Deutsches Theater Alles "Chicago"!

"Chicago" im Deutschen Theater. Foto: Deutsches Theater

Das Musical „Chicago“ in einer neuen Broadway-Version im Deutschen Theater

 

Mord ist auch nur eine Form von Unterhaltung, erklärt Mama Morton kategorisch. Sie gehört nicht zu den Leuten, denen man widerspricht, denn sie ist verantwortlich für das Wohlbefinden der Insassinnen im Frauengefängnis. Nebenbei betreibt sie eine florierende Medienagenur für die prominentesten ihrer Schützlinge. Wichtigster Geschäftspartner ist der Rechtsanwalt Billy Flynn, der gegen eine Honorarpauschale von 5000 Dollar und die Aussicht auf viel Ehre und Ruhm in den Medien die Verteidigung übernimmt.

Die Gier nach Sensationen und was Schwerkriminelle dazu beitragen können ist der Stoff für das Musical „Chicago“, das noch erfolgreicher ist als „Cats“ oder das „Phantom der Oper“. Die New Yorker Inszenierung von Walter Bobbie aus dem Jahr 1997, die eine „re-creation“ der Uraufführung von 1975 in der Regie von Choreografie-Legende Bob Fosse ist, läuft bis heute im Ambassador Theater in der 49. Straße.

Keine Resteverwertung

Im Deutschen Theater war „Chicago“ zuletzt vor drei Jahren zu sehen. Aber so viel Gene vom Broadway hatte der Klassiker von Fred Ebb (Text) und John Kander (Musik) an der Schwanthalerstraße wohl nie.

Tourneeproduktionen brüsten sich gerne damit, das „Original“ zu sein, das direkt vom Broadway kommt. Das ist nicht immer eine Empfehlung, denn es kann auch Resteverwertung bedeuten. Deshalb sind die Frische, die Energie und das Tempo, mit denen das Ensemble aus Manhattan über die Bretter des Deutschen Theaters fegt, besonders überraschend und überzeugend. Eine gewisse Kargheit, die die Szenen im Gefängnis und im Gerichtssaal prägen, entspricht dem Stil der Erstinszenierung.

Nur der Promi-Anwalt Flynn (mit einem Hauch vom älteren Cary Grant: Craig Urbani), der davon überzeugt ist, mit ihm wäre der Prozess gegen Jesus anders ausgegangen, bekommt üppig federgeschmückte Showauftritte. Bryan Schimmel, selbst mit profundem Showtalent ausgestatteter musikalischer Leiter, erzeugt mit seinem Orchester einen sehr transparenten und knochentrockenen Sound aus Jazz, Ragtime und einer großen Wundertüte voller anderer Stile.

Die amerikanischen Werte feiern

Die Atemlosigkeit der Roaring Twenties bringt er zum Klingen, ohne den großen Atem, mit dem die Story szenisch erzählt wird, zu gefährden. Grandios und mitreißend sind die großen Tanznummern von Ann Reinking. Sie sind atemberaubend rasant und immer mit einer staunenswerten Präzision bis hin zur Akrobatik. Was „Chicago“ von manchen anderen Werken der Gattung unterscheidet, ist, dass es keinen faden Song gibt - von der temperamentvollen Eröffnungsnummer „All That Jazz“ bis zum „Mister Cellophane“, dem traurigen Bekenntnis eines Mannes, den niemand bemerkt. Die Qualität der gesamten Inszenierung ist, dass auch jede Szene, jeder Song, ob im Ensemble oder solistisch, das hohe Niveau hält.

Samantha Peo als gattenmordende Velma Kelly und Carmen Pretorius als Roxie Hart, die ihren untreuen Liebhaber erschoss, bringen Sex und Crime mit prickelnder Coolness auf den Punkt. Um psychologische Zeichnungen von Täterinnen geht es dabei nicht. Alles ist nicht mehr, aber auch nicht weniger Show, ein einziges „Razzle Dazzle“, der ganz große Fake.

Wenn Roxie die amerikanischen Werte mit Kitsch und Pathos feiert, um bei den Geschworenen Eindruck zu schinden, kann der Zuschauer der Trump-Ära nicht anders, als spontan hämisch zu lachen.    

Deutsches Theater, heute und morgen, 19.30 Uhr, Samstag, 15 und 19.30 Uhr, Sonntag 14.30 und 19 Uhr, Telefon 55234444
 

 

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