Deutschland in Frankreich Löws Endspiel: Trainerdämmerung in Paris

Auch in der schwierigsten Phase seiner Amtszeit denkt Joachim Löw nicht daran hinzuschmeißen. Foto: GES/Augenklick

Vor der Partie der Nationalmannschaft gegen Weltmeister Frankreich steigt der Druck auf den Bundestrainer, es droht die sechste Pleite des Jahres 2018. Wird es seine letzte im Amt?

Paris - St. Denis, der raue Vorort im Norden von Paris. Hier wollte Joachim Löw unbedingt hin, im Sommer 2016. Er schaffte es nur bis Marseille, ins Halbfinale. Dort machte seine Auswahl ihr bestes Spiel bei jener EM, scheiterte aber am Gastgeber mit 0:2. Zur Partie an diesem Dienstag (20.45 Uhr, ARD live) im Nationalstadion der Franzosen wollte Löw sicher nicht unbedingt.

Die Auslosung für die neu konstruierte Nations League wollte es so, dass der aktuelle Weltmeister die Deutschen in dem Moment empfängt, in dem der ehemalige Weltmeister taumelt und wankt. Mitten im Abstiegskampf, der zugleich ein Überlebenskampf ist. Für den Bundestrainer. Vor wenigen Monaten galt der 58-Jährige trotz teils besorgniserregender Testspiel-Ergebnisse im Herbst 2017 und im Frühjahr 2018 als unantastbar.

Findet Joachim Löw den Ausweg aus der Krise der DFB-Elf? 

Weltmeister 2014, inklusive der EM zwei Jahre danach gelang es Löw bei sechs aufeinanderfolgenden Turnieren seit der Heim-WM 2006 – als Löw Jürgen Klinsmanns Assistent, aber eher Mastermind war – das Halbfinale zu erreichen. Es gab Zeiten, da galt Löw als Everybody's Darling in Deutschland. Immer smart, charmant, eloquent – und eben erfolgreich. Mit dem goldenen Weltpokal krönte er seine Regentschaft. (Lesen Sie hier: Neuer und ter Stegen auf Augenhöhe)

Und nun steht er vor dem Abstieg mit seiner Mannschaft in die B-Liga dieser Uefa-Erfindung. Aber auch: vor der Entlassung. Wirklich? Oder findet Löw noch den Ausweg aus der mindestens seit der WM in Russland andauernden Krise? Das 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande hat wehgetan. Kein Tor in den letzten drei Pflichtspielen, schon fünf Pleiten in diesem Jahr – so bitter sah zuletzt das Länderspieljahr 1985 aus. Es droht Pleite Nummer sechs.

Joachim Löw: "Mit dem Druck kann ich schon umgehen"

Seine letzte? Derzeit wird alles hinterfragt. Seine Taktik, sein Spielstil, seine Personalauswahl, sein Führungsstil. Alles. Jede Bewegung wird am Dienstag im TV seziert werden. Ein Trainer unter Beobachtung. Unter Druck. "Kritik muss man annehmen, aber als Trainer blende ich das aus, das kann ich gut in den Tagen zwischen den Spielen", sagte er am Montagnachmittag auf der Pressekonferenz, "meine wichtige Aufgabe ist das Spiel am Dienstag. Löw wirkte aufgeräumt, lächelte, entschuldigte sich, dass wegen der Verspätung durch den Verkehr in Paris nicht mehr Fragen möglich waren.

Und wie schon in Amsterdam kam die Frage nach dem Druck, ob er denn dieser Tage schlechter nächtige. "Ich schlafe anders", das räumte er ein. Aber aus einem anderen Grund: "Ich war ein bisschen grippekrank, hatte Halsweh und Gliederschmerzen, das stört in der Regel den ruhigen Schlaf. Mit dem Druck kann ich schon umgehen, ich wusste, dass es massiv werden würde"

Und dann folgte mit einem Gewinnerlächeln der zentrale Satz: "Wenn das alles war, halte ich es aus." Am Morgen nach dem 0:3 hatte er sich mit Präsident Reinhard Grindel unterhalten. "Er hat mir das Vertrauen ausgesprochen – das ist gut", berichtete Löw und relativierte sogleich: "Aber das nicht das Wichtigste für mich. Dass wir jetzt zusammenstehen müssen, ist klar."

Joachim Löw: Rückendeckung von DFB-Boss Reinhard Grindel

Grindel hatte Löw Rückendeckung gegeben: "Dass der Weg unserer Mannschaft nach der WM auch Rückschläge mit sich bringen kann, war uns allen klar." Aber gleich so derb? Der Weltmeistertrainer, noch vor Turnierbeginn in Russland ohne Notwendigkeit mit einem Vertrag bis 2022 ausgestattet, hat sich angreifbar gemacht.

Mittlerweile sieht er sich gezwungen, die Rhetorik eines ganz normalen Bundesligatrainers, der sich im Abstiegskampf für Aufstellung und Taktik rechtfertigen muss, zu verwenden: "Wir spielen gegen den Weltmeister, haben nichts zu verlieren, nur zu gewinnen", sagte Löw. Und, auch ein Klassiker in solch einer bedrohlichen Situation: "Wir wollen das wiedergutmachen, was wir gegen die Niederlande versäumt haben." 

Trainerdämmerung. Wenn schon die "Süddeutsche Zeitung" von "einer Art Endspiel" für Bundestrainer Löw spricht, dann ist es definitiv eins. So ein Finale wünscht sich kein Trainer.

 

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