"David gegen Goliath – wie in der Bibel" Zeitzeuge erinnert sich: So entstand der Christopher Street Day

"Stonewall wurde weltweit zum Markennamen für die Bewegung bis heute": Zeitzeuge Randy Wicker vor dem "Stonewall Inn". Rechts: New York 1970 - Polizisten attackieren Teilnehmer eines Gay-Power-Marsches zum Gedenken an die Stonewall-Kämpfe ein Jahr zuvor. Foto: Anonymous/AP/dpa, AZ-Montage

Vor 50 Jahren wehrten sich Lesben und Schwule in New York gegen eine Razzia der Polizei. "Das ist der Moment, als aus einer winzigen eine Massenbewegung wurde", erzählt ein Zeitzeuge. Daran erinnert der Münchner CSD.

 

München/New York - Der bekannteste Meilenstein schwuler und lesbischer Geschichte ist ein unscheinbarer Ort: ein schlichtes Haus, wenige Meter breit, zwei Stockwerke hoch, ein Schaufenster im Erdgeschoss und drei kleine Fenster in der ersten Etage.

Hier, 57 Christopher Street, New York, befindet sich das "Stonewall Inn": Das Lokal wird in der Nacht vom 27. Juni 1969 zur Geburtsstätte einer internationalen Bewegung.

Es scheint eine Razzia zu sein wie so viele vor ihr, als acht Polizisten in dieser Juninacht das "Stonewall Inn" im Greenwich Village betreten: Der Verkauf von Alkohol an Schwule ist illegal, tanzen dürfen sie auch nicht – und Frauen dürfen Hosen nur dann tragen, wenn sie außerdem mindestens drei "weibliche Kleidungsstücke" anhaben.

Homosexuelle wehren sich gegen Unterdrückung

Rund 200 Menschen haben sich an jenem Abend in der beliebten Schwulen-Bar auf der Christopher Street versammelt. Als Polizisten eine lesbische Frau abführen und sie im Handgemenge mit einem Schlagstock traktieren, läuft das Fass über.

Flaschen und Steine fliegen in jener Nacht auf die Polizisten, die sich bald von 600 Menschen bedrängt sehen und zum eigenen Schutz in der eben geräumten Kneipe verbarrikadieren. Mülltonnen fliegen, Fensterscheiben bersten, so beschreiben die Kneipenbesitzer die Szenen später.

Randy Wicker (81) ist vor Ort Zeitzeuge dieser Nacht, die bedeutsame Folgen hat und deren 50-jähriges Jubiläum das Thema des Christopher Street Day in München ist. Dessen Motto lautet: "Celebrate diversity! Fight for equality" – also: Feiert die Vielfalt, kämpft für Gleichheit.

Wicker hat den Münchner CSD-Machern für eine Podiumsdiskussion am Donnerstag im Sub eine Videobotschaft zukommen lassen. Darin sagt er: "Stonewall ist der Moment, als aus einer winzigen eine Massenbewegung wurde. Stonewall wurde zum Vorbild: 1970 war hier der erste Marsch in New York und an der Westküste, in Los Angeles, gab es einen Stonewall West March. Stonewall wurde weltweit zum Markennamen für die Bewegung bis heute."

Das "Stonewall-Inn" wurde zur Keimzelle der Protestbewegung

Die Krawalle rissen damals nicht ab, noch Nächte später versammelten sich rund 1.000 Demonstranten. Die Unruhen waren der Funke, der eine internationale Bewegung in Gang setzte.

Es ist ein Rosa-Parks-Moment der amerikanischen Geschichte: Wie bei der Afroamerikanerin, die sich weigerte, im hinteren Teil eines Busses zu sitzen und zur Mutter der Bürgerrechtsbewegung wurde, wird das "Stonewall Inn" zur Keimzelle der Protestbewegung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transgendern.

Es war das erste Mal, dass sie sich gegen Kontrollen, Razzien und Demütigungen durch die Polizei wehrten. Ein Jahr später fand ein Gedenkzug zum "Stonewall Inn" statt. Der Christopher Street Day war geboren.

Randy Wicker sagt rückblickend: "Viele Leute verstehen nicht, dass Stonewall in eine dunkle Zeit fiel. 1968 wurde Martin Luther King erschossen, die schwarze Community war wütend. Im ganzen Land gab es Unruhen." Dann erreichte die Gewalt zwischen Bürgern und Polizei auch New York.

Dass zunächst einmal keine politische Absicht hinter den Unruhen dieser Nacht steckte, hat der Historiker David Carter, der fast zehn Jahre über das Geschehen in der "Christopher Street" geforscht hatte, der AZ schon vor Jahren erklärt: "Es war ein spontaner Aufstand, dessen Teilnehmer keine Kämpfer, sondern Zufallshelden waren."

Junge und Alte, Unter- und Mittelschicht, Schwarze, Weiße, Kriminelle, Künstler und Wallstreet-Broker. Wenige Drags, noch weniger Lesben. Aber sehr viele Jungs von der Straße, sogenannte Streetqueens, die von der Hand in den Mund oder dem Geld wohlhabender Freier lebten.

Es gab auch Kritik an der Stonewall-Bewegung

Randy Wicker sagt im Rückblick: "Stonewall war international so erfolgreich, weil es diesen fast romantischen, universalen Mythos fütterte. David gegen Goliath: Leute, die nichts haben, stehen auf. Wie in der Bibel. Die Kleinen gegen die Großen, die Armen gegen die Reichen. In diesem Fall die Minderheit gegen die Mehrheit. Und das ist der Grund, warum der Mythos so populär wurde."

Später, als schwuler Aktivist, hat sich Wicker von der Gewalt 1969 distanziert: "Ich war dagegen, dass man in unserer Sache Fortschritte mit Gewalt erreichen wollte. Wer Steine durch Fenster wirft, öffnet damit keine Türen. Akzeptanz konnte man so nicht gewinnen. Mit Chaoten, die einen Aufstand machen! Ich hätte gewaltfreie Methoden bevorzugt wie die von Gandhi oder der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung."

Das "Stonewall Inn" in New York ist inzwischen zum amerikanischen Nationaldenkmal ernannt worden. Und erst kürzlich, ein halbes Jahrhundert nach den Unruhen, hat sich einer der Chefs der New Yorker Polizei für die Gewalt durch Einsatzkräfte entschuldigt.

"Die durchgeführten Maßnahmen der New Yorker Polizei waren falsch – ganz einfach", sagte James O’Neill. Was damals passiert sei, hätte nicht geschehen dürfen. "Die Maßnahmen und die Gesetze waren diskriminierend und unterdrückend. Und dafür entschuldige ich mich."


Am Donnerstag: Podiumsdiskussion im Sub

Die Auseinandersetzungen am "Stonewall Inn" 1969 markieren den Beginn der LGBT-Bewegung, wie man sie heute kennt. Vieles hat die queere Gemeinschaft von West bis Ost seither erreicht – aber ist das womöglich längst wieder bedroht? Auch und gerade unter dem wachsenden Einfluss rechter politischer Kräfte?

Darüber sprechen am kommenden Donnerstag im Münchner Sub Aktivisten der ersten Stunde unter dem Motto: "50 Jahre Stonewall – und jetzt alles von vorn?" Die Münchner Aktivisten Stephanie Gerlach und Manfred Edinger erörtern mit Igor Kochetkow (St. Petersburg) und Ruslana Panukhnyk (Kiew) die Fragen: Welche Parallelen lassen sich ziehen, wo unterscheidet sich die Entwicklung international – und gibt es eine gemeinsame Strategie gegen Hass?

Der New Yorker Stonewall-Zeitzeuge Randy Wicker ist per Video zugeschaltet. Die Moderation übernimmt AZ-Chefredakteur Michael Schilling.

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading