Der DAV feiert Geburtstag 150 Jahre Deutscher Alpenverein: Der Gipfel der Widersprüche

Der klassische Wanderer muss sich heute mehr denn je mit Event-Touristen und Sportlern die Berge teilen. Für den DAV ein nicht immer einfaches Unterfangen. Foto: dpa

Der Deutsche Alpenverein wird 150 Jahre alt. Tag für Tag übt er den Spagat zwischen Naturschutz, Breiten- und Spitzensport.

 

München - Der Präsident des Deutschen Alpenvereins heißt Josef Klenner. Er bekleidet nicht irgendein Amt, denn der DAV ist kein x-beliebiger Verein, sondern der größte Bergsteigerverein der Welt. Natürlich ist der Chef dieses Vereins selbst "begeisterter Bergsteiger, Kletterer, Hochtourengeher und Skibergsteiger", wie es in einer Pressemitteilung heißt, als Klenner 2011 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde.

Wenn man Klenner gegenübertritt, kann man sich nur schwer vorstellen, wie der schmächtige 69-Jährige auf Skiern waghalsig einen steilen Schneehang hinunterdüst, eine schroffe Felsnase im sechsten Schwierigkeitsgrad überwindet oder neben einem anderen Bergsteiger auf dem Matratzenlager schläft. Eher schon mit Schutzhelm auf einer Großbaustelle irgendwo in der Welt. Schließlich war der aus Nordrhein-Westfalen stammende Ingenieur bis zu seiner Pensionierung mit dem Bau von Zementwerken für einen Industriekonzern befasst.

Die herkömmlichen Bergfexe sind heute eher die Ausnahme

Aber es ist auch nicht die Aufgabe eines Sportfunktionärs wie Klenner, bergsteigerische Höchstleistungen zu vollbringen und flammende Reden zu halten. Seine Funktion ist es vor allem, den Laden zusammenzuhalten. Und dazu taugt diplomatisches Geschick mehr als ein kantiges Profil. Das wurde 2010 offenbar, als der DAV den robusten Dresdner Forstwissenschaftler Heinz Röhle in die Wüste schickte bzw. dieser sich selbst. Ein denkwürdiger Eklat.

Sein Nachfolger wurde dann Klenner, der das Amt schon von 1992 bis 2003 bekleidet hatte. Damals beschrieb die "taz" Klenner als "eher blassen Funktionärstyp" und "krasses Gegenteil zum meinungsfreudigen Forstwissenschaftler und engagierten Naturschützer Röhle". Der hatte gerade einmal fünf Jahre durchgehalten, während Klenner inzwischen bereits 20 Jahre Präsident ist.

Der DAV hat 1,3 Millionen Mitglieder

Mit einem Mann wie Reinhold Messner an der Spitze, der noch ein paar Ecken kantiger und meinungsfreudiger als Röhle ist, wenn es darum geht, die Führungsriege des DAV als Versammlung alpiner Sesselfurzer zu kritisieren, wäre der Alpenverein wohl sicher keine 150 Jahre alt geworden.

Mit seinen fast 1,3 Million Mitgliedern, zwei Millionen Tagesgästen auf 321 Hütten mit etwa 20.000 Übernachtungsplätzen im Gebirge und einem Wegenetz (zusammen mit dem Österreichischen Alpenverein) von 50.000 Kilometern und 207 Kletteranlagen ist der DAV des Jahres 2019, das maritime Bild sei erlaubt, ein echter Schiffsriese, schwer zu manövrieren und ständig in Gefahr, auf Grund zu laufen. Und Besatzung und Gäste sind so heterogen und im Zweifelsfall unvereinbar wie auf einem modernen Kreuzfahrtschiff.

Natürlich gibt es sie noch, die traditionellen Bergfexe, die vor Sonnenaufgang ungewaschen zum Gipfelsturm aufbrechen, um noch einen schwachen Abglanz jenes erhabenen Gefühls zu erhaschen, das die Bergpioniere von einst genossen haben mögen, als sie ins Unbekannte aufbrachen – und zuweilen nicht mehr zurückkamen.

Auch E-Mountainbiker wollen bespaßt werden

Doch sie sind längst in der Minderheit im Heer der Genuss- und Gelegenheitswanderer, die gerne den All-inclusive-Service der Sektionen in Anspruch nehmen und sich in der überfüllten Hütte ein "Dreierlei vom Strudel" auf modisch mit Puderzucker bestäubter Schieferplatte gönnen.

Dazu kommen die Skibergsteiger und Skitourengeher, die Free- und Speedrider (Skifahren mit Gleitschirm), die – neuerdings auch mit Elektromotor ausgestatteten – Mountainbiker. Außerdem die Boulderfans (klettern auf bodennahen Felsbrocken), die Slack- und Highliner (Balancieren auf Gummibändern), die Canyoning-Fans, die Geocacher und Speedhiker und nicht zu vergessen die Teilnehmer von Bergläufen und Skitourenrennen.

Und jedes Jahr kommt irgendeine neue Trendsportart dazu, die dem DAV neue Mitglieder und Probleme beschert. Alle wollen in die Berge und alle gehen sich gegenseitig auf die Nerven. So ist der Alpenverein Abbild einer Gesellschaft, die sich im Zeichen des Individualismus immer stärker differenziert, der jedoch langsam der Kitt abhandenzukommen droht. Und für deren Führungsfiguren Blässe zur Tugend wird.

"Nichtarier" hattenab 1938 im Verein nichts mehr verloren

Das war vor 150 Jahren, als der DAV ins Leben gerufen wurde, noch anders. Da waren die Gipfelregionen der Alpen noch wüst und leer. Die Einheimischen fürchteten die Berge und ihre Gefahren und wären nie auf den Gedanken gekommen, sich diesen Widrigkeiten freiwillig auszusetzen. Der Kitzel des Abenteuers und der kontemplative Genuss von Natur und Landschaft waren lange Zeit jenen privilegierten städtischen Schichten vorbehalten, die sich das leisten konnten.

Ganz hinten im Zillertal steht auf 2.042 Metern die denkmalgeschützte Berliner Hütte, ein veritables Grandhotel in den Bergen – mit einem atemberaubend luftigen, von achteckigen Holzsäulen zweischiffig unterteilten Speisesaal, majestätischer Eingangshalle und Klingeln fürs Dienstpersonal auf jedem Zimmer. Dort kann man noch in die elitäre Anfangszeit des Alpinismus eintauchen – und die erbitterten Diskussionen im DAV, ob man sich auf Berghütten heute eine warme Dusche und WLAN gönnen darf, relativieren sich ganz erheblich.

Aus der Taufe gehoben wurde der DAV 1869 im Münchner Gasthof "Blaue Traube" von 36 mutmaßlich wohl bestallten Männern. Zum ersten Vorsitzenden der Sektion München wurde der Ministerialrat Gustav von Bezold gewählt. Schon sieben Jahre später, im Jahr 1876, gab es 500 Sektionen (jetzt 356), die bis heute als selbstständige Körperschaften das Grundgerüst des Vereins bilden. 1873 trat der Österreichische Alpenverein als Sektion Austria dem Deutschen Zweig bei. Bis zum "Anschluss" 1938 firmierten sie als "Deutscher und Österreichischer Alpenverein".

Dessen "dunkles Kapitel" begann bedeutend früher als 1933. Schon 1899 und 1905 wurden Sektionen nur für christliche oder "arische" Mitglieder gegründet. Spätestens ab 1938, als der Alpenverein in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen eingegliedert wurde, hatten "volksfremde Elemente" hier nichts mehr verloren. Und während Hitler von der Terrasse seines Berghofs den Watzmann bewunderte, wurden die Juden im Zeichen der "Endlösung" nach Ostpolen verfrachtet.

Der DAV hat seine Rolle während der NS-Zeit aufgearbeitet

Die unrühmliche Rolle vieler Alpinisten im NS-Staat hat der DAV vorbildlich aufgearbeitet. Wie überhaupt die vereinseigene Kulturarbeit und das Alpine Museum – mit neu konzipierter Dauerausstellung – auf der Münchner Praterinsel wahre Perlen sind.
Kerngeschäft jedoch ist der Bergsport, flankiert vom Naturschutz, der schon in den 1870er Jahren virulent wurde, als es zunächst darum ging, ob man sich einen Zweig Almrausch ins Knopfloch stecken dürfe.

Heute ist der DAV ein bundesweit anerkannter Naturschutzverband sowie ein Breiten- und Spitzensportverband mit zwei Leistungssportstützpunkten für Klettern und Skibergsteigen. Das Klettern wird ab 2020, auch dank der Lobbyarbeit des DAV, als olympische Sportart anerkannt.

Stetiger Machtzuwachs und ein lästiges Netz aus Unvereinbarkeiten

Viele Konflikte im DAV rühren von diesem nervenzehrenden Spagat her, weil die weitere Förderung des Bergsports unweigerlich mit Zielen des Natur- und Umweltschutzes kollidiert. Genau genommen war und ist die Naturschutzarbeit des DAV eine Art Reparaturleistung für das, was die Bergerschließer und Sportler angerichtet haben und weiter anrichten, wenn sie sich in immer größerer Zahl in den Bergen amüsieren. Man versucht, zu kanalisieren, man informiert, appelliert, moderiert, man stattet die Hütten mit modernster Energie- und Umwelttechnik aus, man versucht, den Mitgliedern die Anreise per Bahn in die Tourengebiete schmackhaft zu machen.

Alles wichtig und richtig, doch vor schärferen und effizienteren Maßnahmen scheut der Verein allzu oft immer noch zurück. "Eine grundsätzliche Schwarz-Weiß-Malerei ist aus Sicht des DAV weder sinnvoll noch zielführend", heißt es etwa in einem Papier zu Trendsportarten. "Stattdessen scheint eine differenziertere Sichtweise angebracht."

Naturschutz auf der einen Seite, DAV-Reisen auf der anderen

Doch was nützt diese differenziertere Sichtweise dem Auerwild, wenn es sogar in seinen winterlichen Rückzugsgebieten von Tourengehern aufgescheucht wird? Schon zehn Prozent, die sich nicht an die gut gemeinten DAV-Regeln fürs umweltfreundliche Skibergsteigen halten, können das Aus für ein Auerwild-Habitat bedeuten.

Und wie verträgt es sich mit dem fleißig propagierten Klimaschutz, wenn der kommerzielle Bergreiseveranstalter DAV Summit Club, eine 100-prozentige Vereinstochter, die gut zahlenden Kunden unbeirrt in die entlegensten Winkel der Erde fliegt?
Gibt es auch für den DAV so etwas wie die Grenzen des Wachstums?

Immer mehr politische Macht durch immer mehr Mitglieder im Rücken, das mag für einen Sportfunktionär wie Josef Klenner erstrebenswert sein. Doch was will man mit dieser Macht eigentlich erreichen, wenn man im Netz der unvereinbaren Widersprüche oft selbst nicht mehr weiß, wohin die Reise gehen soll?

 

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