Die AZ vor Ort in Serbien Brennpunkt Balkan: Ein bisschen Wärme im Grenzbereich

Bei Temperaturen um null Grad müssen die Menschen stundenlang auf ihre Registrierung warten. Zum Schutz gegen die Kälte verbrennen sie Müll. Foto: nk

Die Flucht über den Westbalkan führt täglich Tausende nach Presevo, ein armes Städtchen an der serbischen Grenze. Wer hier hilft, tut es freiwillig. Die AZ hat einige Nachtschichten vor Ort mitverfolgt.

 

Presevo - Nancy Schmidt und ihre Kollegen von der Allgäuer Hilfsorganisation „humedica“ haben schon viel Leid gesehen – nach Erdbeben, Tsunamis, Erdrutschen und Überschwemmungen.

„Aber diese Katastrophe ist einzigartig“, sagt die Krankenschwester mit leiser Stimme und blickt durch die Glasfront der provisorischen Klinik hinaus in die Nacht: auf Hunderte Menschen, die auf der dunklen Straße warten, erschöpft und frierend, darunter viele kleine Kinder. „Diese Katastrophe wurde nicht von der Natur ausgelöst“, fährt die 58-Jährige fort, „sondern von unserer eigenen Unmenschlichkeit.“

Seit Mitte Dezember leistet „humedica“ medizinische Nothilfe entlang der sogenannten Westbalkan-Route, anfangs mit mobilen Teams in Ungarn, Serbien und Kroatien, seit Anfang Oktober betreibt die bayerische Organisation gemeinsam mit „Ärzte ohne Grenzen“ eine Gesundheitsstation im serbischen Presevo.

Die Kleinstadt an der mazedonischen Grenze gehört zu den ärmsten des Landes. 80 Prozent der Einwohner sind Albaner, zehn Prozent Roma, mehr als die Hälfte sind arbeitslos. Die medizinische Versorgung ist schon unter normalen Bedingungen schwierig, weil es in Presevo kaum Ärzte gibt. Doch seit Wochen herrscht hier der Ausnahmezustand.

In einer verlassenen Batterie-Fabrik im Bahnhofsviertel hat die Regierung die landesweit einzige Registrierungsstelle für Flüchtlinge eingerichtet. Bis zu 10 000 Menschen warten dort täglich auf das offizielle Papier, das ihnen die Weiterreise gen Kroatien gestattet. Menschen, die mit Zügen aus Griechenland im nördlichsten Zipfel Mazedoniens stranden, zu Fuß die Grenze überqueren und dann in Bussen an den Ortsrand von Presevo gebracht werden. Allerdings nur bis Mitternacht. Wer später ankommt, muss laufen: zehn Kilometer über unbeleuchtete Straßen. Kinder, Alte, alle.

Die meisten sind aus Syrien geflohen, aus Afghanistan, dem Irak oder Iran. Im Schnitt sind sie seit zwei Wochen unterwegs, fast alle mit demselben Ziel: Deutschland.

Auf dem abgesperrten Gelände der Registrierungsstelle verteilt eine italienische Hilfsorganisation Essen, Ärzte des serbischen Roten Kreuzes sind rund um die Uhr im Einsatz, das Problem ist nur: Die Einrichtung ist der großen Zahl an Flüchtlingen nicht gewachsen. Neuankömmlinge müssen bis zu acht Stunden im Freien ausharren, bis sie vorgelassen werden – oft bei Regen, Wind und Temperaturen um den Gefrierpunkt, hinter Absperrgittern, flankiert von Polizisten.

Junge Freiwillige aus Deutschland, Amerika, England oder Australien verteilen Wasser und Decken. Um sich zu wärmen, verbrennen die Wartenden den Müll, der überall herumliegt. Beißender Qualm zieht durch die Stadt.

Die kleine Gesundheitsstation – eigentlich ein Ladengeschäft – liegt direkt an der Straße, auf der die Flüchtlinge Schlange stehen.

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Tagsüber ist ein Team von „Ärzte ohne Grenzen“ vor Ort, zwischen 22 und 6 Uhr die „humedica“-Mannschaft: Bis zu 180 Patienten behandeln der Bonner Internist Markus Hohlweck (54), sein Kollege Johann-Christoph Weber (68) aus Bruchsal und Krankenschwester Nancy Schmidt dort jede Nacht. Unterstützt werden sie von Christian Vietz (29), der ursprünglich aus Hamburg stammt, derzeit aber in Amman studiert, und Elektroingenieur Dieter Schmidt (53) aus Nesselwang. Die beiden sind für die Koordination der Hilfeleistung zuständig.

Alle im Team arbeiten ehrenamtlich, alle haben eine besondere Geschichte: Dieter Schmidt und Nancy etwa lernten sich 2008 bei einem Einsatz auf Haiti kennen. Ein Jahr später heirateten sie – nur vier Wochen, nachdem sie aus Bangladesch zurückgekehrt waren, wo ein Zyklon ganze Landstriche verwüstet hatte.

Markus Hohlweck war vor seinem Engagement bei „humedica“ unter anderem für „Cap Anamur“ in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. „Wir haben die medizinische Versorgung in einem Kinderkrankenhaus wiederaufgebaut. Ärzte und Schwestern waren geflohen – nur die Kinder waren noch da.“ Der Einsatz sei psychisch kaum zu ertragen gewesen, sagt der Mediziner. „Die Kinder hatten Meningitis, TBC, Malaria, jeden Tag sind uns Patienten gestorben.“ Dazu kamen Entführungsdrohungen gegen das Ärzte-Team, das sich nur mit Personenschutz durch die Stadt bewegen konnte. „Eine Grenzerfahrung.“

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In Serbien sind die Umstände andere. Die Ärzte verbinden in der Regel wund gelaufene Füße, schienen gebrochene Knochen, geben Tabletten gegen Schmerzen, Durchfall oder Halsentzündungen und setzen unterkühlte Kinder für einige Zeit vor den Heizlüfter im Behandlungsraum. „Hier geht es nicht um Leben oder Tod. Es geht vor allem um Zuwendung“, sagt Markus Hohlweck. „Bei allem, was die Flüchtlinge hinter sich haben und was noch auf sie zukommt, soll unsere Station eine Insel der Ruhe und der Wärme für sie sein.“

Draußen auf der Straße brüllt eine Horde Taxifahrer auf die Flüchtlinge ein. Sie sind aus ganz Serbien nach Presevo gefahren, um von deren Not zu profitieren – und von der Tatsache, dass viele Geflüchtete Angst haben, sich registrieren zu lassen und ihre Fingerabdrücke abzugeben.

Das bräuchten sie nicht, reden ihnen die Taxler ein. Steigt einfach ein, wir fahren euch nach Kroatien. Die Preise für eine solche Partie sind saftig, von bis zu 200 Euro ist die Rede. Was die Taxifahrer verschweigen: Hinter der Registrierungsstelle warten Busse, mit denen die Flüchtlinge für 35 Euro pro Person zur Grenze gebracht werden. Und die Polizei schickt jeden nach Presevo zurück, den sie ohne ein offizielles Dokument erwischt.

In der Stille des Sprechzimmers beginnen währenddessen viele der Menschen zu reden: Der junge Mann aus dem Iran, der chronische Rückenschmerzen hat, seitdem er von der Geheimpolizei misshandelt wurde; der syrische Familienvater, der fließend Englisch spricht, weil er bei einer internationalen Erdölfirma gearbeitet hat. Er ist mit seiner Frau und den beiden Söhnen auf der Flucht, von denen einer völlig entkräftet ist, weil er seit Wochen nichts mehr bei sich behalten kann.

Ein syrischer Chirurg, der unter Rheuma leidet, plaudert lange mit den deutschen Kollegen: „Ich war bei der deutschen Botschaft, um ein Visum zu bekommen. Ohne Erfolg“, erzählt er. „Also habe ich mich zu Fuß auf den Weg gemacht.“ Der Mediziner trägt eine zu kurze Jogginghose und Slipper mit zerfetzten Fersen. „Das macht nichts“, sagt er tapfer. „Wenn ich bei Angelina Merkel bin, kaufe ich mir neue Schuhe.“ Er sagt wirklich Angelina – wie so viele hier. Mit einem Lächeln verschwindet er in der Schlange der Wartenden – zwischen alten Frauen, die zittern, obwohl sie sich mehrere Decken um den Körper gewickelt haben, Müttern, die ihre Babys kaum noch auf dem Arm halten können, und entkräfteten Kindern, die auf den Taschen ihrer Eltern eingeschlafen sind.

„Niemand“, sagt Nancy Schmidt gegen Ende der Nacht, „sollte über die Flüchtlingssituation urteilen, bevor er gesehen hat, was hier passiert.“

Wenn Sie "humedica" unterstützen wollen, finden Sie weitere Informationen und ein Spendenkonto auf der Website der bayerischen Hilfsorganisation.

 

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