Der Roman „Im Licht der Zeit“ von Edgar Rai Marlene Dietrich: faszinierend, oft blau, aber kein Engel

Emil Jannings war als erster Oscar-Gewinner der Star, dem Marlene Dietrich hier die Show stiehlt und durch den "Blauen Engel" zum Superstar wird– auch in Amerika. Foto: dpa

Die rauschenden 20er in Berlin, selbstbewusst coole Frauen, Sex und Politik – und in der Mitte das atemberaubende, turbulente Projekt des ersten deutschen Tonfilms, der Marlene Dietrich zum Superstar macht: Der neue Roman „Im Licht der Zeit“ von Edgar Rai

 

Jede Familie kennt ein schwarzes Schaf. Oft ist es der Onkel oder eine Tante,     deren Exzentrik, Künstlertum oder schlicht Unbürgerlichkeit Nervosität verbreitet. Im preußisch-berlinerischen Hause Dietrich – oder nach der zweiten Heirat der Mutter Josephine „von Losch“ – ist das die mondän unverfrorene Tante Vally, die Schwester des gerade gefallenen Stiefvaters von Marlene.

„Diese Beine werden es noch weit bringen!“

Und die sagt 1917 bei einem unkeuschen Kuss mit ihrer 16-jährigen Nichte, als sie an ihr hinunterblickt: „Diese Beine werden es noch weit bringen!“ Es ist ein – letztlich segensreicher – Fluch, der auf der Revuetänzerin und Chansonière Marlene lastet, bis sie auf einen Schlag mit 28 Jahren „Die Dietrich“ wird: am 1. April 1930, dem fulminanten Premierenabend von „Der Blaue Engel“ und der sofortigen, noch nächtlichen Abreise von Berlin, nach Hamburg und dann aufs Schiff nach New York und weiter nach Hollywood als neuer Star der Paramount.

Das waghalsige Ufa-Projekt  basiert auf Täuschung, Hochstapelei und Erpressung

Genau diesen Bogen spannt Edgar Rai auf 500 Seiten in seinem Roman „Im Licht der Zeit“ und ist dabei unverschämt unterhaltsam und spannend. Denn das waghalsige Ufa-Projekt des ersten deutschen Tonfilms, wofür das modernste Tonstudio der Welt in Babelsberg gebaut wird, basiert auf atemberaubender Täuschung, Hochstapelei und Erpressung.

Die Spannung am Set entlädt sich in einer Schlägerei. An deren Ende schlägt der bis dato eigentliche Star Emil Jannings wie eine tief verunsicherte, gedemütigte Bulldogge, die explodiert, Sternberg einen Backenzahn aus und würgt die schnippisch triumphierende Dietrich vor laufender Kamera so, dass sie fast bewusstlos ist. Hans Albers rettet sie ritterlich schneidig mit einem Tiefschlag gegen Jannings – ein brutaler Tiefpunkt, der das Großprojekt zum Erliegen bringt. Aber Vollmöller findte auch hier einen – diesmal juristischen – Trick, die Fortsetzung zu erzwingen.

Glamour, Sex & Crime und Alfred Hugenberg

Für permanente Erotik im Roman sorgt das ausschweifende, bisexuelle Liebesleben der Marlene, gleich beginnend mit einer frech-eleganten Verführungsszene der Teenagerin Marlene in der Badewanne ihres Idols, des Stummfilmstars Henny Porten. Glamour, Sex & Crime… Fehlt „Im Licht der Zeit“ noch Politik. Und so sind den Kapiteln zeitgenössische Zitate aus der demokratischen „Berliner Volkszeitung“ vorangestellt, die Hitler, Goebbels und Versammlungen der Nationalsozialisten und ihre Schlägertrupps kommentieren. Aber der Untergang der Weimarer Republik ist bis Frühjahr 1930 noch nicht abzusehen. Und da endet „Im Licht der Zeit“. Dennoch hört man als leisen, aber bedrohlichen Hintergrundton den Aufstieg des Nationalsozialismus, der aber nicht unaufhaltsam oder linear verläuft, sondern zum Beispiel 1928 bei den Reichstagswahlen nur 2,6 Prozent der Stimmen erreicht.

Emil Jannings will den "Rasputin", Karl Vollmöller plant hintenrum "Der blaue Engel"

Der deutschnationale, antisemitische Medienmogul Alfred Hugenberg ist „Im Licht der Zeit“ eine Neben-, aber Schlüsselfigur für Zweierlei: ein Beispiel für einen großkapitalistischen Steigbügelhalter des Nationalsozialismus und natürlich als Ufa-Eigentümer der Geldgeber für „Der blaue Engel“, der den bisher film- und markttechnisch überlegenen Amis das Fürchten lehren soll, „koste es, was es wolle“.
Spannung bezieht der Roman aus dem menschlichen Drama zweier gegenläufiger Linien: der von dem halbbekannten, singenden Revue-Mädchen, das sich schon mehrfach glücklos im Film versucht hat und dem Schauspielgiganten Emil Jannings. Der hat gerade für seine Leistung im Stummfilm „Sein letzter Befehl“ in den USA den ersten Oscar der Geschichte bekommen, sich aber zuvor mit seinem Regisseur Josef von Sternberg unrettbar zerstritten. Doch ist Jannings – ohne das in seiner größenwahnsinnigen Egozentrik wahrnehmen zu wollen – eigentlich schon im freien Fall: Seine „blecherne Kasernenstimme“, sein deutscher Akzent und seine Stummfilm-Expressivität ruinieren in den neuen Zeiten des Tonfilms alles. So gelingt es dem deutschen Produzenten und Drehbuchautor Karl Vollmöller ihn in diesem Moment aus den USA „als Superstar“ zurückzuangeln – unter Vorspiegelung falscher Tatsachen.

Das gleiche Spiel treibt er mit Ufa-Chef Hugenberg, der ebenfalls glaubt, der Jannings-Film „Rasputin“ würde vorbereitet. Und auch der Starregisseur Josef von Sternberg kann ahnungslos, dass er wieder mit seinem Todfeind Jannings filmen soll, aus den USA geholt werden. Denn auch seine Karriere schwächelt gerade. Und Vollmöller verkauft der deutschen Presse all diese eigentlich explosiven Coups als bombensichere Sensation.

Fake-Szenen, um "zweifelhafte Erotik" reinschmuggeln zu können

Über weite Strecken folgt der Roman – neben Marlene Dietrichs – eben der Perspektive von Karl Vollmöller, weil bei ihm – dem Produzenten und Drehbuchautor – alle Fäden zusammenlaufen. Es ist das große amüsante Spiel für den Leser, über Vollmöller den elektrisierenden Überblick über ein Hasardeur-Projekt zu behalten, bei dem keine Partei die gesamte Wahrheit und das atemberaubende Pokerspiel Vollmöllers kennen, der psychologisch unverfroren und geistreich alles riskiert, um sein von ihm ausgehecktes Projekt, den „Blauen Engel“ zu verwirklichen. Und dass der Erzreaktionär Hugenberg jegliche „zweifelhafte Erotik“ verboten hat, wird mit extra für ihn gedrehten harmlosen Fake-Szenen fies umgangen.

Es ist die Figur der Lola, die als letzte gecastet wird. Sternberg setzt Marlene Dietrich durch und verliert – als Kontrollfreak erotisch gefangen wie eine Motte vom Licht – die Kontrolle über die Frau, die „von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ ist – mit heute bekanntem, damals aber aufregend unkalkulierbarem Ausgang. Nur Vollmöller ahnt schon, dass die Dietrich „eine Nummer zu groß ist für das Deutschland, von dem Hugenberg träumt“.

Marlenes unterkühlt erotisches Understatement ist am Puls der Zeit

Und Jannings, der neunmal soviel Gage bekommt wie die Dietrich, wird zu spät bewusst, dass er bei dem Plot von „Professor Unrat“, den Vollmöller dem Schriftsteller Heinrich Mann perfide geschickt abgetrotzt hat, nur verlieren kann: als bigotter, spießiger und vor allem verklemmter Schulrat, der einer Tingeltangel-Frau verfällt, bürgerlich abstürzt und als erbärmlicher Clown in der Varieté-Truppe endet.

Edgar Rai zeigt die Weimarer Zeit auch als frühe, radikale, vor allem coole Emanzipationszeit der Frau: Marlene verdient tanzend und singend das Geld, ist eine schlechte Mutter, leidet unter der provokanten Kühle ihrer Tochter, lebt die inoffizielle Liaison ihres Mannes mit dem Kindermädchen bewusst mit, solange sie sich mit Männern und Frauen durchs aufgedreht vitale Berliner Nachtleben schlafen kann, wo Egos mit Champagner aufgeschäumt und Nächte mit Koks durchgefeiert werden.

Und auch für das Geheimnis des – im Vergleich zu Henny Porten, Asta Nielsen oder Greta Garbo – späten Erfolges von Marlene hat der Roman bei aller großer Begabung und Selbstbewusstsein der Dietrich eine Erklärung: Marlenes unterkühlt erotisches Understatement. Ihre Exgeliebte und Lebensberaterin Claire Waldoff hatte ihr als Revue-Bühnenanweisung gegeben: „Gib Ihnen nicht zu viel: Sobald sie glauben, du gehörst ihnen, fressen sie dich mit Haut und Haar!“

Und genau das Minimalistische war ideal für die große Neuerung, den Tonfilm: „Die Anforderungen an die Schauspieler würden gänzlich andere sein, die Drehbücher würden Szenen und Konflikte in Dialoge übersetzten, das ganze Pathos würde in etwas viel Subtileres überführt werden. Zwei Drittel der Gesten wäre ersatzlos zu streichen…“, reflektiert im Roman Vollmöller am Puls der Zeit die filmische Zeitenwende, die bis heute gilt, auch wenn die Virtuelle Realität vielleicht bald wieder ein Umdenken erfordern wird.
Es war genau dieses moderne, selbstbewusste Frauenbild Marlenes, das den damaligen Zeitgeist traf – und auch das gilt ja heute wieder.  

Edgar Rai: „Im Licht der Zeit“ (Piper, 512 Seiten, 22 Euro)
 

 

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