Der Frontmann von DAF Ein Nachruf auf Gabi Delgado

Gabi Delgado-Lopez von DAF live in der Markthalle, Hamburg, November 2017. Foto: Schiffler Future Image

Gabi Delgado ist tot: Der Frontmann des Duos DAF ist im Alter von 61 Jahren in Portugal gestorben

 

Ich liebe diesen Prinzen“, hauchte er einst unvergleichlich zu hämmernden Klängen, ein wenig unverständlich, aber mit martialisch kurz geschorenen Haaren und angezogen mit Lederklamotten ins Mikrofon. Songtitel: „Der Räuber und der Prinz“.

Jetzt ist Gabriel „Gabi“ Delgado-López, Sänger und Frontmann des Industrial-Duos DAF (Deutsch Amerikanische Freundschaft), im Alter von 61 Jahren überraschend in einem portugiesischen Krankenhaus gestorben. Woran weiß man noch nicht. Mitgeteilt wurde der Tod Delgados zuerst von seinem ehemaligen Bandkollegen und Freund Robert Görl.

Ein rauer Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle

Der 1958 in Córdoba geborene und schon 1966 nach Deutschland gekommene Delgado war zuerst in der Punkszene aktiv, wurde Ende der 70er Jahre zusammen mit dem Multiinstrumentalisten Görl zur einflussreichen Figur bei der Entstehung der deutschen Elektronikmusik. Als nicht glatter Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle, als Vorreiter von Techno, House und Elektroclash stellen Musikwissenschaftler und Pop-Exegeten DAF heute in eine Reihe neben Kraftwerk und CAN.

Geschätzt wurde das Duo, das sich 1979 im legendären Künstler-Hotspot Ratinger Hof in Düsseldorf kennenlernte, wegen seiner ungebremsten Provokationslust gepaart mit musikalischer Experimentierfreudigkeit. Das Ganze - bei aller überraschenden Popularität - immer deutlich jenseits des gesellschaftlichen Mainstreams. Das unterschwellige Spiel mit schwulen oder Sadomaso-Assoziationen, was bei den DAF-Auftritten auch immer mitschwang, verstanden noch um 1980 nur eingeweihte Szenegänger und ausgesprochen Neugierige.

Krass und unkorrekt

Eine kalte Ästhetik durchzog sowohl Fotografien als auch Texte und Musik. Hämmernde Drums, die militärische Assoziationen hervorrufen, kombinierte DAF mit Texten, die 20 Jahre früher die Staatsanwaltschaft auf den Plan gerufen hätte. Die Platte „Alles ist gut“ (ausgezeichnet mit dem bürgerlichen Deutschen Schallplattenpreis) enthielt etwa das bekannteste DAF-Stück: „Der Mussolini“. In abgehacktem Kasernenton hört man „Tanz den Mussolini, und dann den Kommunismus, und jetzt den Adolf Hitler, und jetzt den Jesus Christus.“ Das war absichtlich krass und politisch nicht korrekt. Und freilich das Gegenteil von rechtsradikal - was man DAF mitunter vorwarf.

Wie es gemeint war, erklärt sich vielleicht in einem viel späteren Song aus den 2000er Jahren, mit dem sie genauso aneckten und der unsere gesellschaftliche Realität in Frage stellt: „Alles ist Lüge. Die Wahrheit ist Lüge. Die Lüge ist Freiheit und Gott ist Betrug, wie Filme und Kunst. Alles ist käuflich: die Wahrheit, die Lüge, der Himmel, die Hölle, das Haus und die Möbel.“

Das Leben genießen

Ein früher, ebenfalls Legende gewordener New Wave Song, mit dem DAF den des damals entstehenden Hedonismus traf und der Jürgen Teipels zu einem 2003 verfilmten Dokumentarroman inspirierte, ist: „Verschwende Deine Jugend“.

Zu verstehen war diese unkomplizierte Aufforderung, das Leben zu genießen, am besten aus einer bewegten Zeit heraus, in der Verzweiflung und Aufbruch eng beieinanderlagen. Dank Nato-Doppelbeschluss wurden in Westdeutschland mit Atomsprengköpfen ausgestattete US-Raketen namens Pershing II stationiert und verbreiteten Angst vor dem Dritten Weltkrieg. Die Öko- und Friedensbewegung etablierte sich als junges Massenphänomen. Apokalyptische Umweltzerstörungsbilder und Visionen verstörten. Nur halb-ironisch dagegengesetzt DAFs „Verschwende Deine Jugend“.

Mit ihren Texten und Musik trafen Delgado und Görl, die sich als DAF immer wieder trennten und wiedervereinigten, oft den Nerv der Zeit. Delgado, der in den letzten Jahren wieder in Spanien lebte, ist jetzt gestorben.

 

0 Kommentare