Die Couplet-AG: Brettl Spitzen und ein Buch Jürgen Kirner: Ich liberalisiere die Konservativen

Die aktuelle Couplet-AG: (von links) Bernhard Gruber, Jürgen Kirner, Bianca Bachman und Berni Filser. Foto: Heinz Hoffmann

Seit 20 Jahren gibt es die Couplet-AG von Jürgen Kirner, er erklärt, warum man als Kabarettist auch CSU-Mitglied sein kann und präsentiert am Sonntag seine BR-Sendung „Brettl Spitzn“

So eine Sendung hat gefehlt“, sagt selbst die Redakteurin Sabine Boueke-Loosen, deren emanzipierter Doppel-Name nicht gerade bairisch klingt. Nach der ersten Ausgabe der „Brettl Spitzn“ waren viele begeisterte Briefe beim BR eingegangen – „und nicht von mir inszeniert!“, wie Jürgen Kirner beteuert. Er entwirft das Programm zusammen mit dem Komponisten Bernhard Gruber. Beide haben vor 20 Jahren die Couplet-AG gegründet. Mit Bianca Bachmann und Berni Filser bilden sie das aktuelle Volkssänger-Quartett. Am Sonntag kann man sie im TV bewundern. Und wer mitsingen will: Es gibt auch ein Best-of-Couplet-AG-Buch.

AZ: Herr Kirner, sind Sie ein Raufbold?

JÜRGEN KIRNER: Warum?

Sie haben sich mit einer Rottaler Metzgerei angelegt und 10000 Euro hinblättern müssen.

Weil ich eben kein Raufbold bin, habe ich gezahlt. Es ging um die Lebensmittelskandale, und da entstand das Lied „Elsa, die Kakerlake“. Ich habe wegen des Prozesses den Text leicht umgeformt.

Aber Müller Brot kommt auch nicht ungeschoren davon.

Ja, aber die sollen stolz sein, dass sie in einem Lied verewigt wurden, und sie haben ja mittlerweile kräftig bei sich aufgeräumt.

Woher nehmen Sie die Stoffe?

Aus Zeitungen und Wirtshäusern. Stammtische sind gut, Alkohol löst Zungen...

Und Sie verarbeiten das...

...in satirischer Liedform mit Kehrvers, dem Couplet. Volkssänger ist ja heute wieder ein stolzer Titel.

Die TV-Sendung „Brettl Spitzn“ ist dennoch nur selten zu sehen.

Ja, dabei wäre das doch ein wunderbar profilschärfendes Format für den BR. Man könnte sogar „Musikantenstadl“-Publikum bekehren und zeigen, dass Volksmusik nicht geistlos sein muss. Couplets müssen plastisch drastisch sein und im Bierzelt, Hofbräuhaussaal wie auf der kleinen Kabarettbühne funktionieren.

Gibt’s nie Streit?

Wenig. Ich mache die Texte, Bernhard komponiert, aber ich hänge nicht an jedem Satz. Ich bin nicht stur.

Aber CSU-Mitglied. Das ist in der Kabarett-Szene ja eher ungewöhnlich.

Absolut. Aber ich werde zunehmend auch von CSU-Verbänden eingeladen.

Aber Couplets singen ja gegen Filz und Borniertheit an.

Ich bin in der Oberpfalz aufgewachsen, am Land, da gab’s nur Erdäpfel, Steine, CSU und Kirche. Und ich wollte was machen. Also war man in der CSU und in der Kirche.

Und das auch noch als bekennender Homosexueller.

Ja, ich arbeite mich an der Partei und ihren Protagonisten ab. Und katholisch bin ich längst nicht mehr...

Die CSU wird von Ihnen hart angegangen: Ich denke da an das Söder-Zäpfchen-Lied.

„Söder Rektal“

Hart!

...aber fair!

Naja, wenn es darum geht, dass man ein Söder-Zäpfchen aus dem CSU-Labor braucht, wenn man weder Macht noch Geist hat, um dann wirklich hemmungslos, skrupellos zu werden...

Gut, es ist hart und unfair...

Aber Sie geben das CSU-Parteibuch nicht zurück?

Bisher nicht. Für mich funktioniert die CSU so: Erstmal Radikalforderungen aufstellen, damit rechts keine andere Partei hochkommen kann. Dann wird die Stimmung im Volk sondiert und das Ganze geht als Light-Version in die wirkliche Politik. Da werden dann nochmal mit anderen Parteien Kompromisse gefunden. So hat man alles abgedeckt: den rechten Rand, die Konservativen und am Ende, mit dem, was dann Horsti verkündet, hat man sogar noch die Mitte. Ich selbst versuche, die Konservativen zu liberalisieren.

Mit der traditionellen Volkssängerform des Couplets.

Das Couplet ist wie eine Knetmasse und geht mit der Zeit: Vom Weiß Ferdl über Qualtinger, mit Swing-Elementen, es wurde rockiger, bluesiger, und heute spielt der Rhythmus eine größere Rolle.

Wegen HipHop?

Ja, auch, aber ein Couplet muss eingängig und leicht mit traditionellen Instrumenten nachzuspielen sein.

 „Die Couplet-AG: Die ersten 20 Jahre“ (264 S., Szenen, Texte, Noten, Volk Verlag, 19.90 Euro)
Im TV: „Brettl Spitzn“: Sonntag, 19.45 Uhr, BR

 

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