Deutschland Zurück ins Mittelalter

Berlin - Der neue Flughafen in weiter Ferne, dafür Schuldenberge und Dauerstress mit der S-Bahn. Egal: Zum 775-Jahr-Stadtjubiläum schickt die deutsche Hauptstadt ihre Besucher zurück ins Mittelalter und entlang der Spree auf Spurensuche durch die acht Jahrhunderte alte Stadtgeschichte. Mit Outdoor-Ausstellungen, temporären Attraktionen und einem stimmungsvollen Jubiläumsfest zum Finale am 28. Oktober.

 

Wo heute die Auto- und Touristenströme durch die Mitte der Millionen-Metropole fließen, entführen acht Ausstellungstürme in die mittelalterliche Vergangenheit. Zahlreiche Bodentexte geben im Rahmen der Ausstellung „Spuren des Mittelalters“ Auskunft über die im 13. Jahrhundert lediglich als kleine Doppelstadt namens Berlin-Cölln bekannte Ortschaft an der Spree. Entlang der vielbefahrenen Verkehrsadern Grunerstraße, Mühlendamm und Gertraudenstraße informieren die Stationen über das Leben und den Zeitgeist des Gründungsjahres 1237 und des gesamten Mittelalters. Eigens im Jubiläumsjahr sind archäologische Fundorte für die Besucher frei zugänglich. Bis zum 28. Oktober 2012 finden kostenlose Führungen statt, die jeweils donnerstags ab 17 Uhr und sonntags ab 11 Uhr Wissenswertes und Kurioses aus dem historischen Alltag veranschaulichen.

Die „Stadt der Vielfalt“ ist auch für Kinder attraktiv

Zu buchen sind die Führungen am Infopoint vor dem Touristenmagneten Marienkirche. Berlin ist und war von Anbeginn eine Einwanderungsstadt. Zum 775. Geburtstag widmet sich auf dem Gelände des ehemaligen Friedrichstadtpalastes ein gigantischer Stadtplan im Maßstab 1:775 der Geschichte der Zuwanderung und des kulturellen Austausches. Die Ausstellung „Stadt der Vielfalt“ ist auch für Kinder und Jugendliche attraktiv, da die markanten Orte auf dem begehbaren Stadtplan mit bunten, überdimensionierten Stecknadeln gespickt sind. Insgesamt sind auf dem Stadtplan mehr als 100 Orte mit ihren kleinen und großen Geschichten markiert, „zu Themen von A wie Arbeit bis W wie Wissenschaft: Freudiges und Tragisches, Typisches und Unerwartetes“. Wer sich auf dem Schlosspark gegenüber der Museumsinsel nicht allein zurechtfinden mag, dem werden mittwochs ab 17 Uhr und sonntags ab 13 Uhr Führungen angeboten, die bis zum 28. Oktober 2012 am Infopoint auf dem Schlosspark gebucht werden können.

Die wechselhafte Geschichte Berlins, zwischen Größenwahn und Zerstörung, Glücksgefühlen und Ohnmacht, steht thematisch im Mittelpunkt der 775-Jahr-Geburtstagsfeierlichkeiten. Die Ausstatter von der Kultur­projekte Berlin GmbH haben dementsprechend die Freiluftausstellung „Party, Pomp und Propaganda“ ins Leben gerufen. Bis zum 28. Oktober blicken Besucher vor der Marienkirche in Berlin-Mitte auf drei Jubiläumsfeiern zurück. Allerdings dreht es sich dabei lediglich um zwei Jahrestage. Das erste Stadtjubiläum fand 1937 unterm Banner des Hakenkreuzes statt, das zweite 1987, quasi als konkurrierende Events zweier Systeme im geteilten Berlin. Eigens zum 750. Berlin-Jubiläum ließ Honecker das Nikolaiviertel errichten, während der Westen großangelegte Renovierungsprojekte entlang der damaligen Mauer in die Tat umsetzte: Realsozialismus versus Marktwirtschaft, das war das gemeinsame Credo. Spötteleien und Hohn der betroffenen Bevölkerung auf typisch Berliner Art gegen die da oben dokumentiert die Ausstellung im vereinigten Deutschland gleichwohl detailliert wie den deutschnationalen Chauvinismus in Hitlers Drittem Reich.

Die Ausstellung läuft, wie alle 775-Jahr-Events seit dem 25. August und endet am 28. Oktober 2012. Es lohnt sich! Ein feuriges Jubiläumsfest krönt die Feierlichkeiten zum großen Finale am 28. Oktober. Bürgermeister Klaus Wowereit lädt in die Marienkirche zum Festgottesdienst, am Nachmittag zelebrieren Promis aus Politik, Wirtschaft und Kultur den offiziellen Festakt in die Nikolaikirche, und zum Einbruch der Dämmerung (19 bis 22 Uhr) illuminieren feuerspeiende Skulpturen, brennende Girlanden und lodernde Tontöpfe das Areal zwischen Schlossplatz und Nikolaiviertel. So viel Tamtam hat es 1237 sicherlich nicht gegeben.

 

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