"Die Entführung aus dem Serail" an der Pasinger Fabrik Mozart explodiert am Ätna

Statt Harem mit Pascha eine Künstlergruppe mit Guru: Bernd Gebhardt als Osmin, hinten Isabel Kott (Camille), vorne Joshua Spink (Pedrillo) und Andrea Jörg (Blonde). Foto: Katalin-Maria Tankó / Pasinger Fabrik

Das schreit nach dem Ruf an größere Häuser: In der Pasinger Fabrik läuft „Die Entführung aus dem Serail“ von Mozart, inszeniert von Stefan Kastner

 

Bassa Selim heißt in Wirklichkeit Erwin und kommt aus Weilheim. Das wußten wir bislang noch nicht über den edelmütigen Osmanen aus Wolfgang Amadeus Mozarts Singspiel „Die Entführung aus dem Serail“.

Zu seinem 50. Geburtstag jedenfalls bekommt der Erwin Post von Andy Warhol und durch Präsident Richard von Weizsäcker das Bundesverdienstkreuz verliehen. Des Rätsels Lösung: Bassa Selim ist in dieser Inszenierung das bloße Pseudonym eines bedeutenden Bildhauers, der am Fuße des Ätna eine Künstlerkolonie gegründet hat.

Zwischen Münchner Hauptbahnhof und Sizilien

Dort beaufsichtigt der Guru im weiten Hemd (Kostüme: Elisabeth Anna Pletzer) die Versuche seiner Kunst-Schüler. Er lobt die „große Frömmigkeit“ einer Schildkröten-Figur und schilt das nicht fertig werden wollende Ready-made einer Gießkanne (Bühne: Valerie Dziki).

Regisseur Stefan Kastner hat Mozarts Singspiel in einer eigenen Dialogfassung von Grunde auf neu erzählt. Dazu wurden die Gesangstexte behutsam angepasst und eine zusätzliche weibliche Figur namens Camille eingeführt, um Symmetrie der Paare herzustellen.

In der Neuproduktion der Pasinger Fabrik leben Konstanze, Blonde und Pedrillo im freiwilligen Exil, während Belmonte sich in einer witzigen Videosequenz zur Ouvertüre vom Münchner Hauptbahnhof aus auf den Weg nach Sizilien macht, um sich seine Frau zurückzuerobern.

Die lästige aktuelle Islamdiskussion ist hier elegant vermieden

Damit wird die religionspolitische Dimension des Stoffes ausgeklammert, die in der derzeit aufgeladenen gesellschaftlichen Situation ohnehin nicht ohne hysterische Verzerrung angesprochen werden kann.
Statt abgestandener Türkenmode mit Haremsschwüle und augenrollendem Christenfresser sieht man bittersüße Liebesgeschichten unter aufgeklärten Erwachsenen.

Der versierte Schauspieler Rainer Haustein verbreitet als Bassa Erwin eine urwüchsige, doch leise Melancholie, die sich am Schluss tragisch zuspitzt. Einen versöhnlichen Kontrast dazu bietet der eher leichte und lustige Osmin von Bernd Gebhardt. Eine gelungene inszenatorische Balance.

Virtuose Koloraturen, lässige Quirligkeit: Begeisterung!

Geschickt nutzt die Inszenierung die begrenzte, doch intime Räumlichkeit in Pasing aus, welche vom zehnköpfigen Instrumentalensemble unter dem professionellen Dirigat von Andreas Pascal Heinzmann mit Brio erfüllt wird.

Wie immer gibt es aus Termingründen zwei bis drei Besetzungen für die einzelnen Rollen. Auf herausragendem Niveau sieht man sowohl Julia Bachmann (Konstanze) als auch Andrea Jörg (Blonde). Sie jonglieren ihre halsbrecherischen Koloraturen begeisternd virtuos. Thomas Kiechle als Belmonte phrasiert mit geschmeidigem Tenor höchst gesanglich, und der quirlige Michael Etzel als Pedrillo setzt dazu einen prallen Kontrast.

Es wäre kein Wunder, wenn diese Sänger bald von einem größeren Haus engagiert würden.
   
Noch bis 18. August, Pasinger Fabrik, Wagenhalle. Open-Air im Schloss Blutenburg: 18.–23. Juli, Karten: 82 92 90 79 und auf www.muenchenticket.de

 

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