Debatte in Nymphenburg „Two and a half Alks“

Münchner Alk, Küsthardts Replik und Leuchtenbergs Alk. Foto: M. Unsöld (ZSM)

Originale oder Fälschungen? Drei Präparate des Riesenalks, die wertvollsten ornithologischen Stücke der Zoologischen Staatssammlung, sorgen derzeit für einige Aufregung.

 

Nymphenburg - Der Riesenalk Pinguinus impennis war ein flugunfähiger Hochseevogel der Nordhalbkugel, ein gewandter Schwimmer, betrat wohl nur zur Fortpflanzungszeit festen Boden und bebrütete dann auf Inseln in riesigen Kolonien sein einziges Ei. Vor allem Seefahrer nutzten die Eier und Riesenalken, entweder als lebenden Proviant, eingepökelt in Fässern oder sogar als Heizmaterial.

Brach auf den Schiffen Langeweile aus, wurden Brutkolonien angesteuert und die wehrlosen Tiere zu Tode geknüppelt und häufig einfach liegen gelassen.

Am 3.6.1844 wurde schließlich das letzte Paar erschlagen; es befindet sich heute im Museum von Kopenhagen.

78 Präparate, 75 Eier, einige Skelette, einzelne Schädel und Knochen sind alles, was vom Riesenalk übrig blieb.

Auch für die Zoologische Staatssammlung München (ZSM) werden in der Literatur zwei Exemplare dieser ausgerotteten Vogelart angegeben; tatsächlich befand sich dort aber nur ein Standpräparat in schlechtem Zustand. Anlässlich der Ausstellung zum 200-jährigen Jubiläum der ZSM im Museum Mensch und Natur wurde es 2011 von Präparator Dieter Schön restauriert.

Dabei stellte sich heraus, dass es sich um ein aus verschiedenen Vogelarten zusammengesetztes Replikat handelt!

Gustav Küsthardt, Präparator von 1900 bis 1934, hat den Vogel und ein Ei vermutlich für den Ausstellungsbereich der Alten Akademie gefertigt. Bis vor kurzem galt er als Original. Von den beiden echten Alken fehlte damit seit Jahrzehnten jede Spur.

Vor einigen Tagen machte Vogelkurator Markus Unsöld in einem separaten Raum, in dem Teile der Vogelsammlung aus Platzgründen untergebracht sind, eine überraschende Entdeckung: eine mit „Eulen“ beschriftete Sammlungskiste enthielt neben anderen Vögeln zwei große in Plastik eingeschweißte Präparate, die sich als die verschollenen Riesenalken entpuppten!

Bisher war vermutet worden, dass eines der extrem raren Präparate noch im Westflügel von Schloss Nymphenburg, der damals die ZSM und heute das Museum Mensch und Natur beherbergt, gestohlen und an einen privaten Sammler verkauft worden war. Jetzt scheint es so, als seien die beiden Tiere 1985 von Umzugshelfern falsch einsortiert und im neuen Haus in der Münchhausenstraße versehentlich zu den wissenschaftlich unbedeutenden Präparaten gestellt worden.

„Bei den Riesenalken handelt es sich mit Sicherheit um zwei der wertvollsten, absolut unersetzbaren Stücke der Vogelsammlung. Wir von der ZSM sind überglücklich, dass die beiden sehr gut erhaltenen Exemplare der seit fast 170 Jahren ausgerotteten Art wieder aufgetaucht sind!“, freut sich Unsöld.

Nach einer zur weiteren Erhaltung nötigen Überarbeitung bekommen die Riesenalk-Präparate einen würdigen Platz im geplanten Naturkundemuseum Bayern, das in den nächsten Jahren entstehen wird. Dort sollen sie dann mit Beutelwolf, Quagga, Wandertaube und anderen ausgerotteten Tierarten die breite Öffentlichkeit für das Problem „Aussterben ist für immer“ sensibilisieren.

Bis dahin werden sie weiterhin in den gesicherten Magazinen der ZSM ihr Zuhause haben.

 

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