Das TamS wird 50 Jahre alt Wundertüte mit Sprengkraft

Philipp Arp bei einer „Originalsprengung“ anno 1977 im Theater am Sozialamt. Das Foto stammt aus dem Jubiläumsbuch. Foto: TamS/Hannelore Voigt

Das von Anette Spola und Philipp Arp gegründete TamS feiert seinen 50. Geburtstag mit vielen Gastspielen und einem Buch

 

Sogar Theaterkritiker können irren. Am 27. Januar 1970 feierte das Theater am Sozialamt seine erste Premiere mit „Die stummen Affen“ von Fritz Herrmann und in der AZ stand danach zu lesen: „Die Eröffnung des neuen Theaters war zugleich seine Beerdigung“. Genau 50 Jahre nach dieser Nachricht über seinen Tod lebt das Hinterhoftheater noch immer und eröffnet das Jubiläumsjahr mit einer großen „Revue des Scheiterns“. Ab 27. Januar 2020 läuft in dem Haus, das seinen Namen in der Zwischenzeit zum „TamS Theater“ zusammenstrich, „Trotz des großen Erfolgs“.

Für das Gründerpaar Anette Spola und Philip Arp war es buchstäblich naheliegend, das kleine Haus an der Haimhauser Straße „Theater am Sozialamt“ zu nennen. Die entsprechende Behörde war der unmittelbare Nachbar der Theatermacher, und der Name der neuen Kulturstätte, die sich einem sozialkritischen Theater verschrieben hatte, half einprägsam der Orientierung. Zudem, so scherzte Anette Spola einmal, lebten alle, die Theater machten wie sie, grundsätzlich immer in der Nähe des Sozialamts.

Wie in der Stunde Null

Die Subventionen, die das TamS mittlerweile und schon seit vielen Jahren vom Kulturamt überwiesen bekommt, haben daran nichts geändert. Darüber hinaus widerspreche die Regel, einen Spielplan für einen Zeitraum von drei Jahren vorzulegen, um die Unterstützung beantragen zu können, den Gepflogenheiten des TamS. „Wir haben keine Ahnung, was wir in drei Jahren machen werden“, erklärt Lorenz Seib, der seit 2011 zum Leitungsduo gehört. Abgesehen davon sei es „absurd“, nach 50 Jahren noch einer Jury die Qualität beweisen zu müssen. „Wir gehören zur Münchner Kultur“, stellt er fest.

Das Schwabinger Büro des Sozialreferats ist noch immer am alten Platz, und im Gespräch entwickelt Anette Spola spontan die Idee einer theatralischen Aktion, bei der alle Schauspielerinnen und Schauspieler nach nebenan gehen und einen Antrag stellen mit der Begründung: „Mir fehlt noch a Fuchzger“. Es gehe immer noch zu „wie in der Stunde Null“, meint Spola. Damals waren sie, Philip Arp und ein Techniker das ganze Ensemble. Arp schrieb die Stücke wie die „Valentinaden“, die zwischen 1971 und 1974 für den frühen Ruhm sorgten, und sie kümmerte sich um Verwaltung, Kostüme und Abendkasse. „Die Schauspielerei“, erinnert sich die Theaterchefin, „lief so nebenher“.

Andere überregionale Aufmerksamkeit erregende Produktionen waren die Deutsche Erstaufführung von Peter Handkes „Quodlibet“ oder die Uraufführung von Urs Widmers „Stan und Olli in Deutschland“ mit Jörg Hube. Das jahrzehntelange und erfolgreiche Fortbestehen der Spielstätte erklären sie und ihr Mit-Leiter damit, „ästhetisch nie steckengeblieben“ zu sein. Das Schwabinger Bühnchen im Schatten der 1972 von Philip Arp gepflanzten Trauerweide ist von Beginn an eine szenische Wundertüte. Recht breit, aber unverhältnismäßig knapp bemessen in der Tiefe erstaunt dieser Raum immer wieder neu mit seinen Möglichkeiten.

Eine große Familie

Die spezielle TamS-Ästhetik erfand der früh gestorbene Bühnenbildner Eberhard Kürn. Sein Erbe verwalten mit ähnlich fulminantem Erfindungsreichtum die aktuellen Ausstatterinnen Claudia Karpfinger und Katharina Schmidt. Wie viele andere, die heute zu den Tamslern gehören, stand Schmidt „eines Tages vor der Tür“, erzählt Spola: „Auch heute kann jeder noch vor der Tür stehen“ und es gehöre auch zu ihren Aufgaben als Intendantin, zu beobachten, „wie sich die Leute entwickeln und sie zu fördern“. Sie wundert sich dabei ein wenig über sich selbst, denn „mir fehlt das Mütterliche“, und doch ist für viele ihr Theater eine Familie.

Auch diese Offenheit gehört zum Geheimnis des TamS, das von Anfang an immer ein bisschen anders sein wollte. Anfang der 1970er-Jahre wollte die freie Szene zwar grundsätzlich alles anders machen als das, was bisher politisch, gesellschaftlich und in den Künsten geschah, aber Philip Arp distanzierte sich auch vom Diskurstheater jener Zeit und verkündigte, nichts zu verkündigen. Zu den Autorinnen und Autoren des soeben erschienenen Jubiliäumsbuchs gehört auch Gabriella Lorenz, die schon als Studentin in der seinerzeit üppig blühenden Off-Szene selbst aktiv war, 35 Jahre lang Kulturredakteurin der AZ war und zur verschwenderisch illustrierten Dokumentation einen faktenreichen Augenzeugenbericht dieser Epoche beitrug.

Ihr werdet euch noch wundern

Weitere Autoren sind der dem Werk und Werden der Tamsler nahe stehende Rudolf Vogel oder die Kabarettistin Maria Peschek, die unter anderem erzählt, dass sie zum Ensemble kam, weil sie den Gerhard Polt nachmachen kann. Polt selbst gehört zu den Freunden des Hauses und steuerte ein Vorwort bei. Zusammen mit dem Musiker Ardhi Engel wird er im Frühjahr als „Geburtstagsgeschenk“ ein Gastspiel geben.

Weitere Präsente machen zwischen März und Mai Wegbegleiter wie Ruedi Häussermann, die Express Brass Band oder die inklusiven Theatergruppen Apropos und Thikwa. 17 Darstellerinnen und Darsteller, die in den vergangenen Jahren immer wieder dabei waren, wirken an der Geburtstagsrevue mit. Sie soll ein „gutes Spektakel rund um das Theatermachen“ sein, kündigt Lorenz Seib an. Das Motto für das Projekt ist üblicherweise eine Drohung, aber hier ein Versprechen: „Ihr werdet Euch noch wundern!“.

„Trotz des großen Erfolgs“, 27. Januar bis 15. Februar mittwochs bis samstags, 20.30 Uhr, Telefon 34 58 90. Zum Jubiläum erschien das von Anette Spola und dem TamS e. V. herausgegebene Buch: „TamS Theater 50“ (Athena-Verlag Oberhausen, 240 Seiten, 24 Euro)
 


 
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