Dianatempel bis Frauenkirche Stadtspaziergang: Auf Italiens Spuren in München

Der Dianatempel immystischen Licht: Die römische Göttin ist im Hofgarten längst zu einer Ur-Münchnerin mutiert. Foto: imago

Daniela Crescenzio hat nach italienischen Spuren in München gesucht und sehr viele gefunden. Besonders prägend: die Frauen und das Wappen der Visconti.

München - Die Herbstsonne scheint über der Residenz, in den Arkaden steht eine Dame aus Italien und sprudelt los. Über das popeijanische Rot das die Gemälde an der Mauer umrahmt. Und darüber, dass hier eigentlich einmal andere Bilder zu sehen waren. Italienische Landschaften hatte Ludwig I., der große Italienliebhaber hier hinpinseln lassen – längst sind sie Indoor in der Residenz untergebracht.

Daniela Crescienzo stammt aus Padua, seit 2006 lebt sie in München. Eigentlich ist sie von Beruf kaufmännische Angestellte, ihr Geschichtswissen hat sie sich selbst angeeignet. Inzwischen ist sie Buchautorin, Verlegerin – und Forscherin. In ihrer Arbeit widmet sie sich der Frage, wie viel Italien in München steckt.

Die nördlichste Stadt Italiens?

Von der nördlichsten Stadt Italiens ist da ja oft die Rede. "Das sehe ich als Italienerin ein bisschen anders", sagt sie lachend, "allerdings sind hier so viele Italiener, dass es schon in den Genen steckt." Tatsächlich zählte die Stadt 2016 genau 28.276 Bürger mit italienischem Pass. Die Signori und Signore kommen aber schon seit Jahrhunderten – und sie haben Spuren hinterlassen.

Der Dianatempel etwa steht im sanften Herbstlicht – die römische Göttin ist mit den richtigen Attributen zur Bavaria geworden. Der Spaziergang führt weiter vorbei an Theatinerkirche und Feldherrenhalle, zwei der wohl imposantesten von Italien inspirierten Bauten der Stadt. Im ersten Band ihrer drei Bücher widmet sich Crescienzo den Städten, in denen viele der architektonischen Vorbilder stehen: Florenz, Venedig und Rom

Rom mit mehr Einfluss

"In München denken die Leute, wohl wegen der Liebe zur Toscana, immer an Florenz. Aus meiner Sicht hatte Rom aber viel mehr Einfluss", sagt sie. Tatsächlich: Das Siegestor ist fast eine Kopie des Konstantinbogens. Und die bayerischen Soldaten in der Feldherrnhalle tragen römische Rüstungen. Besonders prägend waren wohl die Frauen, die Fürstinnen, die per Hochzeit mit adeligen Herren nach München gekommen waren und oft viel Geld mitbrachten.

In der Kardinal-Faulhaber-Straße wird das deutlich. Die Straße, die parallel zur Theatinerstraße verläuft ist vielen nur als Parkmöglichkeit bekannt. Dabei lohnt es sich durchaus einen Blick auf das prachtvolle Porcia Palais zu werfen. Giovanna San Germano d’Agliè errichtete den Palazzo mit ihren Mitteln und lebte dort auch recht unabhängig.

"Geschichte sichtbar machen"

Die Stadt nahm dennoch an, dass er ihrem Ehemann gehöre. "Der Palazzo gehört mir", stellte die resolute Marchesa klar. "Es waren immer wieder Frauen, die die Architekten beauftragt haben", erzählt Crescienzo. So viele, dass sie ihnen einen eigenen Band – Teil 3 gewidmet hat. Auch gleich ums Eck, in der Prannerstraße, scheint niemand so recht das Palais zu bemerken, an dessen Fassade noch heute das Wappen der Familie Arco prangt.


Schloss Nymphenburg: Mit ihrem Borgo delle ninfe haben Agostino Barelli, Enrico Zucalli und Antonio Viscardi den italienischen Barock nach München gebracht. Foto: imago

Daniela Crescienzo weiß natürlich Bescheid. Kann man denn ohne ihr Wissen überhaupt so viel italienische Spuren verfolgen? Mit den Büchern geht das. In ihnen sind keine Spaziertouren vorgegeben, stattdessen sind sie chronologisch geordnet. Schließlich sollen die Leute die Entwicklung nachvollziehen können, sagt die Autorin. "Man kann die Bücher auch als Laie lesen. Ich will die Geschichte sichtbar machen. Die gehört schließlich allen, nicht nur den Spezialisten", stellt sie klar.

Sichtbar ist die Geschichte des italienischen München auf jeden Fall – wenn man weiß, wo man hinschauen muss. So taucht immer wieder ein Wappen mit einer Schlange auf, die ein Kind zu fressen scheint...

Italienische Küche und Mode prägen München

Inzwischen hat der Weg in den Alten Hof geführt, oben am Affenturm ist das Wappen zu sehen. "Das Wappen der Visconti – in Italien sagen wir übrigens, dass die Schlange das Kind nicht frisst, sondern gerade ausspeit." Die drei Visconti-Schwestern, die hierher heirateten, brachten eine gewaltige Mitgift ins Königreich. Sie wurden auch die 100.000-Gulden-Schwestern genannt.

"Das war ein Vermögen, das in etwa dem gesamten Staatshaushalt entsprochen hat", erzählt Visconti, als sie auf ein weiteres Wappen am Torturm am Alten Hof zeigt. Wie viel Einfluss haben die Italiener eigentlich heute auf das Leben in der Stadt? Bekommt man während des Spaziergangs einen ordentlichen Cappuccino?

"Mit Sicherheit. Ihr trinkt hier viel mehr Cappuccino als alle Italiener zusammen", sagt Crescienzo lachend. Der schwarze Caffè hat sich also noch nicht durchsetzen können. "Aber mit der Küche und der Mode, da prägen die Italiener München heute sehr. Außerdem hört man seit einigen Jahren immer mehr italienisch in den Straßen, nicht nur von Touristen."

Italien-Flair bis in die Krypta

Hin und wieder bietet Daniela Crescienzo auch selbst Touren an. Hauptsächlich Deutsche, Zuagroaste, kommen da. "Die Münchner, die kommen, sind immer total erstaunt, wie viel von Italien in ihrer Stadt steckt", erzählt sie. Dass die Ludwigstraße viel italienisches Flair versprüht, das wissen viele, aber auch an unerwarteten Orten haben die Italiener gewirkt. Bis hin zur Frauenkirche.

Steigt man hinab in die Krypta, findet man an den Wänden einige italienische Namen, wieder sind es hauptsächlich Italienerinnen, die verewigt wurden. Und auf dem Weg entlang des linken Kirchenschiffes ist es wieder – das Wappen der Visconti. Oben auf dem Schlussstein des Gewölbes über der Gergenkapelle prangt es. Hinten links unter dem Nordturm erinnert eine rote Marmorplatte an Fulvia Bozzi-Bianchi, eine völlig Vergessene.

"Die hat mir einen Haufen Arbeit gemacht, wahrscheinlich war sie aus Bergamo", sagt Crescienzo. Und die hölzerne Tür, hinter der es im rechten Seitenschiff hinauf zur Orgel geht? War einst als Grabdeckel für Fulvia gedacht. Ihre Spuren verlieren sich aber nach 1629. Die Tour ließe sich noch lange fortführen, Daniela Crescienzo muss aber wieder in die Bibliothek, weiterforschen.

Woran sie arbeitet? "Das verrate ich nie, meine Arbeit ist immer ein Geheimnis“, sagt sie zwinkernd. Für die, die das Monaco di Bavaria genauer erkunden können, ist aber vorerst genug Stoff vorhanden. Buon viaggio!

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