Deutschland Süßer Sommer

Varrelbusch - „Papa, ich will noch eine Erdbeere!“ Pias Wunsch ist ihm Befehl. Mit fachmännischem Blick stöbert er nach einer sonnengereiften Frucht. Die kleine Pia schiebt sich das wohlgeformte Stück prompt in den Mund. Sorgen um Nachschub muss sich die Dreijährige nicht machen. Sie sitzt barfuß im Stroh, flankiert von sattgrünen Erdbeerpflanzen, die fast bis zum Horizont des Oldenburger Münsterlands reichen. Schulter an Schulter mit ihrem Bruder Ben. „Mehr als drei Buchstaben pro Kind merkt sich der Bauer nicht“, sagt der Vater der beiden, Andreas Döpke, in einem lakonischen Unterton, der den Nordlichtern so eigen ist.

Weitere besondere Kennzeichen der Bevölkerung: „Moin!“ Die Grußformel passt zu jeder Tages- und Nachtzeit. Landwirt Andreas Döpke ist ein Erdbeerkönig. Zumindest ein inoffizieller. Die süßen Früchte seines Hofs landen von Mitte April bis Mitte August in so manchem Kindermund. Aber auch in Erdbeerbowle für die Großen, auf Erdbeerwaffeln und auf Erdbeerkuchen. Letzteres regionaltypisch als Erdbeerschnitte. Vom Blech, quadratisch und gut. Mit viel Sahne oder süßem Quark. So schmeckt die warme Jahreszeit. Im Oldenburger Münsterland bedeutet Sommer in der Tat hauptsächlich Erdbeersommer.

Malwina, Darselect oder Elsanta

Die Region südlich der Nordseeküste gilt als das bundesweit größte zusammenhängende Anbaugebiet für Erdbeeren. In den Restaurants und Landcafés stehen allerlei Erdbeerleckereien auf der Karte. Ob Malwina, Darselect oder Elsanta - so heißen die beliebtesten Sorten -, „ich könnte jeden Tag Erdbeeren essen“, sagt Andreas Döpke, der schon eine höchst prominente Naschkatze mit seinen Früchten versorgt hat: Angela Merkel. Bei einem Empfang der niedersächsischen Landesregierung in Berlin kostete die Bundeskanzlerin höchstpersönlich ein paar Erdbeeren vom Döpke-Hof. Und das nicht nur zum Schein. Obwohl die Erdbeere zu den Scheinfrüchten gehört. Denn nicht etwa das rote, fleischliche Etwas stellt die Erdbeerfrucht dar, sondern die vielen kleinen, gelben Pünktchen auf der Haut.

Ein schöner Schein - denn Deutschland ist verrückt nach Erdbeeren. Pro Jahr werden hierzulande über 150 000 Tonnen produziert. Ein großer Teil davon im Oldenburger Münsterland. Der sandig-lehmige Boden eignet sich bestens dafür. „Man kann monatelang pflanzen“, sagt Andreas Döpke. Weite Teile der Region sind zudem flach bis leicht hügelig, was das Anbauen erleichtert. Und das Strampeln: Die Landschaft ist wie geschaffen für gemütliche Radwanderungen. Zahlreiche Radwege durchziehen die Gegend. Allen voran die Boxenstopp-Route. Ein rund 300 Kilometer langer, kreisförmiger Fernweg. Er führt durch Wälder und Heidelandschaften, vorbei an Gehöften, Pferdegestüten und Windmühlen, entlang an Kanälen, Seen - und Erdbeerfeldern. „Boxenstopps“ bringen die Radler in überwiegend landwirtschaftliche Betriebe.

Der geburtenreichste Landkreis Deutschlands

Etwa in Hofcafés oder Hofläden, zu Kanu- und Kutschenverleihern, malerischen Mühlen und adretten Bauerngärten. Das Oldenburger Münsterland ist ländlich geprägt. Eine typische Drei-Buchstaben-Autokennzeichenregion: CLP für Cloppenburg und VEC für Vechta. Zum Wohl für die Landwirte gibt es keine längeren Kennzeichen. Kein Kennzeichen hat „Blitz“. Dafür einen 70 PS starken Dieselmotor. Damit bringt die kleine rote Lokomotive Touristen in das Westermoor bei Ramsloh. Ein Moorgebiet, das zum Saterland gehört. Die Saterfriesen sind Deutschlands kleinste Sprachminderheit.

Bei Führungen erzählen die Guides daher nicht nur über die Entstehung des Moors, sondern auch über die Kultur der Saterfriesen und ihre gefährdete Sprache. Die Führungen bei-spielsweise heißen auf Saterfriesisch Seelter Foonkieker (= Saterländer Moorgucker). Anschauen können Urlauber auf der Boxenstopp-Route auch die sogenannten Energiestationen. Dort erhalten Besucher Einblicke in die Welt der alternativen Energien. Der Landkreis Cloppenburg deckt satte 94 Prozent seines Energiebedarfs mit erneuerbaren Energien. Das Oldenburger Münsterland bewirbt sich auch als „Land mit Energie“. Keine hohle Phrase: Cloppenburg ist der geburtenreichste Landkreis Deutschlands.

 

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