Der Turm im Reschensee Der Roman „Ich bleibe hier“ von Marco Balzano

Der Turm von Graun im Reschensee. Foto: Peter Kneffel

Marco Balzanos Roman „Ich bleibe hier“ handelt vom Untergang des Dorfes Graun, dessen Kirchturm noch immer aus dem Reschensee ragt

 

Dass man im Sylvenstein-Speicher am Oberlauf der Isar noch den Kirchturm von Fall sieht, ist Legende. Tatsächlich ragt aber im Südtiroler Reschensee der Turm von Graun aus dem Wasser. Mitten in dem Stausee, der 1950 nach langen, immer wieder unterbrochenen Planungen geschaffen wurde, steht der Turm von St. Katharina. Höfe und Land der Bauern wurden damals lächerlich gering entschädigt, viele verließen die Gegend, nur ein Drittel siedelte ins neue Dorf oberhalb des Sees um.

Die Flutung jährt sich in diesem Jahr zum 70. Mal, heute ist der Turm im Wasser vor allem Postkarten-Motiv einer Tourismus-Region. Auch der Mailänder Autor und Gymnasiallehrer Marco Balzano kam als Tourist – doch die Geschichte des Ortes ließ ihn nicht los. Darum verarbeitete er sie zu seinem aktuellen Roman „Ich bleibe hier“, der in Italien für den Premio Strega nominiert war und jetzt auf Deutsch erscheint.

2018 ließ der Dokumentarfilm „Das versunkene Dorf“ Zeitzeugen sprechen. Auch Balzano recherchierte vor Ort, spiegelt aber die Auswirkungen von Faschismus und Drittem Reich im Dreiländereck von Italien, Österreich und der Schweiz anhand einer fiktiven Familiengeschichte zwischen 1923 und 1950 wider. Bürger zweiter K Das Vinschgau gehörte bis zum Ende des Ersten Weltkrieges zu Österreich, seine Bewohner sahen sich als Tiroler beziehungsweise Deutsche.

Bürger zweiter Klasse

Nach dem Zuschlag an Italien wurden die rund 220 000 deutschsprachigen Südtiroler zwangsitalianisiert und diskriminiert. Viele sahen ihre Rettung später ausgerechnet in Adolf Hitler. Zwischen 1939 und 1943 hatten sie die Wahl, nach Deutschland auszuwandern oder in Italien zu bleiben – in jedem Fall als Bürger zweiter Klasse.   Die Widersprüchlichkeit konkurrierender Nationalismen bringt „Ich bleibe hier“ gut zum Ausdruck.

Und damit nicht genug: Nachdem zwei Weltkriege am Berg für Leid und Tod gesorgt hatten – deren brutale Wirklichkeit Balzano ausführlich schildert – kommt in Graun statt Erlösung die finale Katastrophe erst noch: der Staudamm und die Flutung.   Dass das Reschensee-Projekt unter himmelschreiend ungerechten Umständen durchgeführt wurde, bleibt ein Skandal. Allerdings werden in diesem Buch Kraftwerk und Stausee sehr plakativ zum Symbol sinnloser Zerstörung durch technischen Fortschritt.

Die weibliche Erzählstimme schildert die Ereignisse aus der Innen-Perspektive des Dorfes: Die Wortwahl von Trina, der Tochter des Schreiners, ist so pragmatisch und karg wie das Leben in Graun, für große Emotionen ist kein Platz. Dabei ist sie sogar eine „Studierte“, darf als Lehrerin unter Mussolini ihren Beruf aber nicht ausüben. Sie unterrichtet schließlich in einer der so genannten „Katakombenschulen“ (die es wirklich gab) heimlich die Kinder auf Deutsch.   Trinas Mann, der Bauer Erich Hauser, traut weder dem italienischen „Duce“ noch dem deutschen „Führer“ und hat nur vor einem Angst: dem Bau des Staudamms. Sein Heimatbegriff ist dabei weit entfernt vom völkischen Größenwahn seiner Zeit.

Die Arroganz der Macht

Es geht ihm nur um sein Haus, seine Felder, Weiden und die Tiere. Um den Ort der Seinen, an dem seit Jahrhunderten geboren und gestorben wird.„Vom ersten Augenblick an hieß es: Wir gegen sie. Die Sprache des einen gegen die des anderen. Die Arroganz der plötzlichen Macht gegen das Pochen auf jahrhundertealten Wurzeln“, lässt Balzano Trina erklären.

Die Aneignung von und Identität durch Sprache ist zentrales Thema. Doch der Autor verarbeitet dies nicht literarisch, Sprache ist hier nur Mittel zum Zweck des Erzählens. In der deutschen Übersetzung wird das ein wenig absurd: So nennt Trina ihre Eltern „Pà“ und „Mà“ – obwohl sie ja gar nicht Italienisch sprach.

Dennoch gelingt Marco Balzano eine packende Lektüre, nicht zuletzt weil seine Figurenzeichnung sehr realistisch ist. Die Dörfler schwanken zwischen Aufbegehren, Ohnmacht und strammem Deutschtum, die Spaltung reicht bis weit in die Familien hinein. Trina und vor allem der sture, unbestechliche Erich erscheinen da als Lichtgestalten, deren Geradlinigkeit man bewundert – und deren bitteren Weg des Scheiterns zu beobachten beim Lesen weh tut.

Marco Balzano: „Ich bleibe hier“ (Diogenes, 288 Seiten, 22 Euro)

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