Dating-App und Tinder Plus "Tinder" in München: 100 Männer in acht Monaten

Viele flirten heutzutage via Dating-Apps wie Tinder. Foto: Imago

Die angesagteste Kennenlern-App ist derzeit „Tinder“. Wie das Flirten funktioniert, wer sich dort anmeldet und was der Haken an „Tinder Plus“ ist. Außerdem packt eine Münchner Tinder-Userin aus.

 

Tindern ist das neue Fensterln: Immer häufiger suchen sich Frauen und Männer ihren Schwarm mit der Smartphone-App mit dem roten Flammen-Symbol. Das ist Tinder: Es ist die derzeit beliebteste Kennenlern-App. Ende 2014 waren rund 40 Millionen Menschen auf der ganzen Welt bei Tinder (zu deutsch: Zunder) angemeldet, nach eigenen Angaben von Tinder sollen es allein in Deutschland zwei Millionen sein. Die große Liebe finden? Nun ja. Es geht vor allem um schnelle und unverbindliche Bekanntschaften. Das Logo, eine kleine orange Flamme, lockt vor allem mit feurigen Flirts.

Das Flirt-Profil: Der Beruf, Hobbies, vielleicht das Lieblingsbuch – wer viel über seinen potenziellen Dating-Partner wissen will, ist bei Tinder falsch. Die App funktioniert vor allem über Bilder. Um sich ein Profil anzulegen, muss man sich die App herunterladen und sich mit seinem bestehenden Facebook-Profil einloggen. Einige Fotos auswählen, die die anderen sehen sollen, einen kurzen Satz über sich dazu und fertig ist das Tinder-Profil. Angezeigt wird bei den potenziellen Bekanntschaften auch der Vorname und das Alter.

Wie das „Tindern“ funktioniert: Die App berechnet den Standort des Nutzers und präsentiert ihm Bilder derjenigen, die sich gerade im Umfeld befinden. In welchem Radius die App sucht, kann eingestellt werden: zwischen zwei und 160 Kilometern. Auch das gesuchte Geschlecht und Alter von 18 bis 55plus lässt sich wählen.

Nach rechts wischen: Zwischen Kennenlernen und Verschmähen liegt genau eine kleine Handbewegung. Gefällt das Bild und will man die Person kennenlernen, „wischt“ man mit dem Finger auf dem Bildschirm des Smartphones nach rechts. Wenn auch der Auserwählte nach rechts wischt, können sich die Nutzer schreiben. Man spricht von einem „Match“.

Nach links wischen: Wird nach links gewischt, hat man kein Interesse an der vorgeschlagenen Person. Es erscheint ein rotes „Nope“ auf dessen Foto. Es gibt dann kein Zurück – einmal nach links gewischt und die Chance ist vertan. Die große Liebe finden: Das geht, wie ein Pärchen aus Großbritannien mit ihrer Hochzeit beweist. Um den einen Richtigen geht es der App aber gar nicht: „Chatte mit deinem Match oder nimm ein Foto auf und teile es als Moment mit allen deinen Matches gleichzeitig“, heißt es in der App-Beschreibung. Heißt: Man darf und soll zur selben Zeit ruhig mehrere am Laufen haben.

Das sind die Nutzer solcher Apps: Laut einer Statistik waren 2014 weltweit 62 Prozent der Nutzer solcher Applikationen, die den Standort zum Flirten einbeziehen (Location-Based Dating Apps), wie es auch Tinder tut, männlich. Die meisten der Nutzer sind zwischen 25 und 34 Jahre alt (36 Prozent), dicht gefolgt von den 16- bis 24-Jährigen mit 34 Prozent. In der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahren sind es dann nur noch 19 Prozent, ab 55 Jahren noch drei Prozent.

Tinder Plus: Nach dem Erfolg der normalen Version wird jetzt eine Premium-Ausführung getestet. Mit der soll es unter anderem möglich sein, Nach-Links-Gewischten eine zweite Chance zu geben. Die Krux: Tinder bittet solche, die älter als 28 Jahre sind, kräftig zur Kasse. In Großbritannien, wo die App derzeit ausprobiert wird, muss jeder über 28 Jahre 15 Pfund (20 Euro) im Monat bezahlen. Unter 28 Jahre sind es nur vier Pfund (5,50 Euro) monatlich. Das Geschäft mit dem Kennenlernen: Innerhalb nur eines Jahres ist die Zahl der Nutzer gewachsen – um 600 Prozent. Laut Experten ist das börsennotierte Unternehmen Tinder mehr als 1,5 Milliarden Dollar wert.

AZ-Interview: Eine Tinder-Userin packt aus.

Viele sind bei Tinder angemeldet. Das auch zugeben, mag fast keiner. Auch Hanna M. (27, Name geändert) aus dem Großraum München will anonym bleiben:

AZ: Hanna, seit wann sind Sie bei Tinder registriert? Hanna M.: Seit ungefähr einem dreiviertel Jahr. Nach einer sehr langen festen Beziehung habe ich mich für diese Art des Kennenlernens entschieden. Ich war vorher schon bei anderen Dating-Apps angemeldet. Aber Tinder finde ich bis jetzt am besten.

Warum? Ich habe den Eindruck, Tinder hat etwas mehr Niveau. Dort findet man durchaus auch gebildete Männer. Das ist bei anderen Dating-Apps schwierig.

Mit wie vielen Männern hatten Sie seither über Tinder Kontakt?  Keine Ahnung. Das ist schwer zu zählen. Aber bestimmt mit über 100. Und wie viele haben Sie dann tatsächlich im wahren Leben getroffen? Spontan fallen mir jetzt fünf Männer ein.

Hand aufs Herz: Warum meldet man sich bei Tinder an? Es gibt verschiedene Gründe. Zum Beispiel weil man Single ist, gerne neue Männer kennen lernen will, weil man Spaß haben will. Im Netz ist es einfacher, jemanden anzuschreiben, als im wahren Leben jemanden anzusprechen.

Beide müssen Interesse aneinander haben, dann erst erlaubt die App einen Chat. Wie läuft der ab? Ziemlich schnell wird die Frage geklärt, was man sucht. Und ich habe den Eindruck, die Männer reden da auch nicht um den heißen Brei herum. Die Antwort ist dann meist: Etwas Lockeres, Spaß, Freundschaft plus x, nichts Festes. Tatsächlich gibt es auch einige, die zumindest sagen, dass sie eher etwas Festes wollen. Wie viel Ernsthaftigkeit dahinter steckt, kann ich leider nicht sagen.

Geht eine Tinder-Bekanntschaft auch über ein einziges Treffen hinaus? Bei mir kommt es darauf an, ob es menschlich passt. Ich hatte schon Dates, nach denen mir klar war: Es gibt definitiv kein zweites Mal. Aber es war zum Beispiel auch eine Geschichte dabei, die lief relativ unkompliziert über mehrere Monate.

40 Millionen Menschen sind weltweit bei Tinder. Trotzdem wollen es nur wenige zugeben. Warum ist es so vielen peinlich? Schwer zu sagen. Leider sind Online-Bekanntschaften immer noch ein bisschen verpönt, obwohl wir heutzutage eigentlich alles über das Internet machen – einkaufen, Finanzen verwalten, Kalorien zählen und mehr. Warum nicht auch Bekanntschaften machen?

Warum ist es Ihnen peinlich? Ehrlich gesagt, möchte ich meinem Kind mal später nicht sagen müssen: Ich hab deinen Papa bei Tinder kennengelernt. Ich denke, für die Generationen nach uns wird das normal sein. Nur derzeit ist die gesellschaftliche Akzeptanz noch nicht annähernd erreicht.

Würden Sie Ihren Eltern von Ihren Tinder-Flirts erzählen? Niemals!

 

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