Deutschland Berliner Freiheit

Berlin - Platz des 9. November 1989: „Wahnsinn! Irrsinn! Nicht zu fassen!“ In ehernen Lettern sind die Jubelschreie jener Herbstnacht in den Boden eingelassen. Um Mitternacht hatten 20 000 Menschen an der Bornholmer Straße die Grenze von Ost nach West überquert. Es gab kein Halten mehr. Die Mauer war gefallen. Heute erinnern Fototafeln an den besinnungslosen Glücksrausch. Im Frühling schäumt hier ein Wald aus rosa blühenden Zierkirschen, der Besucher aus der ganzen Welt anzieht. Bernauer Straße, ein Stück weiter: Nirgendwo spielten sich im August 1961 ähnlich dramatische Szenen ab. Menschen flohen aus den Fenstern der Häuser in den direkt davor liegenden Westen. Die Gebäude wurden später abgerissen, die Versöhnungskirche, die genau auf der Grenze lag, in die Luft gesprengt. Längst findet sich hier wieder eine schlichte Kapelle in der Grünanlage, die einst den Todesstreifen bildete.

 

Nur ein paar Schritte sind es bis zur nahen Gedenkstätte für die Maueropfer. Blumen und Kränze liegen entlang einer Metallwand. Eiserne Schwellen im Gelände markieren den Verlauf verschiedener Fluchttunnel. Schmale Säulen aus Stahl zeichnen den Verlauf der Mauer nach. Ein Stück echte Mauer erhebt sich schräg dahinter, gleich nach dem Fall perforiert von „Mauerspechten“. Wer durch die Lücken im Beton späht, schaut auf das Dokumentationszentrum Berliner Mauer, das neu gestaltet ab November wieder zu besichtigen sein wird. Beeindruckend sind die vielen Tondokumente zur deutsch-deutschen Teilung. Und ein Film, der fast ohne Kommentare auskommt. Er zeigt den Blick aus einem Hubschrauber, der kurz nach der Wende den bis zu 150 Meter breiten Todesstreifen rund um Westberlin abfliegt. Eine stille, unspektakuläre Bestandsaufnahme, die gerade deshalb berührt. Wie viele Straßen und Plätze einfach durchgeschnitten waren.

165 Kilometer misst der Mauerweg insgesamt

Statt die Narbe zu überschminken, ist sie kenntlich gemacht. Seit 2007 gibt es bereits den Mauerweg. Er ist deutlich ausgewiesen, aber man muss den Blick heben. Die schlichten grauen Schilder hängen weit oben an Laternen und Masten - vermutlich wären sie sonst schnell von Souvenirjägern abgeschraubt. 165 Kilometer misst der Mauerweg insgesamt, immerhin knapp 50 Kilometer liegen mitten in der Stadt. Für die Westberliner bedeutete der Fall der Mauer die Rückgewinnung des grünen Umlands mit seinen Seen und Flüssen. Potsdam und seine Schlösser waren auf einmal wieder erreichbar. Draußen vor der Stadt idyllt der Mauerweg durch die Landschaft, verläuft über weite Strecken auf dem „Zollweg“ der Alliierten oder dem Patrouillenweg der DDR-Grenzer. Wer die Grand Tour mit dem Fahrrad macht, kann unterwegs im Schlosshotel Cecilienhof übernachten, wo noch immer der Innenhof mit Blumen in Form eines roten Sterns bepflanzt ist, als wolle man ein wenig Väterchen Stalin huldigen, der hier beim Potsdamer Abkommen nicht schlecht gefahren ist. Im ehemaligen Todesstreifen wühlen am helllichten Tag die Wildsäue.

Vor den Toren Berlins scheint die Erinnerung fast getilgt. Auch im Stadtgebiet sind nur noch wenige Reste der Mauer vorhanden. Das längste Stück zieht sich entlang der Spree zwischen „Oststrand“ und Oberbaumbrücke: 1,3 Kilometer Beton in Bunt. 1990 wurde die „East Side Gallery“ von Künstlern aus der ganzen Welt bemalt, in den Jahren 2000 und 2009 restauriert. Zuletzt brachte man gar eine spezielle Versiegelung auf, welche die Graffiti vor weiteren Spontanbemalungen schützen soll. An der davorliegenden Mühlenstraße halten Reisebusse im Minutentakt. In Scharen steigen Besucher aus, um sich vor Fresken mit Trabis und Bruderküssen ablichten zu lassen. Aber auch in die East Side Gallery wurde bereits eine Bresche zur Errichtung eines Geschäftshauses direkt am Spreeufer geschlagen. Zwei Reihen Pflastersteine kennzeichnen im Stadtgebiet den Verlauf der Mauer. Ein schmales Band nur, aber eine deutliche Spur. Jeder kann ihr folgen.

„In 15 Minuten wieder hier am Bus“

Manchmal tun das sogar Berliner, wie das junge Paar, das unweit vom ehemaligen Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße mit Tagesrucksäcken unterwegs ist. Sie haben sich vorgenommen, den ganzen Mauerweg in Etappen an den Wochenenden abzulaufen. Die Hälfte der Gesamtstrecke haben sie schon geschafft. Wer weniger Zeit hat, ist auf dem Mauerweg am besten per Rad unterwegs. Den Wert des Mauerwegs als Ensemble erkennt man spätestens am Checkpoint Charlie. Dort ist das Drama der Teilung zum Disneyland verkommen. „In 15 Minuten wieder hier am Bus“, kommandiert ein Reiseleiter seine Schutzbefohlenen. Das Foto vor mit Beton gefüllten „Sandsäcken“ und der Kopie der einstigen Kontrollbaracke mit in US-Uniformen kostümierten Schauspielern kostet zwei Euro - pro Person auf dem Foto. Ambulante Händler verkaufen DDR-Nostalgika und Sowjet-Accessoires gleich neben dem Mauermuseum, auch „Haus am Checkpoint Charlie“ genannt. Menschenmassen schieben sich durch das verwinkelte Haus, das an ein Kuriositätenkabinett denken lässt. Sämtliche Räume sind vollgestopft.

Chruschtschows Hut und Gandhis Spinnrocken haben Platz zwischen allerlei Fluchtgerät gefunden. Sehenswerter sind das benachbarte Mauerpanorama des Künstlers Yadegar Asisi sowie die „Blackbox“-Ausstellung zum Kalten Krieg gegenüber. In unmittelbarer Nähe des einstigen Checkpoints, an der Kreuzung Friedrichstraße/Zimmerstraße, finden sich auch die Fototafeln der „Geschichtsmeile Berliner Mauer“. Mitten im Verkehrslärm und städtischen Trubel erlauben sie eine Annäherung an die Geschichte. Denn manchmal sind auch Bilder beredt. Wie das von den amerikanischen und sowjetischen Panzern, die sich hier im Herbst 1961 gegenüberstanden. Für einen Moment hält man noch heute beim Betrachten den Atem an.

 

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