Der AWO-Sozialatlas Bayern - ein Paradies mit Schattenseiten

Die Lage der Ausgegrenzten in Bayern hat sich trotz wirtschaftlichen Erfolgs in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Foto: dpa

Die AWO will mit ihrem Sozialatlas zeigen: In Bayern leben zu viele Menschen am Rand der Gesellschaft. Betroffen sind davon die unterschiedlichsten Gruppen – von jung bis alt.

 

München - „Es ist ein Glück, in Bayern zu leben“, steht in der Staatskanzlei in München zu lesen. Das wird auch Ministerpräsident Horst Seehofer nicht müde zu verkünden. Mit Ausrufezeichen.

Mindestens einmal im Jahr setzt die Arbeiterwohlfahrt (AWO) dahinter ein dickes „Aber“ und unterstreicht es mit erschreckenden Zahlen. Am Montag war das wieder so weit. Der AWO-Vorsitzende Thomas Beyer legte im Münchner Presseclub seine „Bilanz der Schattenseiten Bayerns“ vor: den Atlas der sozialen Ausgrenzung in Bayern 2015.

Die Lage der Ausgegrenzten habe sich trotz wirtschaftlichen Erfolgs in den letzten Jahren nicht wesentlich verändert. Geld beziehungsweise zu wenig davon ist einer der angeführten Faktoren, die Menschen an den Rand der Gesellschaft drängt.

AWO: Die Lage der Durchschnittsrentner ist nicht rosig

Nach der offiziellen Armutsdefinition seien 1,72 Millionen Menschen im reichen Freistaat von Armut gefährdet, listete Beyer auf. Betroffen sind davon die unterschiedlichsten Gruppen – von jung bis alt:

-Kinder: Rund 120 000 junge Bayern sind noch nicht mal 16 Jahre alt und leben demnach schon von „Hartz IV“.

- Alleinerziehende: 41 Prozent der 400 000 Alleinerziehenden im Freistaat sind den Zahlen der AWO zufolge von Armut gefährdet. Das wiederum ist für Beyer ein Armutszeugnis: „Eigentlich eine Schande“, kommentierte er diese Zahlen.

- Rentner: Rosig ist auch die Lage der Durchschnittsrentner und derjenigen, die es bald werden, im Freistaat nicht, wenn man den Zahlen der AWO glaubt. Demnach lag die durchschnittliche Rente für die Erstbezieher im Jahre 2012 bei 723 Euro (Männer: 941, Frauen: 516, Bundesdurchschnitt 757 Euro). Zum Vergleich die griechische Durchschnittsrente im Jahr 2014: 960 Euro. Daher ist jeder vierte Rentner im Freistaat von Armut bedroht. Deswegen fordert die AWO in ihrem Sozialatlas, das Rentenniveau nicht weiter abzusenken und zudem eine Mindestrente zu gewähren.

- Pflegebedürftige: 34 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen sind nach den Zahlen aus den AWO-Heimen auf Sozialhilfe angewiesen.

- Obdachlose: Wie vielen Menschen in Bayern das Geld nicht mal mehr für ein eigenes Zuhause reicht, wisse man nicht, weil es darüber keine Statistik gebe. Zahlen darüber seien „nicht gewollt“, ist der AWO-Vorsitzende überzeugt.

Knapp 30 Prozent der Arbeitnehmer haben psychische Probleme

Der AWO geht es beim Sozialatlas aber nicht nur um die Gefahr der Armut. Ausgeschlossen werden auch andere Gruppierungen wie etwa Menschen mit Behinderung, psychischen Problemen, Asylsuchende oder auch solche, die anders als von der Gesellschaft erwartet, leben wollen.

Gegen den vom Bayerischen Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) beschworenen Zustand der „Vorstufe zum Paradies“ spreche auch, dass nach AWO-Erkenntnissen 29,6 Prozent der Erwerbstätigen von psychischen Beschwerden betroffen seien. Dem müsse vorgebeugt werden, indem etwa Präventionsmaßnahmen am Arbeitsplatz angeboten werden.

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Schirmherr der von der Bayern-AWO ausgerufenen Aktionswoche gegen soziale Ausgrenzung ist übrigens der oberbayerische Sänger und Kabarettist Georg Ringsgwandl. Es sei für ihn Zeit, „etwas Benefizmäßiges“ zu tun. Dabei will er direkt vor der eigenen Haustüre anfangen und nicht etwa in ferne Länder reisen. Statt sich in Afrika mit Eingeborenenkindern ablichten zu lassen, habe er sich für die AWO entschieden. Denn in seiner Heimatstadt Freilassing habe er sehr gute Erfahrungen mit der Menschlichkeit in einem AWO-Heim gemacht. Die AWO-Aktionswoche „Echtes Engagement. Echte Vielfalt. Echt AWO“ läuft noch bis 21. Juni.

 

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