Die Entdeckung der Currywurst Uwe Timm wird 80 Jahre alt

Der deutsche Schriftsteller Uwe Timm. Foto: dpa

Uwe Timm lässt sich als Autor nicht in eine Kategorie stecken. Heute wird der Wahlmünchner 80 Jahre alt

 

Die Bandbreite von Uwe Timms Werk ist gewaltig. Er schrieb das Drehbuch für sein Jugendbuch „Rennschwein Rudi Rüssel“ oder die „Buby Scholz-Story“, große politische Romane wie „Heißer Sommer“ oder „Rot“, und seine Novelle „Die Entdeckung der Currywurst“ wurde in über zwei Dutzend Sprachen übersetzt. Diese ungewöhnliche Liebesgeschichte am Übergang vom Nationalsozialismus in die Nachkriegszeit rührt an ein heikles Thema, erfindet doch die Protagonistin Lena Brücker darin zufällig eine pikante Wurstsoße.

Ausgerechnet eine Hamburgerin, wo doch Berlin und das Ruhrgebiet die Currywurst bereits für sich reklamieren. Timm lacht, wenn man ihn danach fragt. „Das ist doch Literatur, das ist eine fiktive Gestalt“, sagt der Schriftsteller, der heute 80 Jahre alt wird. „Manchmal wird Literatur Wirklichkeit.“

Die Liebe zum Erzählen entdeckte er als Kind

Die Wirklichkeit ist in Timms Büchern ein wichtiges Thema, vor allem diejenige in Zeiten des Umbruchs. Sein Roman „Ikarien“ (2017) etwa erzählt von dem Arzt Alfred Ploetz, der während des NS-Terrors den Begriff der Rassenhygiene prägte. Er war der Großvater von Timms Ehefrau, der literarischen Übersetzerin Dagmar Ploetz, mit der Timm seit über einem halben Jahrhundert im Lehel lebt.

Das Buch „Morenga“, das 1985 als Fernseh-Dreiteiler verfilmt wurde, setzt sich mit der deutschen Kolonialgangenheit und dem Hereroaufstand in Südwestafrika auseinander. Die 1968er-Bewegung beschreibt er in Werken wie „Heißer Sommer“ und „Kerbels Flucht“ sowie in der Erzählung „Der Freund und der Fremde“ über seinen 1967 bei Protesten erschossenen Freund Benno Ohnesorg.

Sein wohl persönlichstes Werk: „Am Beispiel meines Bruders“. Der ältere Sohn der Familie, der freiwillig der Waffen-SS beitrat und 1943 im Lazarett starb, als Timm drei Jahre alt war. „Mein Bruder ist ein Teil auch meiner Lebensgeschichte, weil er am Tisch saß als Toter, wie ein Gespenst, dieser Junge, der so verklärt wurde“, erinnert sich der Autor. „Meine wunderbare Mutter trauerte wirklich um diesen sinnlosen Tod. Mein Vater verband das mit Stolz, dass der sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hat.“

Die Hose der Befreiung

Sein neues Buch „Der Verrückte in den Dünen“ dreht sich um Utopien – Vorstellungen einer besseren Welt, ein Gegenentwurf zur Wirklichkeit, aber oft zu weit weg. „Vielleicht wäre nicht das Fragen nach der einen perfekten Utopie, sondern das nach einer Vielzahl nicht perfekter, aber erreichbarer Utopien ein Weg?“, fragt er im Vorwort.

Doch Timm ist nicht nur der gesellschaftskritische Autor. Er schrieb auch für Kinder, etwa „Rennschwein Rudi Rüssel“, eine turbulente Familiengeschichte, die 1995 verfilmt wurde.

Die Liebe zum Erzählen entdeckte er als Kind. „Ich hatte eine Tante, die in einem etwas anrüchigen Viertel in Hamburg lebte. In ihrer Küche trafen sich Hafenarbeiter und Matrosen, aber auch die Frauen, die anschaffen gingen“, erinnert er sich. „Als Kind habe ich da gesessen und zugehört. Ich habe die unglaublichsten Geschichten gehört, auch was die Liebe anging. Bei Tante Grete, da bin ich radikal aufgeklärt worden.“

Prägend war auch die Zeit im Frühjahr des Jahres 1945, als der Zweite Weltkrieg endete. Der Schwarzmarkt, die US-Soldaten, die Stimmung – eindrückliche Erlebnisse für einen Fünfjährigen, der damals infolge der Kriegswirren vorübergehend im oberfränkischen Coburg war. „Die Erwachsenen haben sich von heute auf morgen anders verhalten. Die Männer, die früher in brauner Uniform rumkommandiert haben, waren plötzlich ganz klein.“ Auch die Hitlerbilder verschwanden. Und erst die Amerikaner: „Das war eine ganz andere, bestechende Welt. Für mich war damit verbunden, dass ich Kaugummis und Schokolade bekam.“

Kartoffelmus mit Spinat und Spiegeleiern

Amerikanischer Jazz, Filme und Jeans – er fand das faszinierend. „Es hat Monate gedauert, bis ich mir meine erste Jeans von meinem Taschengeld kaufen durfte, mit 13. Ich trage Jeans bis heute immer noch als Hose der Befreiung.“ Erst der Vietnamkrieg dämpfte Timms Begeisterung für die USA. Er studierte in Paris, interessierte sich für den Existenzialismus, für Autoren wie Albert Camus, Jean-Paul Sartre und für französische Filme. Als Mitbegründer der „Wortgruppe München“ war er in den 1970er Jahren Mitherausgeber der Autoren-Edition und der Zeitschrift „Literarische Hefte“.

Timm verbindet Gesellschaftskritik mit Unterhaltung, verwandelt Geschichte in Geschichten. Erst spät bekam er mit dem Schiller- und dem Böll-Preis die großen literarischen Ehren, wohl weil Jurys in Deutschland oft suspekt ist, wenn sich ein ernsthafter Autor auch auf andere Spielfelder begibt.

Die höchste Münchner Auszeichnung, den Kulturellen Ehrenpreis, erhielt er 2014. „Der Preis hat für mich auch eine besondere Bedeutung, weil ich gerne in München lebe, ich fühle mich in dieser Stadt halt sehr wohl und zu Hause“, sagte Timm damals der AZ.

Der 80. Geburtstag fällt nun anders aus als geplant. Ursprünglich wollte er mit seiner Ehefrau nach Rom und am 3. April mit 200 Gästen im Literaturhaus feiern. Daraus wird nun nichts, wegen der Corona-Pandemie. Auch seine vier Kinder und die fünf Enkel können nicht mitfeiern.

„Jetzt werden meine Frau und ich zu zweit essen“, sagt Timm und berichtet genüsslich von seinem Festmahl: „Kartoffelmus mit Spinat und Spiegeleiern.“ Ein Lieblingsgericht aus Kindertagen. „Es gibt keine Goldfasanbrüstchen, sondern dieses einfache, wunderbare Essen. Dann stoßen wir an. Das große Fest ist zusammengeschnurrt, auf eine gute Weise.“

Uwe Timm: „Der Verrückte in den Dünen“ (Kiepenheuer & Witsch, 192 Seiten, 20 Euro), „Morenga“ ist mit einem Nachwort von Robert Habeck neu aufgelegt worden (dtv, 480 Seiten, 12,90 Euro)

 

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