Das wohltemperierte Klavier Trevor Pinnock spielt Bach

Der britische Cembalist Trevor Pinnock schätzt an Bachs Musik für Tasteninstrumente das Freiheitsgefühl. Foto: Askonas Holt

Der Cembalist Trevor Pinnock hat erstmals das „Wohltemperierte Klavier“ von Johann Sebastian Bach aufgenommen

 

Er ist einer der Doyens der Alten-Musik-Szene. Neben seiner Arbeit als Gründer und Leiter des Ensembles „The English Concert“ trat er als Cembalist hervor. Mit seinem neuen Album, einer Gesamteinspielung des „Wohltemperierten Klaviers“ von Johann Sebastian Bach, hat er sich selbst einer lebenslangen Herausforderung gestellt.

AZ: Mr. Pinnock, wie würden Sie Ihre eigene Geschichte mit dem „Wohltemperierten Klavier“ von Johann Sebastian Bach beschreiben?
TREVOR PINNOCK: Ich lebe mit dem Werk seit bald 60 Jahren. Mit sieben habe ich mich schon in eines der kleinen Stücke daraus verliebt, in das berühmte Präludium C-Dur. Wirklich kennengelernt habe ich die Sammlung, als ich 12 Jahre alt war. Da schenkte mir jemand einen wunderschönen, in Rosarot und Gold eingebundenen Band mit der Edition von Carl Czerny. Die gilt zwar als notorisch unzuverlässig, aber sie machte mich mit der Musik und ihrem großen Geheimnis vertraut. Als junger Mann lernte ich einige der Präludien und Fugen und spielte sie für die BBC ein. Ich hatte immer Riesenrespekt vor Bach, man traut sich kaum an seine Musik heran. Alle zehn Jahre fasste ich den Plan, das Ganze einzustudieren – und schreckte immer wieder davor zurück. Dieses Mal aber, kurz vor meinem 70. Geburtstag sagte eine innere Stimme zu mir: „Trevor, Du kannst es nicht wieder um zehn Jahre verschieben. Jetzt ist die Zeit!“ Also habe ich es getan! Und es eine wunderbare Reise voller Entdeckungen.

Was macht denn die Schwierigkeit dieser 24 Präludien und Fugen aus?
Schwierig sind vor allem die Stücke in den Tonarten, die es nicht wirklich gibt, zum Beispiel Dis-Dur. Man kriegt sie nur sehr schwer in den Kopf. Die hat ja sogar Bach selbst transponiert. Als ich mit diesen Stücken begann, hatte ich als junger Mann das Gefühl, dass ich sie vollständig verstehen müsste, und dass ich vielleicht dieser Musik nicht gewachsen sei, weil ich sie eben nicht verstand. Aber man entwickelt erst ein Verständnis, wenn man sich sehr lange damit beschäftigt. Deshalb sind Menschen, die sich mit Musik nicht so gut auskennen, oft eingeschüchtert von diesem Werk. Zu denen sage ich immer: Hört Euch das einfach an, achtet auf den Moment und seht, was mit Euch dabei passiert.

Was bedeutet für Sie, Bach zu „verstehen“?
Ich glaube, es ist letztlich nicht möglich, Bach tatsächlich zu verstehen. Man kann natürlich sein Verständnis von ihm fördern, und ich denke, man sollte mit ihm möglichst viel Erfahrung beim Hören machen. Man könnte seine ehrfurchtgebietende Größe so beschreiben: Er hat die Füße auf dem Boden und den Kopf im Himmel und verbindet beides. Das Wundervolle an Bach ist, dass seine ganze Musik weder nur weltlich, noch rein religiös ist. Deshalb sind manche der Streitigkeiten darüber, was bei ihm höher steht, Unsinn. Bach hätte da keinen Konflikt gesehen.

Im „Wohltemperierten Klavier“ gibt es auch einige Fugen, die sehr gesanglich anmuten.
Ja, besonders die, die im Alten Stil geschrieben sind, und wie wundervoll ist es, wie sie sich nach und nach entfalten. Aber dann gibt es auch richtig verrückte Stücke. Das ist das Wundervolle an Bach: Er liebte es, das Cembalo selbst zu spielen, und man merkt der Musik das Freiheitsgefühl an, das er dabei entwickelte. Etwa im Brandenburgischen Konzert Nr. 5, wo er in der riesigen Solo-Kadenz des Cembalos absichtlich die ganze formale Balance zerstört, die er vorher so sorgfältig aufgebaut hatte, weil er mit dem Klang des Instruments hier so glücklich ist. Das ist eine sehr menschliche Seite an Bach, die sehr sympathisch und somit zugänglich ist, und die mir immer geholfen hat, wenn ich seine Musik intellektuell als zu schwierig empfunden habe.

Ist es bei den Fugen im langsamen Tempo nicht schwierig, das auf dem Cembalo zu spielen, weil auf diesem Instrument die Töne nicht lang genug klingen?
Überhaupt nicht. Bei diesen Stücken ist gerade die Stille das Phänomen, und ich zumindest höre, wie der Ton dann weiterklingt. Zumindest auf dem Cembalo, das ich verwende. Ich bin aber auch besessen davon, legato zu spielen, zu versuchen, Linien möglichst gesanglich zu spielen. Das ist so etwas wie ein Hauptmerkmal meines Spiels. Natürlich liebe ich alle möglichen Arten von Artikulation, aber das Cantabile finde ich besonders wichtig, gerade bei Bach. Die Herausforderung ist also, die Begrenzung des Cembalos zu überwinden. Wir müssen alles daran setzen, das Instrument mit Legato-Spiel wirklich zum Klingen zu bringen, am Klang dran zu bleiben, an ihn zu glauben.

Würden Sie nicht auch sagen, dass manchen Kollegen der Alte-Musik-Szene die Wichtigkeit des Legato-Spiels oft nicht bewusst genug ist?
Ganz allgemein habe ich mich immer ein bisschen wie ein einsamer Wolf gefühlt, weil mir das Legato so eminent wichtig war. Es ist momentan sicherlich nicht besonders modisch. Doch am Ende müssen wir unserer eigenen inneren Stimme folgen, dem Klang, den wir in uns haben, sonst wird es nie interessant sein, was dabei herauskommt.

Sie haben die fantastischen Tonarten im „Wohltemperierten Klavier“ erwähnt, solche mit irrsinnig vielen Vorzeichen, die Bach ansonsten auch nicht verwendet hat. Denken Sie, er konnte das überhaupt selbst spielen?
Ich glaube, dass er so ziemlich alles spielen konnte. Aber es muss ihm Spaß gemacht haben, diese Stücke seinen Schülern zu geben und zu sehen, wie sie damit kämpfen. Das „Wohltemperierte Klavier“ war ja ausdrücklich auch als ein pädagogisches Werk gedacht. Das Werk hat also einen doppelten Zweck: Erstens, alle die Tonarten zu erforschen, die von anderen Komponisten noch kaum benutzt worden waren, und zweitens, seinen Klavierschülern zu nutzen. Ich spüre, dass er auch Freude daran hatte, komplizierte Sachen zu machen. Das ist noch mehr der Fall im zweiten Teil, wo er meiner Meinung nach noch viel mehr für sein eigenes Vergnügen schreibt und sich nicht mehr darum kümmert, ob die Leute es verstehen oder nicht.

Wenn also das „Wohltemperierte Klavier“ auch ein pädagogisches Werk ist, soll man es dann überhaupt im Konzert als Ganzes spielen oder auf CD vollständig durchhören?
Alles ist möglich! Ich glaube, Bach selbst hatte nie die Idee, dass seine Musik im Konzert gespielt würde. Die Vorstellung, dass seine Werke komplett vor Tausenden von Zuhörern aufgeführt werden, lag ihm vollkommen fern. Zu seiner Zeit gab es kein Konzertleben, das mit unserem vergleichbar wäre. Ich habe zum Beispiel eine gesamte Aufführung von András Schiff sehr genossen. Aber normalerweise würde ich das nicht empfehlen, ich stelle gerne einige kleinere Gruppen von Präludien und Fugen zusammen, die gut zueinander passen.

Was halten Sie davon, wenn Bachs Klaviermusik auf dem modernen Konzertflügel gespielt wird?
Es ist dort genau das wichtig, was auch auf dem Cembalo wichtig ist: Entspricht es dem Geist Bachs? Damit meine ich nicht, dass eine moderne Aufführung die Möglichkeiten des älteren Instruments, des Cembalos, nachahmen sollte, sondern dass eine Interpretation für sich überzeugend ist. Musik, die Jahrhunderte überdauert, steht nicht still, sie verträgt es, ja, erfordert es, auf verschiedenen Wegen aufgeführt zu werden. Das Bemerkenswerte an Bach ist, dass seine Musik jede aktuelle Weise, die darin verborgenen Leidenschaften zu realisieren, überlebt, und dabei immer die gleiche bleibt. Es ist kleinlich, zu fragen, ob man diese Musik nur auf alten Instrumenten spielen sollte.

Sie haben auch einen Video-Blog. Worum geht es da?
Das ist eine ganz neue Sache. Ab und zu mache ich verschiedene Video-Posts hier aus meinem Zuhause, wo ich in diesen Corona-Zeiten auch Ermutigungen aussenden will. Ich spreche da auch über die Notwendigkeit, auf die Veränderungen zu reagieren, die sich momentan abzeichnen, und hier Pionierarbeit für die Zukunft zu leisten. Wenn ich könnte, würde ich auch ein wenig Musik spielen, aber mein Handgelenk ist verletzt, und bin deshalb in einer Art doppelten Lockdowns, was eine sehr interessante Erfahrung ist: Man kann viel nachdenken.

Sie haben ja auch oft in München konzertiert.
Ich habe großartige Erinnerungen an München. Meine erste Aufnahme für die Deutsche Grammophon habe ich 1978 in deren altem Studio in der Residenz gemacht. Das war unsere erste Aufnahme von Orchestersuiten von Bach. Karl Richter übrigens habe ich nie getroffen, aber ich kannte seine Arbeit sehr gut, ich habe seine Aufnahme der „Matthäuspassion“ als erste Gesamtaufnahme dieses Werks gehört, das habe ich nicht vergessen. Seine Aufführungen waren sehr kraftvoll, heute zwar aus der Mode geraten, aber damals waren sie absolut gültig.

Haben Sie Lieblingsaufnahme vom „Wohltemperierten Klavier“ oder von Bach überhaupt?
Ich hörte sehr gerne die alten Aufnahmen von Edwin Fischer, die in meinem Geist sehr präsent sind. Was mir in jüngerer Zeit enorm gut gefallen hat, war die Aufnahme der „Goldberg“-Variationen von Beatrice Rana, die ich sehr empfehle, und ich hoffe, dass sie auch einmal das WK aufnehmen wird. In der Zwischenzeit kann ich nur meine Version anbieten.


Wenn das Cembalo singt

So abgeklärt kann man Bach wohl nur spielen, wenn man eine Karriere von mehreren Jahrzehnten im Rücken hat. Trevor Pinnock, der Ende des letzten Jahres 73 Jahre alt geworden ist, vertraut bei allen der 24 Paaren von Präludien und Fugen ganz auf die Musik. András Schiff, den er im Gespräch erwähnt hat, entdeckte mehr an artikulatorischer Empfindsamkeit, Glenn Gould machte viele gerade der Präludien zu kleinen Charakterstücken und experimentierte dabei auch mit sehr raschen oder langsamen Tempi.

Pinnock hingegen wählt meistens eine gemessene Gangart, auch in den schnellen Stücken, die allesamt einen gleichsam überirdischen Ruhepuls haben, und hält sich mit expressiven Zutaten zurück. Nicht einmal in den besonders tiefsinnigen Fugen wie denen in cis-moll oder h-moll, gibt es zur Schau gestellte Affekte oder Wendungen von auch nur unterdrücktem Pathos. Verzierungen wie Triller sind sparsam gesetzt, sie würden auch nicht zum natürlichen Ideal Pinnocks passen. Im Gegensatz zu einem überbordend spontanen Musiker wie Ton Koopman, der an allen Ecken und Enden Ornamente anfügt, wird es dem Engländer beim Spielen offenkundig nie langweilig.

Stattdessen konzentriert sich Pinnock darauf, die reiche Klanglichkeit des von den Tontechnikern räumlich plastisch eingefangenen Cembalos – einem Nachbau eines Instruments aus der französischen Werkstatt von Henri Hemsch – voll auszuloten. Weil Pinnock das gesangliche Legato, von dem er im Interview spricht, auch tatsächlich realisiert, kann sich der Hörer über zwei Stunden von Bachs langem Atem in puncto Linienführung und harmonischer Entwicklung tragen lassen.

Man taucht so tief in diesen Kosmos aller möglichen Tonarten ein, dass es schwer wird, den Fluss zu unterbrechen – und sich mancher Musikfreund animiert fühlen dürfte, diese 48 kleineren und größeren Werke in einem einzigen Zug nachzuverfolgen.

Johann Sebastian Bach: Das Wohltemperierte Klavier, Erster Teil; Trevor Pinnock, Cembalo (Deutsche Grammophon)

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