Diana Iljine im AZ-Interview Filmfest München abgesagt: Chefin erklärt die Hintergründe

Diana Iljine leitet seit August 2011 als Geschäftsführerin der Internationalen Münchner Filmwochen GmbH das Filmfest München und das Internationale Festival der Filmhochschulen München. Foto: Sonja Calvert

Das Münchner Filmfest wird wegen der Corona-Krise abgesagt. Diana Iljine erklärt im Interview die Gründe.

 

Am 25. Juni hätte das Münchner Filmfest beginnen und bis zum 4. Juli dauern sollen. Am heutigen Montag wurde es nach eingehenden Beratungen unter den Gesellschaftern und Partnern abgesagt, nachdem davor alle potentiell möglichen Szenarien intensiv durchdacht und diskutiert wurden - von einer Verkürzung auf wenige Tage mit nur kleinen Zusammenkünften, über eine Verschiebung in den Herbst bis zu einer Verlagerung in die digitale Welt. 

AZ: Frau Iljine, warum haben Sie sich entschlossen, das Filmfest München abzusagen?
DIANA ILJINE: Wir haben uns da zusammen mit unseren vier Gesellschaftern: dem Freistaat, der Landeshauptstadt, der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft und dem Bayerischen Rundfunk lange und ausführlich beraten. Wir haben verschiedene Szenarien angeschaut. Am Ende haben sich alle gemeinsam mit dem Filmfest München für eine Absage des Festivals ausgesprochen. Wir haben uns auch mit Virologen ausgetauscht, und es ist bei allem was wir zur Zeit wissen vollkommen unwahrscheinlich, dass wir Ende Juni ein normales Festival hätten durchführen können.

Wie irritiert waren Sie eigentlich, als Sie letzte Woche vernommen haben, dass sich das Filmfest in Cannes parallel auf das Datum des Münchner Filmfests verschoben hat?
Cannes hat eine herausragende Position, ist ein sogenanntes A-Festival mit einem ganz anderen Budget. Ich habe nicht erwartet, dass Festivalpräsident Thierry Frémaux mich anruft und fragt, ob das in Ordnung sei. Allerdings hätte eine Parallelität die Lage für uns schwieriger gemacht, weil wir dann keine Filme aus Cannes, die wir sonst als erstes Festival nach Cannes zeigen, hätten präsentieren können. Es wären sicher auch viele Gäste und Branchenvertreter*innen nicht nach München gekommen. Aber ich denke ganz unabhängig von uns, hat sich Cannes da sehr früh, ich finde zu früh, festgelegt, was übrigens in der französischen Presse auch sehr kritisch gesehen wird. Angesichts der dramatischen Entwicklung und der zahlreichen Toten in Frankreich und weltweit weiß ich nicht, ob diese Entscheidung Bestand haben wird.

Daniel Sponsel verlegt sein Internationales Dokumentarfilmfestival im Mai ins Internet. Das wäre keine Option für Sie gewesen?
Selbstverständlich war das ein Szenario, das wir sehr eingehend geprüft haben, das klingt ja auch sehr verlockend. Aber der Schritt ist für uns nicht so einfach umzusetzen. Das Problem beginnt schon bei den Rechten für das Streamen von Filmen – und beim Filmfest sind das ja überwiegend Spielfilme, von denen manche ja ihre Welturaufführung in München gehabt hätten. Zweitens ist das technisch eine riesige Herausforderung, wenn man mehr sein will als ein temporärer Streamingdienst. Drittens haben wir auch an die Kinos gedacht, die dann ja außen vor wären. Und ganz entscheidend ist auch, dass alles das, was den Charme und den Charakter des Filmfest München ausmacht, die Begegnungen zwischen Fans und Regisseur*innen und Schauspieler*innen, die sommerliche Atmosphäre, die Partys, der entspannte Treffpunkt für die Branche online nicht funktioniert.

Gab es andere Alternativen, die Sie durchdacht haben?
Natürlich haben wir diskutiert, ob wir das Festival in einem kleineren Rahmen veranstalten könnten, oder selbst den Termin verschieben.

Warum tun Sie dies nicht und planen das Filmfest nicht für den September?
Das würde bedeuten, dass die Kosten explodieren. Wir sind zwar von unseren Gesellschaftern gut finanziell ausgestattet, können aber nicht einfach die Mitarbeiter monatelang länger anstellen, wenn diese dafür überhaupt Zeit hätten. Wir wissen aber heute auch nicht, wie die Situation im September aussieht, mal ganz davon abgesehen, dass im September Venedig und Toronto als Filmfestivals terminiert sind, es also gar keinen freien Platz gäbe. Und ich fände es sehr unseriös, ein Festival erst zu verschieben und dann am Ende wieder abzusagen zu müssen.

Sie haben jetzt einen relativ frühen Zeitpunkt gewählt, das für Ende Juni geplante Filmfest abzusagen, andere Intendanten träumen noch von einem Festivalsommer.
Wir sind als Festival auf die Zusage von Filmen und Gästen angewiesen und kein Künstler beispielsweise aus Amerika gibt ihnen zur Zeit eine feste Zusage, nach Europa zu kommen. Im Gegenteil, in den letzten Tagen kamen schon immer mehr Absagen von Gästen aus Übersee. Zum jetzigen Zeitpunkt läuft der Festivalmotor bereits auf Hochtouren, wir müssen jetzt alles genau planen. Es wäre jetzt nicht möglich vier Wochen abzuwarten und dann ein Festival Ende Juni auf die Beine zu stellen, das unseren Ansprüchen aber auch denen des Publikums gerecht werden könnte.

Der Filmwelt fehlen ja jetzt nicht nur München, sondern auch die anderen Festivals, die noch absagen werden, als Plattform für die vielen neuen Filme. Was sagen denn die Verleiher und Produzenten zu diesem Problem?
Die sind sehr getroffen, und die Krise betrifft ja nicht nur die Filmwelt und die ganze Kulturbranche, sondern unglaublich viele Bereiche der Wirtschaft. Ich kenne Produzenten, die darauf hoffen, dass es zu einem späteren Zeitpunkt doch noch Festivals in diesem Jahr geben wird, aber es kann auch sein, dass die großen Streamingdienste von diesem Problem profitieren werden und diese Filme anbieten werden, wenn lange Zeit keine Kinoauswertung möglich sein sollte.

Können Sie irgendetwas von der intensiven Vorarbeit retten für das Filmfest München 2021, oder war die Arbeit vergeblich?
Nein, wir hoffen bei einigen Projekten, dass sie uns erhalten bleiben, das betrifft natürlich besonders die Retrospektiven, aber auch die eine oder andere Weltpremiere. Wir werden uns aber auch jetzt schon hinsetzen und das Filmfest 2021 vorbereiten, das Filmschoolfest, sowie unseren 40sten Geburtstag 2022.

Dieses Jahr wäre das zehnte Filmfest unter Ihrer Leitung gewesen. Wie groß ist dann der Stich im Herz, wenn da Ende Juni plötzliche eine Lücke ist anstatt zehn wuseliger Tage und Nächte voller Gespräche, Begegnungen, Filme und Partys?
Mir blutet das Herz jetzt schon, und es tut mir leid für alle kreativen Kräfte, die ganzen Solo-Selbstständigen, aber auch großen Firmen, die es so hart trifft und für mein Team. Ich finde es einfach super schmerzhaft, was in der gesamten kulturellen Welt gerade passiert.


Vernunft ist zumutbar

Normalerweise ist Ende Juni, Anfang Juli die schönste Kulturzeit des Jahres: Opernfestspiele, Filmfest, Tollwood, Klassik am Odeonsplatz und vieles mehr. Davon wird wohl 2020 nichts übrigbleiben. Das Filmfest München hat nun als erster Großveranstalter die Situation realistisch eingeschätzt. Leiterin Diana Iljine kann dies aber auch nur deswegen tun, weil sie Stadt und Freistaat als größte Geldgeber mit im Boot hat.

Private Veranstalter, wie zum Beispiel Tollwood, müssen auch weiterhin ein Festival vorbereiten, das es wohl nicht geben wird. Gestern verjagte die Polizei wieder Menschen von Parkbänken – und Ende Juni säumen dann 30 000 Menschen an einem Sonnentag gleichzeitig das Tollwood-Gelände?

Die Politik möchte nicht den Miesepeter geben und hat bislang nur die Veranstaltungen bis 19. April untersagt. Private Veranstalter, die aus Vernunftsgründen Konzerte für Mai stornieren, müssen selbst für den Schaden aufkommen, weil es die Allgemeinverfügung dafür noch nicht gibt. Es wäre an der Zeit, den Veranstaltern endlich Planungssicherheit zu geben: Vernunft ist zumutbar.

Volker Isfort
 


 
Der neue Newsletter der AZ, "Kultur Royal" bietet jeden Donnerstag einen schnellen Überblick über das, was in der (Münchner) Kulturszene die Gemüter bewegt.
 
 

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