Das Theater Impuls im Teamtheater Andreas Wiedermanns "Mephisto" nach Klaus Mann

Immer schön parieren: Theater-Star Hendrik Höfgen (rechts: Christina Matschoss) lässt sich vom Ministerpräsidenten (in der Mitte als Puppe) belehren. Dessen Geliebte Lotte Lindenthal (links: Conny Krause) hört entspannt zu. Foto: Uli Scharrer

Andreas Wiedermann und sein Theater Impuls gastieren mit "Mephisto" im Teamtheater.

 

Eine gewaltige Figur gibt dieser Hendrik Höfgen ab, nicht nur wegen seines Schauspieltalents, sondern auch wegen seiner teuflisch überspielten Abgründe. Den heimlichen Masochisten, Karrieristen und Mitläufer im Dienste der Nationalsozialisten schuf Klaus Mann bekanntermaßen in deutlicher Anlehnung an den Schauspieler Gustaf Gründgens, auch wenn Mann sein 1936 erstmals erschienenes Werk "Mephisto" weder als Schlüsselroman noch als Porträt von Zeitgenossen, sondern als Darstellung bestimmter Menschentypen verstanden wissen wollte.

Die Ähnlichkeiten waren allzu frappierend: Im Aufdämmern des Dritten Reiches wurde Gründgens Staatsschauspieler – Paraderolle: der Mephisto in "Faust" –, später Intendant am Preußischen Staatstheater in Berlin und schließlich Staatsrat, ernannt von seinem Mentor Hermann Göring, mit dem er jenseits der Bühne mephistophelisch paktierte. Dieselbe Karriere macht Höfgen in dem Buch, und auch seine Wesenszüge ähneln denen Gründgens, der sogar der Schwager von Klaus Mann war, weil er dessen Schwester Erika ehelichte, freilich nicht für lange.

Aufgesplittete Hauptrolle

In diversen Adaptionen des Stoffes hat es einige Schauspielschwergewichte gebraucht, um den opportunistischen Großmimen Höfgens in den Griff zu bekommen. 1981 spielte Klaus Maria Brandauer ihn beispielsweise in einer Verfilmung von István Szabó, derzeit ist Nicholas Ofczarek als Höfgen in einer Inszenierung von Bastian Kraft am Wiener Burgtheater zu sehen. Für seine "Mephisto"-Variante hat Regisseur Andreas Wiedermann, Leiter der versierten Straubinger Theater-Kompagnie Theater Impuls, nun die Hauptrolle aufgesplittet, so dass ein Brandauer-Vergleich erst gar nicht aufkommt und zudem gut sichtbar wird, dass dieser Höfgen ein vielgestaltiger Darsteller ist, dessen wahre Identität sich im Taumel der (Selbst-) Täuschungen sowieso nicht richtig fassen lässt.

Urs Klebe führt Höfgen in all seiner selbstverliebten Pracht ein, David Thun übernimmt bald die Stafette und ist ein glaubwürdiger Narziss, bis mit Christina Matschoss auch eine Darstellerin in die Haut des Protagonisten schlüpft und mit streng zurückgeknüpftem Haar und durchgedrücktem Kreuz gekonnt ein zielstrebiges, ja, ganz "männliches" Alphatier Höfgen gibt. Nicht nur diese drei wechseln sich als Höfgen ab und schlüpfen in andere Rollen, sondern das ganze Ensemble befindet sich in einem Figurenkarussell, das Wiedermann rotieren lässt.

Ein roter Vorhang, Symbol für das gute alte Theater, in dem Höfgen probt und spielt, sowie für das Schmierentheater des Lebens und der rechten Politik, teilt den Raum im Teamtheater Tankstelle in zwei Hälften, so dass Szenenübergänge flüssig vonstattengehen können. Vor dem Vorhang wird gespielt, hinter ihm wird die nächste Szene schon vorbereitet, der nächste Rollenwechsel vollzogen.

Ein Puzzle kurzer Szenen

Bei aller mitreißenden Rasanz ist der zweistündige Abend atemlos: Wiedermann übersetzt die Episodenhaftigkeit des Romans in ein Puzzle meist kurzer Szenen, bringt dabei zwar den Inhalt des Buchs prägnant auf die Bühne, aber gibt sich und seinem Team kaum Luft, um Atmosphäre oder klare Erzählbögen entstehen zu lassen. Auch durch die Rollenwechsel ist hier alles Stückwerk, der Horror der Nazi-Zeit verpufft, wobei dennoch ein paar interessante Überblendungen entstehen.

So ist es toll anzusehen, wie Constanze Fennel gleich drei Frauen im amourösen Dunstkreis des Stars spielt: Himmelte sie eben noch als bebrillt-schüchterne Schauspielkollegin den alles überstrahlenden Höfgen an, so ist sie in der nächsten Szene schon die, im Roman dunkelhäutige, Domina, die den nun bereitwillig willfährigen Klienten Höfgen beim SM-Spiel unterwirft (Gründgens Homosexualität tilgte bereits Klaus Mann in seinem Roman). Zudem spielt Fennel die Geheimratstochter Barbara Bruckner, in die Höfgen sich zu verlieben vermeint, weshalb er um sie wirbt und ihre Hand gewinnt – für eine Ehe, die bald in die Brüche geht, siehe die Vorbilder Gustaf Gründgens und Erika Mann.

Der Nazi als Puppe

Für den Egozentriker gibt es letztlich nur die Karriere und das Theater, weshalb er sich auch den Nazis andient. Dass Höfgen jedoch durchaus ein schlechtes Gewissen hat und versucht, seinen linksrevolutionären Kollegen Otto Ulrichs (Simon Brüker) zu retten, arbeitet Wiedermann genauso anschaulich heraus wie die Halbherzigkeit, mit der Höfgen sich auf die Seite des Widerstands schlägt. Vielmehr genießt er doch die Gunst der Herrscher, lässt sich zum "Affen der Macht" machen und besteht am Ende romangerecht verzweifelt darauf, nur ein "ganz gewöhnlicher Schauspieler" zu sein.

Wieso Wiedermann den an Hermann Göring erinnernden "Fliegergeneral" als Puppe auftreten lässt, animiert durch den Höfgen-Darsteller Urs Klebe, lässt sich vielleicht mit dem Gedanken erklären, dass man so einen hochrangigen NS-Mann lieber nicht von einem Schauspieler aus Fleisch und Blut verkörpern lässt. Aber diese Idee fügt sich wie so viele nicht in eine stringente Dramaturgie, sondern ergänzt einen Flickenteppich, den das Ensemble engagiert und gut eingespielt – die Premiere fand bereits im November im Straubinger Theater am Hagen statt – zusammenhält. Das Theater Impuls wagt sich immer wieder an die Umsetzung literarischer Brocken, vor "Mephisto" war es etwa Thomas Manns "Zauberberg", und wie sie das mit vereinter Schauspielkraft schaffen, ist allen Applaus wert.

Teamtheater Tankstelle, Am Einlass 2a, wieder Do bis Sa, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 260 4333


 
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