Die Geburt von Oasis Als England noch eine Zukunft hatte

Die Brüder Liam (links) und Noel Gallagher Foto: dpa

Vor einem Vierteljahrhundert begann die Oasis-Ära und der popkulturelle Siegeszug von Cool Britannia

 

Wie fern erscheint uns das Großbritannien der seligen Neunziger Jahre: Da war das Land angesagt und stilbildend, London war ein weltweit bewundertes Zentrum von Mode, Kunst, Jugendkultur und, tja, auch der Finanzbranche, deren Ruf damals noch nicht ramponiert war. Europa blickte neidvoll auf dieses „Cool Britannia“. Den Begriff gab es schon seit 1967, als die Bonzo Dog Doo Band einen gleichnamigen Song spielte, in einer ironischen Abwandlung des patriotischen Liedes „Rule Britannia“. In den Neunzigern tauchte der Begriff zunächst als Name einer Eissorte von „Ben & Jerry“ wieder auf – und dann verwendeten ihn weltweit Medien für das Land, das wirtschaftlich und kulturell aufblühte und sogar politisch irgendwie hip wirkte: Der recht jugendliche Tony Blair versprach mit „New Labour“ einen „dritten Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus und gewann 1997 die Wahl. Die wichtigsten Botschafter von „Cool Britannia“ waren da längst die Stars der Britpop-Welle, die seit Mitte der Neunziger die europäische Popmusik dominierte. Bands wie Blur, Suede oder Pulp hatten einen dezidiert britischen Sound und ein ebensolches Image. Die allergrößten Britpop-Stars aber waren Oasis.

Wonderwall - der Song der Epoche 

Die Veröffentlichung ihres Debütalbums „Definitely Maybe“ war ein wichtiger Baustein für Britpop und Cool Britannia. Am Donnerstag ist das 25 Jahre her: Das Album erschien am 29. August 1994. Es wurde ein Riesenerfolg, das bis dahin bestverkaufte Indie-Debüt in Großbritannien. Die Band strotzte vor Selbstbewusstsein und kündigte bereits siegessicher an, was da kommen sollte: Frontmann Liam Gallagher wiederholte im ersten Song Mantra-artig die Zeile „I’m a Rock ‘n’ Roll Star“. Und das war er bald auch, ebenso wie sein Bruder Noel Gallagher, der Gitarre spielte und die Songs schrieb. „Ich kann mich daran erinnern, dass ich damals echt stolz war“, sagt Sänger Liam Gallagher, inzwischen 46, über das Debüt. Er sitzt in Berlin – Noel Gallagher, 52, hingegen kommt 1000 Kilometer weiter westlich in London zum Interview. Fragen nach dem jüngeren Bruder beantwortet der Gitarrist nicht. Die Distanz zwischen den beiden könnte kaum größer sein. Ihre Feindschaft ist legendär, sie zelebrieren sie seit Jahrzehnten. „Wir haben unser eigenes Ding gemacht“, sagt Noel über die damalige Zeit. „Aber weil wir die größte Band von allen waren, wurden wir mit in die Britpop-Schublade gesteckt.“ Beim Treffen ist er manchmal gelangweilt, zuweilen etwas arrogant. Er scheint sich einen Spaß aus seinem Ruhm zu machen. Aber er ist eben auch derjenige, der für den Erfolg von Oasis hauptverantwortlich war. Hits wie „Don’t Look Back In Anger“, „Wonderwall“, „Supersonic“ oder „Live Forever“ stammen aus seiner Feder.

Angesprochen auf sein Songwriting sagt Noel: „Ich erlaube der Brillanz, sich über mich zu ergießen. Meistens tut sie das.“ An Selbstbewusstsein hat es den Gallaghers nie gemangelt. „Wie hatten großartige Songs, eine starke Attitüde und große Klappen“, sagt Liam Gallagher. Und so traf ein ums andere Mal Ego auf Ego. Die beiden Brüder machten nie einen Hehl daraus, dass sie einander nicht ausstehen können. Der Jüngere – auch nicht auf den Mund gefallen – musste etwa bis zum Oasis-Album Nummer fünf („Heathen Chemistry“) warten, bis Noel erlaubte, dass auch mal einer von Liams Songs als Single ausgekoppelt wurde. „Wir waren meiner Meinung nach die wichtigste Band der 90er Jahre“, sagt Liam Gallagher heute. „Wichtiger als The Verve, Blur, Radiohead, die verdammten Suede oder Pulp.“ Was ihn aber wurmt: Oasis seien zwar groß in England gewesen, aber nie weltweit – so wie etwa U2 oder Coldplay. „Ich dachte, wir werden ein ganzes Stück größer.“ Doch größer werden ist seit 2009 nicht mehr drin. Zwar gab es schon davor immer wieder Streit – teils amüsant, teils peinlich. Doch diesmal platzte Noel endgültig der Kragen: Er könne nicht länger mit Liam zusammenarbeiten. Minuten vor einem geplanten Auftritt schmiss er hin und ließ den Bruder und die anderen Bandmitglieder zurück. Von „verbalen und gewalttätigen Einschüchterungen“ war die Rede.

Die Trennung war Definitely kein Maybe

Praktisch genau 15 Jahre nach Veröffentlichung von „Definitely Maybe“ ging damit eines der erfolgreichsten Kapitel der jüngeren Musikgeschichte zu Ende. Nach eigenen Angaben will die Band weltweit bis heute mehr als 70 Millionen Alben verkauft haben. Alle sieben Studioalben stiegen an die Spitze der britischen Charts. Der Zweitling „(What’s The Story) Morning Glory“ von 1995 mit den Mega-Hits „Wonderwall“ und „Don’t Look Back In Anger“ gehört zu den fünf bestverkauften Platten aller Zeiten auf der Insel. Acht Jahre nach der Auflösung wurde Oasis plötzlich noch mal wichtig: Unmittelbar nach dem islamistischen Terroranschlag in Manchester 2017 mit fast zwei Dutzend Toten bot ihre Mitsing-Hymne „Don’t Look Back In Anger“ musikalischen Zusammenhalt. Ihre berühmten Söhne schenkten der Stadt mit dem alten Lied ein wenig Trost – einen gemeinsamen Auftritt gab es aber nicht. Seit dem Ende der Band konkurrieren die Gallaghers musikalisch aus der Ferne miteinander. Der Name zieht immer noch: Sowohl Noels erstes Album mit seiner neuen Band, den High Flying Birds, als auch Liams Solo-Platte von 2017 gehören zu den zehn erfolgreichsten Debüts des aktuellen Jahrzehnts in Großbritannien. Allerdings muss man heute im Streaming-Zeilater sehr viele weniger Alben verkaufen als in den Neunzigern, um in solche Bestenlisten einzuziehen.

Dass die Brüder wieder zusammenfinden werden, ist unwahrscheinlich. Vor zwei Jahren meinte Liam noch, dass er viel lieber eine neue Oasis-Platte aufgenommen hätte. Vor dem Start seines zweiten Albums „Why Me? Why Not.“ ist er nun aber ernüchtert: „Die Sache mit Noel ist derzeit wohl schlimmer, als sie es jemals war.“ Ob sich dieser Streit, dieses Zerwürfnis jemals überwinden lässt? Es gibt keinen Grund für Optimismus. Und so kann die vollends zerrüttete Band Oasis heute wie in den goldenen Neunzigern als Symbol für Großbritannien stehen. Beide waren cool, und ihre Zukunft sah rosig aus. Im Brexit-Jahr 2019 ist nur die Erinnerung an glorreiche Zeiten übrig geblieben.

 

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