Deutschland Konstanz: Spectaculum

Konstanz - „Ketzerei, Frevel, ein Skandal“, wettert der Herr mit dem gelben Umhang und den Schnabelschuhen. „Imperia“, diese neun Meter hohe, halbnackte Dame aus Gussbeton, die in der einen Hand ein missmutiges Kaiserlein und in der anderen einen mürrischen Papst balanciert, zeuge von tiefster moralischer Verwerflichkeit. Zu seiner Zeit wären die Verantwortlichen auf dem Scheiterhaufen gelandet - mindestens! Ausgerechnet eine „Hübschlerin“, eine der 700 Prostituierten des Konzils, haben die Konstanzer 1993 zu ihrem Wahrzeichen erhoben. Mögen sie mittlerweile auch fast alle stolz sein auf den weiblichen Blickfang am Hafen - er, Ulrich Richental, erhebt weiterhin wortgewaltig seine Stimme gegen solche Zügellosigkeit.

 

Kunsthistoriker Henry Gerlach schlüpft in die Rolle von Richental, der der Nachwelt als Zeitzeuge des Konstanzer Konzils (1414-1418) eine umfassende Chronik hinterlassen hat. Mit trockenem Witz führt er auf den Spuren von damals durch das heutige Konstanz. Er lässt den städtischen Alltag wieder aufleben und skizziert die Vorgeschichte des hochkarätigen Treffens, das die Einheit der Kirche wiederherstellen sollte. „Denn damals stritten sich drei Päpste um die Vorherrschaft - und das waren definitiv zwei zu viel“, sagt Gerlach augenzwinkernd. Zwischen 20 000 und 30 000 Bischöfe, Soldaten, Gelehrte, Fürsten und Professoren strömten 1414 in das 6000-Einwohner-Städtchen, das laut Gerlach damals genau eine einzige gepflasterte Straße besaß. Das „Hohe Haus“, an dem die Gruppe jetzt haltmacht, gab es bereits. Es war mit seinen sieben Stockwerken das höchste der Stadt.

Die Konstanzer Version eines Flammkuchens

Eine Fischersfrau, der Kleidung nach Zeitgenossin des Chronisten, wartet schon. Wortreich erklärt sie das Wandgemälde, auf dem Marktweiber Hechte, Barsche und Felchen aus dem See feilhalten, aber auch Frösche und Schnecken. Unter den Konzil-Teilnehmern befanden sich nämlich versierte Feinschmecker, die der Konstanzer Küche allerhand Neues bescherten. Italienische Bäcker mit fahrbaren Öfen etwa verkauften bis dahin unbekannte Teigfladen, die man als die Vorgänger der „Dünnele“ ansieht, der Konstanzer Version eines Flammkuchens. Und nun müsse man sich, meint Gerlach alias Richental am Obermarkt, das Stimmengewirr von damals vorstellen: „Italienische Doktoren disputierten lauthals mit spanischen Gelehrten. Litauer, Engländer und Dänen radebrechten heftig miteinander.“ Die wichtigsten Sitzungen des Konzils fanden im Münster statt.

Zwischen den Säulenreihen des romanischen Langhauses wurden Tribünen aufgebaut. Bewundernd standen Bischöfe und Kardinäle vor der zwölfeckigen Mauritius-Rotunde mit dem Heiligen Grab, von dem aus viele Pilger auf den 2340 Kilometer langen Jakobsweg aufbrachen. Die großen Goldscheiben, die jetzt in der Krypta hängen, schimmerten zu dieser Zeit außen von der Chorwand weit über den See. Die Türme, 1378 erbaut, erhielten erst Mitte des 19. Jahrhunderts ihr heutiges, neugotisches Gewand. Durch das Gewirr der verwinkelten Gassen der Niederburg aber, des ältesten Stadtteils, zog an feuchten Tagen schon damals der Nebel - nicht anders als heute auch. „Im Münster wurde auch die grauenvollste Entscheidung des Konzils getroffen, das Todesurteil über Jan Hus,“ berichtet Henry Gerlach. Der Kaiser habe dem böhmischen Reformator freies Geleit zugesagt.

„Doch als der sich weigerte, seinen Lehren abzuschwören, kümmerte den Herrscher sein eigenes Geschwätz nicht mehr. Hus wurde zum Tode verurteilt und auf dem Richtplatz verbrannt.“ Erst im 19. Jahrhundert erinnerte man sich in Konstanz wieder verstärkt an Hus. Die Genfer Fabrikantenfamilie Macaire übernahm das heruntergekommene Dominikanerkloster. Hier waren während des Konzils die französischen und italienischen Vertreter untergekommen und hatten im heutigen Festsaal die 60 blutrünstigen Märtyrerbilder vermutlich mit ebenso großen Augen bestaunt wie die Besucher im Jahr 2014. Die Macaires, gute Calvinisten, gehörten auch zu den ersten, die Geld spendeten für den Hussenstein, der westlich der Altstadt an den Toten erinnert. Das Hus-Haus in der Hussenstraße dagegen wurde erst 1980 als Museum eingerichtet.

Das Bauwerk wird lokal einfach "Konzil" genannt

Die Ausstellung wird zum Jubiläum neu gestaltet. Der Rundgang endet am Hafen am Konzilgebäude. Der dreigeschossige, massive Steinbau mit Walmdach wurde 1388 als Warenlager für reisende und ortsansässige Händler errichtet und diente fast 500 Jahre lang als Umschlagplatz für Handelswaren am Konstanzer Hafen. Während des Konstanzer Konzils fand im Jahr 1417 das Konklave zur Wahl von Papst Martin V. in diesem geräumigen Bauwerk statt. Aus diesem Grund bürgerte sich im 19. Jahrhundert die Bezeichnung „Conciliumsgebäude“ ein - heute wird das Bauwerk lokal auch einfach „Konzil“ genannt. Unter den mächtigen, offenliegenden Eichenbohlen des Dachgestühls schildert der mittelalterliche Augenzeuge Richental, wie auf den beiden Stockwerken Verschläge eingebaut wurden, in die die 53 Wahlmänner zogen.

Man mauerte die Fenster zu oder ließ sie vernageln, ein Wächter postierte sich mit zwei Fürsten vor der Tür. Ob nun, wie behauptet, der Heilige Geist tätig wurde oder es den Herren in dem kargen Ambiente lediglich bald zu wenig komfortabel wurde, bleibt offen: Erstaunlich schnell jedenfalls, schon am 11. November 1417, hieß es „Habemus Papam“ - wir haben eine Papst. Der römische Kardinal Odo Colonna nahm mit seiner Wahl den Namen Martin V. an. Damit hatte das Konzil zumindest eine seiner großen Aufgaben erfüllt. Und die Stadt Konstanz hatte sich für immer einen Platz in der Weltgeschichte gesichert.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading