Deutschland Lech: Am wilden Wasser

Lech - Ganz oben, in Vorarlberg, ist der große Wilde noch recht zahm: Der Lech kommt eher als Lechlein daher. Zwischen Fels und Alpen­rosen plätschert Wasser aus der Erde, das etwas höher, am Grunde des tiefgrünen Formarinsees, in den Kalkstein gesickert ist. Von hier sucht „Licca“, der Steinige, der „letzte unverbaute Wildfluss der Nordalpen“, sich sein Bett zwischen Allgäuer und Lechtaler Alpen. Gemächlich zieht er weite Schleifen, bildet neue Inseln und wechselnde Arme, nimmt Seitenbäche, Kies und Fahrt auf und ergießt sich schließlich rund 260 Kilometer nordöstlich bei Marxheim in die Donau.

 

Ein schmaler Pfad, gesäumt von Johanniskraut, Latschenkiefern und Glockenblumen, schlängelt sich daneben hin, Murmeltiere pfeifen, und die gelben Leuchten des Enzians stehen Spalier. Es ist das erste Stück des 120 Kilometer langen Lechwegs, der Mitte Juni nach den Kriterien des Deutschen Wanderverbandes als erster „Europäischer Qualitätswanderweg“ eröffnet werden soll.

Von 1800 hinunter auf 800 Meter Meereshöhe

Von hier verläuft er auf Waldpfaden, Forstwegen und mal auch geteerten Fahrradstrecken bis nach Füssen, von 1800 hinunter auf 800 Meter Meereshöhe. Stundenweise marschiert der Wanderer direkt neben dem Fluss, das donnernde Rauschen im Ohr, dann wieder blickt er von weit oben auf dessen berühmtes glasiges Türkis. Entlang der Strecke liegen die Dörfer wie die berühmten Perlen an der Silberschnur. Jedes ist anders, jedes fügt einen neuen Aspekt zum Bild vom Leben im Tal hinzu - und vom Fluss, der es immer prägte.

In Lech am Arlberg, wo im Winter gekrönte und geföhnte Häupter aus aller Welt über die Hänge wedeln, ziehen sich schindelverkleidete Hotelpaläste mit Holzbalkonen die Hänge hoch. Im Heimatmuseum mit den rissigen Deckenbrettern redet sich Birgit Ortner, die junge Leiterin, in Fahrt. Eindringlich erzählt sie, wie sich einst Gruppen von „Schwabenkindern“ am Lech entlang durch Schnee und Eis zu Fuß hinaus nach Schwaben quälten, um den Sommer über bei einem Großbauern zu schuften. Tourismus und Skifahren wurden erst nach dem ersten Weltkrieg zur Einnahmequelle. Aber dann drängten sich in den 1920er und 1930er Jahren zwischen die traditionellen Bauernhäuser Pensionen im Bauhausstil, Hotels mit gerundeten Speisesälen und Tanzcafés mit Kugellampen. Die Post setzte Raupenfahrzeuge ein, der erste Skilift Österreichs wurde 1938 in Zürs eröffnet, der Smoking, der Jazz und ein englischer Maßschneider kamen ins Tal - ein Bauernflecken mauserte sich zum Hotspot des internationalen Jetset.

Elbigenalp ist der Hauptort des Lechtals

Über die Höhenbachschlucht hinter Holzgau spannt sich ein schmaler, schwingender Steg. Österreichs längste Fußgänger-Hängebrücke ist nagelneu, 200 Meter lang, einen Meter breit und hat ein Geländer von 1,30 Meter Höhe. Als Teil des Lechwegs verbindet sie in der schwindelnden Höhe von 110 Metern die beiden Wände. Ein spektakulärer Blickfang also, über der Schlucht, in der der Simms-Wasserfall in schäumenden Wirbeln in die Tiefe schießt. Uralt? Naturbelassen? Von wegen. Anfang des 19. Jahrhunderts ließ der englische Industrielle Frederick R. Simms, der eine Jagdhütte in der Gegend besaß, eine Felsbarriere sprengen und öffnete so dem Höhenbach erst sein heutiges, wildromantisches Bett - der Natur nachgeholfen wurde auch damals schon.

Elbigenalp ist der Hauptort des Lechtals. Hier war die „Geierwally“ zu Hause. Anna Stainer ließ sich 1858 im Alter von 17 Jahren über steilen Fels abseilen und nahm einen Adlerhorst aus - was sich die jungen Männer nicht getraut hatten. Ein Roman und mehrere Filme machten die selbstbewusste Frau berühmt, die später ihren Lebensunterhalt als Malerin verdiente. Im Restaurant Zur Geierwally hat ihr „weitläufiger Verwandter“ Guido Degasperi Zeitungsausschnitte, Filmprogramme und Gemälde gesammelt. Auf der Karte steht Tiroler Kost wie Bergnocken,
Kaspressknödelsuppe und G’stöpf, eine Art Kaiserschmarren. Und abends wird auf der Freilichtbühne „Sturm in den Bergen“ oder ein anderes Alpendrama aufgeführt. Wie es sich für deftiges Bauerntheater gehört, wird reichlich gerauft, gebrüllt und gesoffen.

Der Lech wurde vor 100, 150 Jahren teilweise befestigt

Hinter Forchach weitet sich das Lechtal. Die Burgwelt Ehrenberg mit ihren gleich drei teilrestaurierten Ruinen ist einen Abstecher wert - eine historische Lechweg-Schleife gewissermaßen. Der Vogelbeobachtungsturm hinter Reutte wiederum erlaubt einen Einblick in die Biologie des Lechtals. So ganz stimmt die Rede von „einem der letzten naturbelassenen Wildflüsse Europas“ nicht, gibt Anette Kestler zu, die Leiterin des Naturparks Lechtal. Auch der Lech wurde vor 100, 150 Jahren teilweise befestigt. Erst die vermehrten Hochwasser, 1999 und 2005 vor
allem, führten zum Umdenken.

Seitdem werden Dämme in Seitentälern geöffnet, damit die Flüsse wieder Kies eintragen können, was die Kraft des Lech bremst. Man reißt Ufermauern ab, der Fluss darf, wenn er viel Wasser führt, sich in „Retentionsflächen“ ausbreiten: „Das sind ideale Brutstätten für Insekten, die wiederum Nahrung für eine Vielzahl von Singvögeln bilden“, erklärt die Leiterin.
Ganz am Ende des Weges nehmen die Planer sich eine gewisse Freiheit heraus: Sie führen die Strecke weg vom Lech - irgendwann tauchen auf den bewaldeten Höhen von fern die Königsschlösser Hohenschwangau und Neuschwanstein auf, ein optisches Ausrufezeichen fast schon am Ende. Am Lechfall in Füssen verabschiedet sich der Begleiter der vergangenen Tage donnernd in die Tiefe. Ab jetzt hat das freie Leben ein Ende.

Den Wanderer erwartet Füssen, mit dem Hohen Schloss, der quirligen Altstadt und den vielen japanischen Touristengruppen.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading