Datenreport 2013: Jobs, Stellen, Bezahlung, Armut Immer mehr Stellen, aber immer weniger Geld

Immer mehr Mini-Jobs, immer mehr Zweitjobs: Diese Frau in Stuttgart geht neben ihrer regulären Beschäftigung noch putzen, um über die Runden zu kommen. Foto: dpa

So viel Beschäftigte wie nie, aber das Jobwunder hat eine Kehrseite. Es gibt weniger Arbeit für mehr Menschen und das Armutsrisiko steigt

 

Berlin - Was ist die deutsche Antwort auf die Weltwirtschaftskrise? „Das Jobwunder“. 41,5 Millionen Beschäftige im Jahr 2012 – soviel wie nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik, Steigerung im siebten Jahr in Folge. Doch die gute Nachricht hält näherer Betrachtung nicht stand: Das ist die Essenz aus dem „Datenreport 2013“, den das Statistische Bundesamt jetzt vorstellt.

Den Rekordzahlen stehen ernüchternde Befunde gegenüber: Es gibt immer weniger Arbeit zu verteilen, es gibt mehr schlecht bezahlte Mini-Jobs und „atypische Beschäftigungsverhältnisse“ wie Leih- und Zeit- oder Teilzeitarbeit. Außerdem wächst das Armutsrisiko.

Die guten Nachrichten zuerst. Im Jahr 2012 hatten 2,8 Millionen mehr Menschen in Deutschland bezahlte Arbeit als 1991, sagte Roderich Egeler vom Statistischen Bundesamt. Zugleich waren nur 2,3 Millionen Menschen arbeitslos, die Quote von 5,3 Prozent war international ein Spitzenwert. Per Saldo gibt es seit 2006 2,1 Millionen neue „Normalarbeitsverhältnisse“.

Das Jobwunder relativiert sich allerdings“, sagte Egeler, „wenn man das Arbeitsvolumen betrachtet.“ Heißt: Seit 20 Jahren sinkt die Anzahl der geleisteten Arbeitsstunden, und die Arbeit wird auf mehrere Schultern verteilt. „Gewollt oder ungewollt“ gehen immer mehr Frauen in Teilzeit, es gibt mehr geringfügig Beschäftigte, Zeit- und Leiharbeit. 22 Prozent der 36,3 Millionen „Kernerwerbstätigen“ (ohne Selbständige, Auszubildende, Studenten oder Schüler) sind „atypisch“ beschäftigt – also mehr als jeder fünfte Arbeitnehmer.

„Das ist mit einer geringeren sozialen Absicherung und und einem geringeren Einkommen verbunden“, so Egeler. Betroffen von diesen atypischen Arbeitsverhältnissen sind überdurchschnittlich Frauen, Jüngere und gering Qualifizierte. Die geringere Entlohnung und die prekären Arbeitsverhältnisse erhöhen auch das Armutsrisiko. Im Jahr 2011 hatten 16,1 Prozent weniger als 980 Euro im Monat zur Verfügung – was als Armutsgrenze gilt.

Vier Jahre zuvor waren 15,2 Prozent armutsgefährdet. Über alle Altersgruppen hinweg war das Armutsrisiko bei Frauen (17,2 Prozent) höher als bei Männern (14,9 Prozent). Überdurchschnittlich betroffen war die Gruppe der 55 - 64-Jährigen und die Jungen von 16 bis 24. Jeder Fünfte in diesen Altersgruppen droht in die Armut abzurutschen.

Thomas Krüger, Präsident des Deutschen Kinderschutzbundes nannte schlecht bezahlte Einstiegsjobs und lange Ausbildungsdauer als Gründe, hatte aber auch eine positive Tendenz zu vermelden: Die Kinderarmut lag mit 12,8 Prozent unter den Werten von 2002 (14 Prozent). Unter Armut versteht man in einem reichen Land wie Deutschland „wirtschaftlichen Mangel, der verhindert, dass man ein angemessenes Leben führt“, erläutere Krüger, zugleich Chef der Bundeszentrale für politische Bildung. „Wer es materiell schwer hat, hat es auch schwer, sich in der Gesellschaft Gehör zu verschaffen.“

Wer zwei Jobs hat, engagiert sich weniger in der Freizeit, und oft fehlt das Geld für Aktivitäten. „Wer arm ist, ist oft übergewichtig“, sagt Roland Habich vom Wissenschaftszentrum Berlin und: „Wer arm ist, stirbt früher.“ Die Lebenserwartung bei den Menschen mit Armutsrisiko liegt um elf Jahre (Männer) beziehungsweise um acht Jahre (Frauen) niedriger als bei besser gestellten Bürgern.

Dabei trifft keineswegs nur Arbeitslose das Risiko der Armut. Knapp 70 Prozent der Erwerbslosen sind akut gefährdet, 2007 waren es 56,8 Prozent. Aber auch 7,8 Prozent der Erwerbstätigen drohen abzurutschen. So berichtetet die Wissenschaftler von Regionen im Osten Deutschlands, wo knapp 40 Prozent der Hartz-IV-Bezieher einen regulären Job haben, von dem sie aber nicht leben können.

Schwieriger ist es auch geworden, aus der Armut wieder auszubrechen. Die Wissenschaftler haben ein Modell entwickelt, mit dem sich das berechnen lässt. Demnach war in den neunziger Jahren das Risiko, im untersten Fünftel der Einkommen zu bleiben, bei 54 Prozent. In den Jahren 2007 bis 2011 hat sich dieses Risiko auf 64 Prozent erhöht. Fazit des Soziologen Habich: „Die dauerhafte Armut hat zugenommen."

 

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