DFB-Frauen: Interview mit Matthias Lotzen "Lena hat Power unterm Hemd"

Vater Matthias Lotzen drückt seiner Tochter Lena am Sonntag die Daumen, wenn die Spielerin vom FC Bayern im Finale gegen Norwegen nach dem EM-Titel greift. Foto: AZ Redaktion München

Lena Lotzen vom FC Bayern ist der Münchner Blickfang bei dieser EM. Vor dem Finale erzählt ihr Vater, warum sie nur mit Jungs spielte, wann sie Heimweh hat – und was nach dem Titel kommt.

MÜNCHEN AZ: Matthias Lotzen ist Sportfotograf und kommt Würzburg. Seine Tochter Lena Lotzen spielt am Sonntag im EM-Finale gegen Norwegen.

Herr Lotzen, wie hoch ist der Druck, der auf Ihrer Tochter Lena vorm Finale lastet?


MATTHIAS LOTZEN: Lena geht damit ganz ordentlich um. Sie lässt die Dinge nicht so arg an sich ran – so klingen zumindest ihre Kommentare. Wir haben fast ständig Kontakt über Whats-App oder Facebook. Sie ist die Situation ja auch schon etwas gewöhnt, sie hat ja schon zwei EMs und zwei WMs gespielt – natürlich nicht bei den Profis, aber das ist für sie als Kind auch nicht anders gewesen.

Ist sie denn wirklich nie nervös vor Spielen?

(lacht) Doch, das ist sie. Aber es ist nicht so, dass sie das linke Bein mit dem rechten verwechselt. Wo sie besonders aufgeregt war, das war vor dem Spiel in der Allianz-Arena gegen Japan Ende Juni, als sie vor 50 000 Zuschauern gespielt hat. Das ist ja schon eine andere Nummer, als bei den Bayern, wenn man da vor 350 Leuten aufläuft.

Bundestrainer Silvia Neid hat ja sehr von Lenas Body geschwärmt.

Ehrlich: ich finde diese Formulierung unpassend. Aber Fakt ist: Lena ist sehr athletisch und wenn man sie umarmt, merkt man, dass sie nicht nur ein Mädchen von 19 Jahren ist, sondern dass da Power unterm Hemd ist. Sie ist einfach total durchtrainiert.

War Lena auch als Kind schon Torjägerin?

Lena hat ja lange Jahre nur mit den Buben gespielt, sie hatte sogar eine Sondergenehmigung bis zum Ende der B-Jungend, um bei den Jungs zu spielen. Von daher war Lena als Mädchen oft körperlich die Schwächste in der Mannschaft und hat gelernt, sich strecken zu müssen. Sie hat ab und an ihre Tore gemacht, aber nicht am Fließband.

War sie immer besser als alle anderen Mädchen in ihrem Alter, sodass sie deswegen die Sondergenehmigung bekam?

Für ein talentiertes Mädchen wie Lena war es einfach wertvoller, bei den Jungs zu spielen und da das Zweikampfverhalten zu lernen. Was bringt es, bei den Mädels den Superstar zu spielen, aber sich dann mit der Zeit dem allgemeinen Niveau anzupassen. Davon, dass Lena immer mit Buben trainiert hat, hat sie profitiert.

War das frustrierend, wenn sie immer die Kleine, manchmal die Schwächere war?

Ja, das war es ab und zu. Vor allem, wenn auf einmal Buben in der Mannschaft waren, die ein Jahr älter waren und somit dann oft auch einen Kopf größer. Gegen die hatte sie natürlich schlechte Karten. Da hat sie wenige Bälle bekommen, das war hart. Aber profitiert hat sie unterm Strich definitiv.

Wie früh hat sich Lenas Karriere abgezeichnet?

Das hat sich von ganz allein entwickelt, sie hat ganz normal angefangen, Fußball zu spielen, so wie jedes andere Kind auch. Nur ist sie halt beim Fußball geblieben.

War sie denn nie ein Mädchen, das mit Barbies und Puppen gespielt hat?

Lena ist ein ganz normales Mädchen, so wie jedes andere auch, die auch mit Puppen gespielt hat. Nur hat sie vielleicht mehr und ausdauernder als andere Mädchen Fußball gespielt.

Ist sie mit ihrem Bruder dann zum Bolzen gegangen?

Ja, wir haben einen Bolzplatz direkt in der Nähe und da hat sie mit Moritz viel Zeit verbracht. Daher hat sie wahrscheinlich auch diese Technik, die immer wieder als Straßenfußball-Technik beschrieben wird. Sie hat einfach jeden Tag Fußball gespielt. Stundenlang.

Lena ist 19. Viele in ihrem Alter machen Abitur. Hat sie das auch gemacht?

Sie hat ihr Fachabitur gemacht in München, parallel zum Betrieb beim FC Bayern, was eigentlich für mich unterm Strich ihre größte Leistung gewesen ist. Sie ist mit 16, also vor drei Jahren, von zu Hause weg zu den Bayern gegangen, hat da im Wohnheim gewohnt, hat die Bayern gehabt und die Nationalmannschaft und auch noch die Schule und die Situation, dass sie allein in einer großen Stadt war. Das hat sie durchgezogen.

Weiß sie denn schon, was sie mal machen will, außer Fußball?

Wir wollen, dass sich Lena beruflich in eine gewisse Richtung orientiert, aber wir machen da keinen Druck. Sie hat das Jahr nach dem Abi nur Fußball gespielt, dann kam die EM - wir dachten eigentlich, sie orientiert sich über den Sommer, aber jetzt steht erst mal der Fußball im Vordergrund, das ist auch OK. Nur: sie muss sich irgendwann entscheiden, denn es gibt noch ein Leben nach dem Fußball.

Hat sie zwischendurch Heimweh nach Hause?

Tiefs gibt es und auch Heimweh hat sie. Einmal hat sie nach dem Training angerufen und hat gesagt: Ich will nach Hause. Dann habe ich mit ihrem Trainer beim FC Bayern, Thomas Wörle, gesprochen, er hat sie mir in Richtung Würzburg entgegengebracht, wir haben uns in Lohnetal auf der Raststätte getroffen, ich habe sie nach Hause geholt. Aber das war eine Ausnahmesituation zu Schulzeiten.

Zurück zur EM. Beschreiben Sie mal Ihr Gefühl beim ersten Lotzen-Tor.

Ich habe meine Frau schon lange nicht mehr so schnell vom Sofa aufspringen sehen wie in dem Augenblick. Wir haben Freudentränen geweint, das war klasse. Es haben uns so viele Leute angerufen, die Lena schon über so viele Jahre begleiten und haben gratuliert. Das war ein geiler Moment.

 

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