"Die Bakchen": Ballett im Cuvillièstheater Die Ekstase der Katastrophe

Till Firit (Pentheus) und Sylvana Krappatsch (Agaue) im tragischen Rausch. Foto: Danny Willems

Wim Vandekeybus inszeniert und choreografiert die „Bakchen“ im Cuvilliéstheater

 

Ein weißer Palast aus sich auftürmenden Kanten und Schrägen. Davor neigt sich ein Plateau der Rampe entgegen. In Wim Vandekeybus’ körperbrachialer und kolossal bildgewaltiger Adaption von Euripides’ „Die Bakchen – Lasst uns tanzen“ verläuft die Grenze des Königreichs Theben genau hier: zwischen abstrakter Bühne und rotgoldverziertem Zuschauerraum.

Kult und Rausch und ein Gott, der eingreift

Besonders deutlich empfindet man das, wenn Agaue (großartig spröde in ihrem Wahn: Sylvana Krappatsch) als Mörderin des Sohns Pentheus nach psychedelisch-zügelloser, blutrünstiger Raserei ins Parkett des Cuvilliéstheaters hinabgehievt und gnadenlos abgeschoben wird. Zurück bleiben der blinde Seher Teiresias (René Dumont) und Vater Kadmos (Wolfram Rupperti). Agaues Schmerz katapultiert den Zuschauer aus seiner Neutralität als bloßer Betrachter heraus, macht ihn unmittelbar zum Zeugen der sich unaufhaltsam zusammenbrauenden Katastrophe.

Ein Griff des Gottes zwischen die Beine der Frau 

Deren kultischer Ursprung sind Zustände des Rausches. Dafür hat Vandekeybus mit seinen Interpreten wunderbare choreografische Eingangsimpressionen aus neuartigen Hebungen, Würfen und Drehungen für verschiedenste Paarkonstellationen gefunden.
Windschnell dreht sich ein Mann um sich selbst und hält die im Schwung gepackte Frau wenige Zentimeter vor sich in den Händen. Zugegriffen wird impulsiv – bald auch gewaltsam und krude. Dionysos selbst in seiner menschlichen Gestalt greift Agaue unmissverständlich zwischen die Beine. Und lässt sie dann quer zu seinen Hüften durch die Luft schweben. Drastisch entrückt. Nichts für zimperliche Gemüter.
Die Ekstase der Mänaden am Ende, die sich dank Drehbühne in einem waldigen Hinterland aus Gerüstgestänge abspielt, kennt keinen Halt. Sie zerren den unkenntlich bemalten Pentheus vom Ast. Till Firit lebt den Skeptiker aus Verantwortung, der Veränderungen scheut, großartig aus.

Vandekeybus’ „Bakchen“ reißen mit. Dichte 90 Minuten lang 

Erst versucht er, die Kritzeleien auf den Mauern mit weißer Farbe wieder zu tilgen. Als ihm Dionysos beim Gefecht der Argumente den Finger lutscht, willigt er schließlich ein, sich selbst ein Bild von dem Treiben zu machen.
Pentheus zu zerfetzen beansprucht Zeit. Am Ende steht nur mehr die Mutter da – siegesgeil den farbverschmierten Kopf fest unter ihre Achsel geklemmt. Hinter ihr strahlt Dionysos unter Schichten von Ockergelb. Doch sein Triumph ist kurz. Mitten im Wort sinkt er zu Boden – gefällt von den eigenen Gefolgsleuten. Die klettern eilig davon – über den Turm aus Stangen, in dem sie gerade noch Pentheus, ihr ausgeweidetes Opfertier, aufgehängt haben.
Vandekeybus’ „Bakchen“ reißen mit. Dichte 90 Minuten lang. Emotional bedachtsam gelenkt von einer Fülle physischer und lautmalerischer Ausdruckskraft, die die fünf rollentragenden Schauspieler, zwei Tänzerinnen (Zoe Gyssler, Aymara Parola) und zwei Tänzer (Horacio Macuacua, Borna Babic) zu markanten Eindrücken verbinden.

Perfekte Aktionsfläche für den Street-Art-Künstler Vincent Glowinski

Immer hautnah dran am Geschehen, das in Peter Verhelsts verknappter Textneufassung überaus eindrücklich vor allem eines ausstellt: das schmachvolle Versagen einer in Umbruchsituationen desorientierten Familie. So rückt das von Residenztheater und Vandekeybus’ Kompanie Ultima Vez koproduzierte Stück einem richtig auf die Pelle. Und unterscheidet sich herrlich von Dieter Dorns vorheriger, 2005 nicht minder grausamer, dabei ganz textbasierter Inszenierung.
Die Tragödie beginnt mit den Geburtsqualen der Mutter. Zupackende Hände entreißen Pentheus ihrem Leib. Er greint, zusammengefaltet am Boden. Agaue hockt apathisch am Rand. Hinter ihr ragt eine riesige Steilwand in die Höhe.

Die perfekte Aktionsfläche für den französischen Street-Art-Künstler Vincent Glowinski, der sich mitsamt Mal-Utensilien abseilt. Er ist Dionysos’ omnipräsentes, für den visuellen Rausch in dieser Produktion verantwortliches Alter Ego. Aus seinen Strichen erwachsen nach und nach beispielsweise Gebirge, die sich in Gesichter verwandeln. Allein sein Action-Painting macht die Aufführung zum Muss. Wer will, findet überall symbolische Querverweise. Begleitet von fernöstlichen Klängen, die Live-Musiker Dijf Sanders ausgebauten Pianosaiten und einer Zither entlockt. Später entladen sich diese in gewaltigen Soundclustern.
Entdeckung des Abends ist der junge Niklas Wetzel als Dionysos. Ein nach Abschluss an der Otto-Falckenberg-Schule sogleich ans Deutsche Theater Berlin engagierter Leonardo-DiCaprio-Typ. Wenn er sich im Duett mit einem Tänzer bewegt, überzeugt dies ebenso wie die Worte, mit denen er sein Gefolge in Bann schlägt.
    
Nächste Vorstellungen von „Die Bakchen“ am 17., 27., 29., 30. März im Cuvillièstheater, Karten Tel: 2185 1940

 

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