Deutsches Theater „Der Medicus“ nach Noah Gordon

Patrick Stanke (Zweiter von links) als Rob Cole mit seinen Freunden Mirdin (links) und Karim an der Medizinschule Madrassa. Foto: Susanne Brill

Das Musical „Der Medicus“ nach dem Weltbestseller von Noah Gordon im Deutschen Theater

 

Da mag im Publikum so manches Pausenhäppchen wieder ein Stück weit hochgekommen sein, als auf der Bühne beraten wurde, ob man nun die Pestbeulen der Kranken aufschneiden soll, um den Eiter abfließen zu lassen, oder nicht. Aber so ganz ohne Medizin geht es nun mal nicht bei einem Musical, das „Der Medicus“ heißt. Vor allem aber geht es um Freundschaft und deren Zerbrechen, um Gewissenskonflikte und Religion.

Und es geht, wie in jedem anständigen Stück, das vom Leben erzählt: um die Liebe. Das läuft nicht immer ganz schmalzfrei ab. Als unser Held, Rob Cole, auf seiner langen Reise von England nach Persien die Frau trifft, von der er – und das Publikum mit ihm – sofort weiß: Die ist es!, ist aus der Reihe weiter hinten ein ächzendes Seufzen zu hören. Sonst aber gibt es vor allem viel Applaus bei der Premiere am Freitag im Deutschen Theater. Der Komponist Dennis Martin hat den großen Romanstoff, mit dem Noah Gordon vor mehr als drei Jahrzehnten einen Weltbestseller hatte, auf knapp zweieinhalb Musical-Stunden verdichtet.

„Der Medicus“ hatte seine Welturaufführung im Sommer 2016 in Fulda. Für das Münchner Gastspiel hat der stimmstarke Patrick Stanke die Rolle des Rob Cole übernommen. Und er darf hier ohne die etwas playmobilhaft wirkende Perücke auftreten, die er im Sommer bei seiner ersten Aufführung in Fulda noch tragen musste.

Himmlische Längen

Auf die eine oder andere Szene auf der Reise und das eine oder andere Lied hätte man durchaus verzichten können. Die schöne Mary beispielsweise hätte auch einfach an die Rampe treten und sagen können: „Ich vermisse meine schottische Heimat sehr.“ Stattdessen singt sie eigens ein Lied auf ihren geliebten Heimatort: „Kilmarnock“. Aber erstens singt Barbara Obermeier in der Rolle der Mary auch dieses Lied sehr schön, und zweitens soll ja das Gefühl nicht zu kurz kommen in diesem Mittelalter-Stück, in dem es auch schon mal recht finster werden kann, wenn es um Krieg, Pest und sonstige Schrecken geht.

Der wissbegierige Rob Cole kommt nach Isfahan, um sich dort an der Medizinschule und Klinik Madrassa zum Medicus ausbilden zu lassen. Die hat den Ruf, die beste medizinische Schule zu sein – aber der Forscherdrang ihrer Schüler wird durch die religiösen Regeln beschränkt: Menschen aufschneiden ist verboten. Daraus erwächst einer der zahlreichen Konflikte im Stück: Zwar dürfen sich die Krieger in der Schlacht gegenseitig die Bäuche aufschlitzen, klagt Rob, dies aber aus wissenschaftlichen Motiven zu tun, ist untersagt. Doch die Zeit ist noch nicht reif für derlei freie westliche Gedanken.

Darüber zerbricht dann auch die Freundschaft zwischen Rob und seinem feierfreudigen Mitschüler Karim (Christian Schöne). Der wird nämlich plötzlich zum Schah von Persien – und sein Amt zwingt ihm nun strenge Regeln auf, die er auch gegen seinen Freund anwendet. Da kann auch der große Medizingelehrte Ibn Sina nichts machen. Der wird gespielt von Reinhard Brussmann, dessen warme, tiefe und volle Stimme eine Sache für sich ist. Alle Menschenliebe und Weisheit der Welt liegt in dieser Stimme, aber auch Ibn Sina weiß: Leg dich nicht mit den Mächtigen an – jedenfalls nichts zu sehr.

Mit Ohrwürmern

Einige der Lieder bleiben lange im Ohr, etwa Robs treibendes Aufbruchslied „Mein Weg“ oder das prächtige Ensemble-Stück „Ala Schah“, mit dem Karim als neuer Herrscher gefeiert wird. Da hat die Stimmung auf der Bühne längst von westlicher Kargheit zu orientalischer Farbigkeit gewechselt. Musikalisch hingegen bleibt der Orient eher Andeutung. „Das Herz dieser Stadt“ zum Beispiel ist gewissermaßen die persische Antwort auf Hans Albers’ „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“.
Zu den lustigen Momenten des Abends gehören die Szenen mit dem durchtriebenen Bader (Sebastian Lohse), der dem gutgläubigen Volk sein Wundermittel andreht. Auch der hedonistische Party-Prinz Karim hat viele komische Auftritte, die diesem ja eigentlich schweren Stoff immer wieder leichte Momente verschaffen.

Ein gutes Dutzend Mitglieder der Kölner Symphoniker unter der Leitung von deren Chefdirigentin Inga Hilsberg lassen es im schmalen Orchestergraben vor der Bühne bisweilen wunderbar krachen. Unter den Gästen der Premiere war am Freitag auch Popstar Chris de Burgh. Der irische Sänger und Komponist arbeitet mit dem „Medicus“-Machern gerade an einem weiteren Bühnenprojekt, das 2020 in Fulda Weltpremiere haben soll: „Robin Hood – das Musical“. 

Bis 25. November im Deutschen Theater, Di-Fr 19.30 Uhr, Sa/So 14.30 und 19.30 Uhr, Karten (ab 36 Euro) unter Telefon 55  23  4 4  44

 

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