Demo gegen Antisemitismus OB Reiter: "Münchner Juden sind tief verunsichert"

Dieter Reiter hat am Freitag zu einer großen Anti-Semitismus-Kundgebung aufgerufen. Foto: Michael Nagy

OB Dieter Reiter erklärt, warum er zur Demo gegen Antisemitismus am Freitag aufruft.

München - Am Freitag findet am Jakobsplatz eine Kundgebung in Gedenken an die alte Synagoge statt. Wir haben vorab mit Dieter Reiter gesprochen.

AZ: Herr Reiter, hat München 2018 ein Antisemitismus-Problem?
DIETER REITER: In München hat es in den vergangenen Wochen zwar keine vergleichbaren Angriffe wie beispielsweise in Berlin gegeben, das heißt aber nicht, dass wir uns hier keine Sorgen machen müssen. Antisemitismus hatte schon immer viele Gesichter. Und auch aktuell erleben wir – in München und im gesamten Bundesgebiet –, wie aus ganz unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und politischen Richtungen antisemitische Ressentiments bedient und geschürt werden. Neben den klassischen Formen des Antisemitismus beobachten wir verstärkt antisemitische Ausdrucksformen, die sich gegen die Erinnerung an den Holocaust wenden oder sich im Hass auf Israel ausdrücken. Zum Beispiel, indem die NS-Verbrechen als "Vogelschiss" der deutschen Geschichte verharmlost oder antisemitische Stereotype auf die Darstellung Israels übertragen werden.

Welche Sorgen hören Sie von Münchner Juden? Gibt es ein Sicherheitsproblem?
Auch die Münchner Juden sind tief verunsichert. Und diese Sorgen nehme ich sehr ernst. Es ist unerträglich, dass Juden in Deutschland heute wieder beziehungsweise immer noch in Angst vor Beschimpfungen, vor Ausgrenzung oder sogar vor gewalttätigen Angriffen leben müssen. Wenn ich sehe, wie kleine Kinder seit Jahren unter Polizeischutz in den jüdischen Kindergarten am Jakobsplatz gebracht werden, macht mich das betroffen und wütend. Ich wünsche mir ein München, in dem Juden zu jeder Zeit sichtbar und sicher leben können.

Welches Zeichen soll von der Kundgebung ausgehen, zu der Sie für Freitag aufrufen?
Ein breites und deutliches Zeichen der Solidarität mit den Münchner Juden und der klaren Kante gegen jede Form des Antisemitismus. Als die Münchner Hauptsynagoge vor 80 Jahren zerstört wurde, stand die jüdische Gemeinde allein und schutzlos da. Das darf sich nie mehr wiederholen. Heute steht München zusammen gegen Antisemitismus – an der Seite der Münchner Juden.

Was können Sie als OB außerhalb einer Kundgebung gegen Antisemitismus tun?
Wir haben erst kürzlich im Münchner Stadtrat mit breiter Mehrheit ein deutliches Zeichen gegen Antisemitismus gesetzt. Das war mir persönlich ein wichtiges Anliegen. Auch im Bereich der Prävention und in der Bildungsarbeit kann nie genug getan werden. Gerade weil der Antisemitismus aber seit vielen Jahrhunderten und bis heute so tief verwurzelt ist, reichen kommunale oder staatliche Maßnahmen allein nicht aus. Wir alle müssen uns – insbesondere in unserem direkten Umfeld – selbstkritisch mit dem Antisemitismus in unserem historischen und kulturellen Gepäck auseinandersetzen.

 

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