Der neue Roman von Georg M. Oswald Ein "Vorleben" im Glockenbachviertel

Der Münchner Autor und Rechtsanwalt Georg M. Oswald. Foto: Peter von Felbert

Georg M. Oswald beschreibt in „Vorleben“ eine Beziehung, die an zu großer Neugierde zerbricht

 

Der Cellist parkt lieber auf der gegenüberliegenden Straßenseite: Er befürchtet, von seiner Ex-Frau wegen Hausfriedensbruchs angezeigt zu werden. Ganz abwegig ist das nicht: Nach dem Besuch einer für Kinder bearbeiteten Aufführung von Leos Janáceks Oper „Das schlaue Füchslein“ mit der gemeinsamen Tochter liegt Anwaltspost im Briefkasten: Der weitere Umgang wird ihm untersagt, weil die Neunjährige nun die gefährlichen Inhalte unter kinderpsychologischer Aufsicht verarbeiten müsse.

Derlei ist, wie der Kenner weiß, durchaus aus dem Leben Geschiedener gegriffen. Und der Schriftsteller Georg M. Oswald dürfte mit solchen Scharmützeln in seinem Zweitberuf als Anwalt täglich befasst sein. Münchner ist der 56-Jährige auch: Sein neuer Roman „Vorleben“ spielt im Glockenbachviertel – vor und nach dessen Gentrifizierung. Eine entscheidende Nebenrolle übernimmt der legendäre Plattenladen Optimal in der Kolosseumstraße, dessen namentlich auftretender Besitzer mit dem Lob verewigt wird, er könne so über Bücher sprechen, dass man sie sofort lesen wolle.

Was das Ganze soll

„Vorleben“ umkreist ein zentrales Problem jeder neuen Beziehung unter Erwachsenen im besten Alter: „Klar, Ficken macht Spaß, aber irgendwann kommt man dann eben doch an den Punkt, an dem sich zu fragen lohnt, was das Ganze soll.“ Das „Ganze“ ist die Frage nach dem Vorleben des Partners, für das sich die als arbeitslose Journalistin berufsneugierige Sophia etwas zu sehr interessiert. Dann liest sie im Optimal-Laden im „Reiseführer für Einheimische“ über einen Mord im Glockenbachviertel, dessen Opfer sie schon einmal im Fotoalbum ihres Liebhabers gesehen hat, der als Solo-Cellist im Staatlichen Symphonieorchester spielt.

Dahinter verbirgt sich das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. Neugierige seien aber gewarnt: „Vorleben“ ist kein Schlüsselroman über das Orchester, obwohl sich Oswald offenkundig im Backstage-Bereich des Herkulessaals umgesehen hat, dessen leicht schäbige Kantine er fotografisch exakt schildert. Zwar hat der Chefdirigent als Kind bei Schostakowitsch auf dem Schoß gesessen, der Orchestermanager und der Pressesprecher sind den realen Personen allerdings so unähnlich wie nur möglich. Es ist übrigens ein wenig schief, wenn Oswald das BR-Symphonieorchester als Versammlung aus lauter Solisten beschreibt, und was im Buch „Orchesterrat“ genannt wird, heißt bei allen Münchner Klangkörpern "Orchestervorstand".

Das alles weiß der Rezensent aber auch nur als Musikkritiker, für die Dramaturgie von Oswalds Roman ist es ohne größere Bedeutung. Was Sophia über ihren Cellisten herausfindet, der als allzu behütetes Einzelkind aufwuchs, ist psychologisch klug erfunden. Und wen bei der vorhin zitierten Passage das F-Wort schockierte: Es fällt zwar ein-, zweimal das F-Wort, sonst behandelt der Roman den körperlichen Aspekt zwischenmenschlicher Beziehungen ausgesprochen diskret.

Am Glockenbach vor 30 Jahren

„Vorleben“ ist ein atmosphärisch dichtes, in nahezu jedem Detail genau beobachtetes Buch über eine scheiternde Beziehung. Die Zeit vor 30 Jahren, als die Gegend südlich des Gärtnerplatzes mit dem Tanzlokal Größenwahn und den Schwulenbars ein wenig an Berlin und Kreuzberg erinnerte, wird liebevoll, aber ohne allzu große Verklärung geschildert. Sogar der legendäre Circus Gammelsdorf hinter Landshut hat einen Kurzauftritt.

Man könnte allerdings darüber streiten, ob ein offener Schluss zu diesem Roman nicht besser gepasst hätte wie die krimihafte Doppelseite des letzten Kapitels. Denn die in „Vorleben“ geschilderte Beziehung hätte trotz finanzieller Asymmetrien und etwas nerviger Eltern das Potenzial für ein gemeinsames Glück.

Aber das alles stört nicht wirklich. „Vorleben“ ist ein gut geschriebener Roman über München, der – weil von einem Münchner verfasst – die billigen Klischees über die Stadt vermeidet und auch von Einheimischen ohne Fremdscham gelesen werden kann. Und das, obwohl sogar das unvermeidliche „Schumann’s“ drin vorkommt.

Georg M. Oswald: „Vorleben“ (Piper, 224 Seiten, 22 Euro). Der Autor stellt sein Buch am 26. Februar um 19.30 Uhr in der Seidl-Villa vor

 

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