Deutschland Potsdam: Stadt, Land, Fluss

Potsdam - Die Polen sind vornehme Leute. Man sagt hier nicht, man wohne am A. . . der Welt, sondern „da, wo die Störche umdrehen“. „Nach Meinung vieler meiner Landleute drehen auf der Insel Wollin die Störche um“, sagt Bogdan Jakym, einer der Reiseleiter der Kreuzfahrt mit dem Flussschiff „Saxonia“. Dieser Spruch will jedoch nicht so richtig passen, denn es sind etliche Störche zu sehen. Und die fliegen keine Wendemanöver. Verständlich: Die Landschaft ist wunderschön, grün in allen Schattierungen, Feuchtbiotope versprechen den Großvögeln reichlich Nahrung. Ein Höhepunkt dieser Schiffsreise des Veranstalters Phoenix Reisen. Die Fahrt beginnt und endet in Potsdam und führt via Havel, Oder, Peene, über Bodden und Ostsee unter anderem zu den Städten Berlin, Stettin, Stralsund und Greifswald.

Hinzu kommen die Inseln Rügen, Hiddensee, Usedom, Wollin - nicht nur Plätze, an denen angeblich die Störche umdrehen. Das Erleben der Natur bestimmt den Törn. Und darum haben sich wohl auch die meisten Gäste der „Saxonia“ eingeschifft. Alle nicht mehr ganz jung - typisch Flusskreuzer - und meistens sehr entspannt, selbst dann, wenn wieder einmal die Netzverbindung nach Hause nicht klappen will. Manche stets mit einem Fernglas bewaffnet, um wirklich keinen Weißadler im Flug, keinen Biber, Fischotter oder Eisvogel an den Uferrändern zu übersehen.

Busse mit den Zahnlosen

Und die Chancen, diese und andere sonst selten auftauchenden Tiere zu sichten, sind insbesondere in Europas größtem Feuchtgebiet im Binnenland, der unteren Havel-Niederung, gut. Laut Naturschutzbund (Nabu) sollen hier während des Vogelzuges zu Zehntausenden Kraniche sowie nordische Bless- und Saatgänse pausieren. Wer sich in Flora und Fauna nicht auskennt, bekommt an Bord garantiert unaufgefordert Nachhilfe von Spezialisten unter den Mitreisenden. Dafür fehlen bei diesem Törn Gäste, die ihre Kindheit in Stettin, der nach Berlin zweitgrößten Stadt auf dieser Reise, verbracht haben und auf Spurensuche sind. Reiseführer Bogdan Jakym überrascht das nicht. Die seien in früheren Jahren in großer Zahl gekommen. Deren Sehnsucht nach einem Besuch der alten Heimat ist aber nun offenbar gestillt. Ebenso die „Busse mit den Zahnlosen“, wie er sie bezeichnet, kommen nicht mehr. Das war einmal, als die Zahnarzt-Tarife in Polen unschlagbar waren.

Quizfrage des polnischen Reiseleiters: Wer war der in Stettin geborene deutsche Künstler, der mit dem Kürzel P. B. als Star einer deutschen TV-Serie in den 1980er Jahren Berühmtheit erlangte? Keiner kommt drauf. Gemeint ist Professor Brinkmann in der „Schwarzwaldklinik“, gespielt von Klausjürgen Wussow. Vielleicht errät es keiner, weil der Begriff Klinik im Urlaub gern verdrängt wird. Zwar werden die an Bord ausliegenden, zur Regenbogenpresse gehörenden Blätter gern gelesen, aber ebenso gut gehen auch naturkundliche Titel sowie Führer, die über Land und Leute informieren.

Und diese Regionen sind spannend. Was beim Blick auf die Karte eintöniges Flachland vermuten lassen könnte, überrascht mit Abwechslung. Ein ausgewogener Mix aus Stadt, Land, Fluss sowie das Fehlen jeglicher Hektik. Das beginnt schon am Anfang der Reise. Nach der Einschiffung in Potsdam heißt es nicht gleich Leinen los. Die „Saxonia“ bleibt noch über Nacht vertäut am Liegeplatz Hinzenberg in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof. Genügend Zeit zum Bummeln durch Potsdam. Am folgenden Tag gleitet das Schiff durch das betriebsame Berlin, um dann über Havel und den verbindenden Kanal die Oder zu erreichen - alles ganz ruhig. Großstadtluft schnuppern lässt sich erst wieder am dritten Reisetag in Stettin. Das heißt, trotz ihrer etwa 400 000 Einwohner wirkt die polnische Hafenstadt mit ihren vielen liebevoll restaurierten Patrizierhäusern aus der Zeit der Hanse (Plattenbauten, vom Reiseleiter als „sozialistische Gotik“ gebrandmarkt, befinden sich überwiegend in Außenbezirken) und mit viel Grün gar nicht hektisch.

Es werden sowohl Flüsse als auch das Meer befahren

Nach Verlassen der Metropole wieder Zeit zum Ausruhen beim Fahren auf dem Stettiner Haff Richtung Wollin. Und in diesem Turnus geht es weiter. Das Besondere an diesem Törn ist, dass sowohl Flüsse als auch das offene Meer befahren werden. Ob Kapitän Jaroslav Weinstein da keine Probleme bei heftigem Wellengang hat? Der Tscheche mit langjähriger Flussschiff-Erfahrung schüttelt den Kopf. Kommt ganz selten vor, dass der mit 82 Meter Länge, neuneinhalb Meter Breite und maximal 88 Gästen Platz bietende, im Vergleich etwa mit Donau-Schiffen zwar kleine, aber alle Bestimmungen für Küstenfahrt erfüllende Ferienkreuzer im Hafen bleiben muss.

Ab Windstärken über 5 kann das der Fall sein. Dann übernimmt der das Schiff auf dem Landweg verfolgende Ausflugsbus - wenn es sein muss mit Verstärkung - die Anfahrten der Zielorte, sagt der Schiffsführer. Auf dieser Tour kein Thema. Ein bisschen Schaukeln auf der Ostsee während der Passage von Peenemünde nach Lauterberg - nein, seekrank wird hier keiner. Die meisten „Saxonia“-Gäste sind offenbar seefest, können etliche Schiffe aufzählen, darunter auch Hochseekreuzer, mit denen sie bereits unterwegs waren. „Das ist doch gar nichts“, sagen die zwei alleinstehenden Damen mit Silberhaar und erinnern sich an richtige Sturmfahrten im Mittelmeer und in arktischen Gewässern. Geschichten aus der Seefahrt - gern gehört von den Gästen der „Saxonia“.

Wenn der zweite Kapitän Peter Krone auf dem Oberdeck Döntjes erzählt, fehlen nur wenige. Viel zu „vertellen“ (Norddeutsch für berichten) gibt es etwa auf dem Haff zwischen Stettin und Wollin, wenn unser vergleichsweise zierlicher Flusskreuzer mächtigen Hochseefrachtern begegnet. Oder beim Passieren der Stocznia Szczecinska, der ehemaligen Vulkanwerft in Stettin. Kein Leben mehr. Die Geburtsstätte berühmter Schiffe, wie der erste deutsche Blaue-Band-Gewinner „Kaiser Wilhelm der Große“ (1897) oder der 1924 größte deutsche Ocean-Liner „Columbus“, ist wirtschaftlich untergegangen. Bis zu 11 000 Mitarbeiter waren hier noch vor zwei Jahrzehnten beschäftigt. Im Jahr 2009 kam das endgültige Aus. Viel zu berichten gibt es natürlich auch über das in Europa weltweit älteste noch arbeitende Schiffshebewerk Niederfinow am östlichen Ende des Havel-Oder-Kanals, das die „Saxonia“ mal eben in nur fünf Minuten 36 Meter nach unten oder - auf dem Rückweg - nach oben befördert.

Der 1934 in Betrieb genommene Fahrstuhl wird schon bald durch einen Neubau ersetzt; die Grundsteinlegung erfolgte im Frühjahr 1999. Natürlich rät Peter Krone seinen Gästen auch, in Oderberg das Binnenschifffahrtsmuseum zu besuchen mit dem 1897 gebauten Schaufelraddampfer „Riesa“ auf dem Trockenen, in Stralsund den 80 Jahre alten Windjammer „Gorch Fock“ und in Peenemünde das sowjetische, nun als Museum dienende U-Boot 461 aus der Zeit des Kalten Krieges zu besichtigen. In Stralsund und in Wolgast versäumt er nicht, auf das Passieren der Volkswerft und Peenewerft hinzuweisen. Highlights für Schiffsliebhaber. Und wo hat es den Gästen am besten gefallen? Es gibt es mehrere Sieger, die eins gemeinsam haben, nämlich dass sie sich am A. . . der Welt befinden. Oder, wie man in Polen sagt, dort, wo die Störche umdrehen. Angeblich.

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