Die AZ-Kritik von Noah Baumbach: "Marriage Story" Johansson und Driver im Schlagabtausch der Liebe

Kann man sich, wenn man sich doch mal so geliebt und bewundert hat, sanft trennen? Scarlett Johansson und Adam Driver mit ihrem 8-jährigen Filmsohn in „Marriage Story“. Foto: Netflix

Eine berührende, wahrhaftige Tragödie, sogar mit erhellendem Witz: „Marriage Story“ von Noah Baumbach mit Adam Driver und Scarlett Johansson

Am Ende ist alles hin! Dabei heißt der Film von Noah Baumbach nicht „Scheidungsgeschichte“, sondern „Marriage Story“. Aber natürlich braucht man immer eine gemeinsame – hier glaubhaft glückliche – Vorgeschichte, wenn man sich trennt.

 

Schuldig an der Zerrüttung? 

Bis vor 50 Jahren hatte ein Familienrichter in Deutschland noch die absurde Aufgabe festzustellen, wer schuld war am Scheitern. Dann wurde sozialliberal das einzig Richtige eingeführt: das Zerrüttungsprinzip. Und genau dieses Feststellen, dass eine Ehe zerrüttet ist, gelingt „Marriage Story“ so psychologisch einfühlsam, verzweifelt und doch auch witzig, dass es ein Meisterwerk geworden ist.

Schon bei der Premiere bei den Filmfestspielen in Venedig gab es – in der Pressevorführung, die sonst meist abgeklärt abläuft – Szenenapplaus für Adam Driver. Der hatte gerade als frisch Geschiedener in einer Bar bei einer Freundes- und Familienfeier „Being Alive“ – einen Song von Stephen Sondheim – gesungen in dieser wunderbaren Mischung aus rührender Gebrochenheit und selbstversicherndem Reststolz.

Vielleicht entlud sich in diesem Moment auch die ganze Sympathie für seine Figur, die das Opfer einer Trennungsdynamik ist, die seine Frau (Scarlett Johansson) in Gang gebracht hat. Die wiederum war für ihn aus ihrem Los Angeles in sein New York gezogen, und glaubt jetzt als selbstzweifelnde Theaterschauspielerin, eine Karriere in Hollywood verpasst zuhaben. Sie wird den Sohn einfach nach L.A. zurücknehmen.

Der Jung-Woody-Allen macht einen "Kramer gegen Kramer" 

Mit diesem Städte- und Lebensstilvergleich ist „Marriage Story“ auch noch ein erhellender Schlagabtausch zwischen dem hysterisch überspannten Amerika einerseits und dem intellektuelleren, vernünftigeren, zu dem wir Europäer einen verständnisvolleren Draht haben. Und da es – nach bizarren Mediatoren-Sitzungen und gegen ihr Versprechen – doch zu einem Schlagabtausch vor Gericht kommt, ist das Ganze auch noch eine tragikomische Scheidungs- und Sorgerechtssatire mit einer brutal gerissenen, eiskalt eskalierenden und feministischen Scheidungsanwältin (Laura Dern).

Aber das Faire ist: Auch wenn Baumbach zugibt, dass er Autobiografisches hat einfließen lassen, bringt die Tragödie auch mit fast mit spiegelbildlichen Szenen beiden Parteien Verständnis entgegen. Beide sind unschuldig schuldig am Scheitern – und genau das ist ja ganz klassisch tragisch. Und weil das die beiden Hollywoodstars so intensiv und berührend spielen, riecht das – trotz Netflix-Produktion mit nur kleiner Kinoauswertung – nach einem Oscartriumph wie 1980 von „Kramer gegen Kramer“ mit Dustin Hoffman und Meryl Streep.

Beziehungsdrama mit viel Schmerz und Humor

So hat Noah Baumbach, der Jung-Woody-Allen aus Brooklyn, ein Beziehungsdrama mit viel Schmerz und Humor hingelegt, in dem sicher jeder eigenes Erleben und Leben klug und wahrhaftig gespiegelt finden wird.     
    
Kino: Leopold und Studio Isabella (beide OmU)
B&R: Noah Baumbach
(USA, 136 Min.)


 
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