine“. Ferdinand von Miller löste die Aufgabe, indem er einen antiken Krieger modellierte, der ein Schild über eine Allegorie des Friedens hält.

Erst 1906 kamen beiderseits der Treppe zwei schreitende Löwen aufs Podest. Bildhauer Wilhelm Rümann schuf die Wappentiere aus Südtiroler Marmor, wozu man ihm als Modell einen lebendigen Käfig-Löwen namens „Bubi“ zur Verfügung stellte. Die Steinlöwen waren ursprünglich für ein Prinzregentendenkmal in Nürnberg bestimmt. Beliebt ist heute noch die Scherzfrage: „Welcher Löwe ist der preußische?“ Antwort: „Der linke, der reißt sein Maul auf.“

Eine riesige Menschenmenge versammelte sich am 4. August 1914 vor der Feldherrnhalle, wo die Mobilmachung für den Ersten Weltkrieg verkündet wurde. Auf einem berühmten Foto erkennt man in den vorderen Reihen einen mitjubelnden Mann mit Schnurrbart und Hut, der kein anderer als der Münchner Wahlbürger Adolf Hitler sein soll.

Am 9. November 1923 war Hitler wieder vor der Feldherrnhalle. Diesmal als Anführer eines Zuges von nationalsozialistischen Putschisten. Die Landespolizei ging jedoch in Stellung und feuerte, als ein Schuss zu hören war, in die anrückende Menge. Fünfzehn Mann – und versehentlich ein Kellner vom Café Annast – kamen ums Leben. Außerdem starben vier Polizisten, an die seit 2010 eine Gedenkplatte an der Wand erinnert.

Nach der tatsächlichen „Machtübernahme“ wurde die Halle ein „nationales Heiligtum“. Eine Bronzetafel mit Ehrenwache für die „Märtyrer der Bewegung“ und dem Spruch „Und ihr habt doch gesiegt!“ wurde angeschraubt. Nur mit dem Hitlergruß durfte vorbeigegangen werden. Manche Münchner bevorzugten den Umweg über die Viscardigasse, das sogenannte Drückebergergasserl. Goebbels gab hier 1938 das Signal zum Auftakt der Novemberpogrome, der sogenannten „Kristallnacht“.

Heuss und Lübke weigerten sich, hier zu sprechen

Bald nach dem Krieg nutzten alle politischen Parteien und andere Massenorganisationen das fast unbeschädigte Podium zwischen den Löwen für Großkundgebungen; sogar die kommunistischen Parteiführer Pieck, Grotewohl und Ulbricht erschienen.

Großen Jubel erntete Frankreichs Staatspräsident Charles de Gaulle, als er hier verkündete: „Es lebe die bayärisch-französische Freundschaft“ (Originalaussprache).

Die deutschen Bundespräsidenten Heuss und Lübke dagegen weigerten sich, von den Stufen dieses politisch belasteten Bauwerkes aus zu sprechen. Später aber fanden hier wieder militärische Zeremonien wie der Große Zapfenstreich statt. Und im Umbruchjahr 1968 waren die Gebäude an den Enden der Ludwigstraße häufig Bühnen für allerlei Märsche und Demos; einmal erlebte die Feldherrnhalle einen Protestzug in geliehenen SS-Uniformen, der 20-jährige Lokalreporter und Jungsozialist Christian Ude berichtete: „Das Happening fand selbst bei mehreren Mitgliedern linker Studentengruppen ein sehr skeptisches Echo.“

Neuerdings steht das sensible Monument wieder im politischen Visier: Zwar hat die Stadt mehrmals – zuletzt am 9. November – versucht, Demonstrationen der Pegida vor der Feldherrnhalle zu unterbinden, doch das Verwaltungsgericht hob alle Verbote auf. Einmal gelang es Ausländerfeinden gar, in die Halle selbst einzudringen und dort rechte Parolen hinaus zu plärren. Viel öfter aber wird Ludwigs „heilige Halle“ für Konzerte, Feste und allerlei Unterhaltung genutzt.

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Ein ganz anderes Problem ist der bauliche Zustand. Der frühere Finanzminister Faltlhauser, der erstmals im August eine Sanierung der Feldherrnhalle einforderte, kann sich auf ein Gutachten der Natursteinberaterin Anette Ritter-Höll stützen: Es bestehe dringender Handlungsbedarf.

Aktuelle Aufnahmen an den Gewölben zeigten massive Verwitterungsprozesse und Zersetzungen des Gesteins, Risse, Ablagerungen und Feuchtflecke durch die Einwirkung von Wasser.

Die Geschichte des Siegestors

Ähnlich geschichtsbeladen wie die Feldherrnhalle – vergleichbar dem Brandenburger Tor in Berlin – ist das Siegestor. „Völlig antik“ ließ Ludwig II. am Nordende „seiner“ Straße ab 1843 das Bauwerk errichten. Vorbilder waren der Konstantinsbogen in Rom und Napoleons Arc de Triomphe in Paris.

Eduard Metzger vollendete das von Friedrich Gärtner entworfene Tor als „Triumphpforte“. Die wurde dann zur „Siegespforte“ und schließlich zum „Siegesthor“.

Der Einweihung im Jahr 1850 blieb der König – er war zwei Jahre zuvor wegen der Montez-Affäre in den Ruhestand gezwungen worden – demonstrativ fern. Von allen Seiten her bot sich den Münchnern, die immer noch über Ludwigs kostspielige Launen und Liebschaften zürnten, ein neuer, schöner, aber eigentlich nutzloser Monumentalbau aus weiß-gelbem Kalkstein.

Der Bauherr hat es gleich der Stadt vermacht

21 Meter hoch ragten drei Bogentore, gefasst durch vier klassizistische Säulen in die Höhe: das Ganze 24 Meter breit, 410 000 Gulden teuer, über und über besetzt mit Ornamenten, Figuren und Reliefs, die kämpfende oder im Ansturm begriffene Krieger und Amazonen darstellten.

Geschichtskundige fragten sich gleich, auf welchen Sieg das Siegestor denn Bezug nehme. „DEM BAYERISCHEN HEERE“ war es auf der Nordseite gewidmet, während die der Stadt zugekehrte Seite an den königlichen Bauherrn erinnerte. Dieser vermachte das aus seiner Schatulle bezahlte Werk gleich der Stadt, welcher Nachfolgekosten somit nicht erspart blieben. Das gilt bis heute. 1852 endlich wurde auch die von Ferdinand von Miller längst gegossene Quadriga obenauf gehievt (und bereits fotografiert): eine sechs Meter große Bavaria, die einen von vier Löwen gezogenen Wagen lenkt (ursprünglich waren Pferde vorgesehen).

Als am 16. Juli 1871 bayerische Truppen nach ihren Siegen im deutsch-französischen Krieg durch das feierlich geschmückte Tor einzogen, bekam es erst die richtige Weihe. 1918 marschierten geschlagene Weltkriegssoldaten hindurch, dann Rotarmisten, später mit viel Trara diverse Verbände der Nationalsozialisten.

Von den Besatzern erst als „faschistisch“, dann zu einer „Bedrohung der öffentlichen Sicherheit“ erklärt, sollte das im Krieg schwer beschädtigte Tor im Juli 1954 abgerissen werden. Militärische Symbolik war ohnehin nicht mehr gefragt. Dank der Bemühungen des Landesamts für Denkmalpflege wurde es aber 1956 doch notdürftig geflickt.

Die zerstörte Südfassade erneuerte Otto Roth als blanke Ziegelsteinwand mit Platten, auf die nach langem Hin und Her zum Stadtgründungsjahr 1958 die Worte eingemeißelt wurden: „DEM SIEG GEWEIHT. VOM KRIEG ZERSTÖRT. ZUM FRIEDEN MAHNEND.“

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Vorgeschlagen hatte diese Inschrift der Theaterprofessor Hanns Braun. Die Quadriga konnte erst im Olympiajahr 1972 wieder ihren angestammten Platz einnehmen. Bavaria und Streitwagen mussten neu gegossen werden, nur die vier bayerischen Wappentiere waren original.

Während die einstige Triumphpforte nunmehr zum Mahnmal geworden war, wurden die vier Siegesgöttinnen und die Steinmedaillons erst 1995 in einem städtischen Bauhof entdeckt und wieder öffentlich präsentiert. Die Trümmer bilden heute ein „Lapidarium“, ein kleines, verstecktes historisches Freilichtmuseum, zwischen Stadtmuseum und Viktulienmarkt.

Am Siegestor selbst aber zeigten sich bereits tiefe Risse im verwitterten Bauwerk und Rostfahnen auf den Reliefs. Deshalb verschwand es hinter Gerüsten und einer Zeltplane, die riesengroß mit einer Bierwerbung bemalt war – was die auf 6,5 Millionen Mark auflaufenden Sanierungskosten fast halbierte.

Fast vier Jahre waren Steinmetze und Bauarbeiter am Werk. Am 11. Juni 1999 hieß es abermals: Macht das Tor auf! Seine Funktion als Stadteinfahrt hat es allerdings nie wahrnehmen können, zumal schon bald nach seiner Ersteröffnung die Leopoldstraße bebaut und das Dorf Schwabing eingemeindet worden war. Aber auch seine eigentliche, ästhetische Funktion ist immer wieder in Frage gestellt worden. Viele Jahre dienten die Straßenränder rundum als privater Automarkt.

Ob das geschichtsträchtige Tor nun auf immer ein Torso bleiben soll, darüber ist das Volk nie befragt worden. Dabei hatte der Stadtrat im Oktober 1956 einstimmig beschlossen, das Siegestor solle „in ursprünglicher Form wiederhergestellt“ werden. Der „provisorischen Lösung“ an der Südseite wurde nur wegen der damals fehlenden Mittel mehrheitlich zugestimmt.

Seit zwei Jahren plant das Baureferat, den ziemlich öden Platz südlich des Triumphbogens durch „Annäherung an die historische städtebauliche Konzeption“ zu verschönern. Das Chaos von Fahrbahnen, Parkplätzen und Taxiständen soll bereinigt und begrünt werden. Bis zum Geschwister-Scholl-Platz vor der Universität soll von der Leopoldstraße her wieder eine Pappelallee mit breiten Gehwegen angelegt werden.

Auch der Freistaat ist beim Siegestor im Zugzwang

„Ich halte das für eine nette, aber keine triumphale Idee, solange das Siegestor selbst in einem erbärmlichen Zustand ist,“ schrieb nun der ehemalige Finanzminister Faltlhauser, der nahebei als Rechtsanwalt tätig ist, in einem Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter und seinen Nachfolger Markus Söder.

Denn auch den Freistaat sieht er hier im Zugzwang. Nachdem das Gestein „bröselt“ und sich überall schwarze Flecken bildeten, meint er, wäre eine neuerliche, gründliche Sanierung dringend nötig.

Der Beitrag auf diesen Seiten basiert zum Teil auf den zwei Bänden „Prachtstraßen in München“ von Karl Stankiewitz, Verlagsanstalt Bayerland.

 

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