Das Schicksal einer jungen Jesidin Ein Blick in die grausame Welt des Islamischen Staats

Die Autorin möchte anonym bleiben. Foto: dpa

Die Jesidin Shirin wurde vom IS entführt und versklavt - nun hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben

 

Die 18-jährige Shirin ist nervös. Die meiste Zeit blickt sie auf den Boden und atmet tief durch. Gemeinsam mit ihrer jesidischen Dolmetscherin Nalin Farec, die vor Jahren ebenfalls nach Deutschland geflohen ist, und der Autorin Alexandra Cavelius schrieb Shirin ihr Martyrium in „Ich bleibe eine Tochter des Lichts - Meine Flucht aus den Fängen der IS-Terroristen“ auf. Als Jesidin gehört Shirin zu der religiösen Minderheit der ethnischen Kurden, die im nördlichen Irak, Nordsyrien und der südöstlichen Türkei leben. Sie sprechen Simandschi und vereinen in ihrer Religion Elemente des Islams und des Christentums. So werden beispielsweise alle Kinder getauft und die Jungen beschnitten. Nur durch die Geburt kann man Jeside werden, eine Konvertierung ist nicht möglich. Da die Jesiden die Sonne anbeten, werden sie auch als „Kinder des Lichts“ oder „Töchter der Sonne“ bezeichnet. In ihrer Autobiografie erzählt Shirin eindringlich von ihren furchtbaren Jahren als Gefangene des IS.

Shirins Freiheit endet mit 17 Jahren

Die Terroristen überfallen im August 2014 das Sindschar-Gebirge, die Heimat vieler Jesiden. Systematisch ermorden sie die Männer, entführen die Jungen als Soldaten und vergewaltigen und verkaufen Mädchen und junge Frauen. Shirin beschreibt sich bis zu jenem schicksalhaften Tag als fröhliche, lebenslustige Jugendliche. Regelmäßig sei sie in der Schule und im Freundeskreis durch ihre lauten Lachkrämpfe aufgefallen. Nach den Grausamkeiten durch die Kämpfer des „IS“ ist von dieser positiven Ausstrahlung nichts übrig geblieben. „Ich werde nie wieder lebensfroh sein“, sagt Shirin mit einer Bestimmtheit, die keinen Zweifel an ihrer Aussage lässt. Der „IS“ verkauft selbst jesidische Mädchen unter zehn Jahren für Zwangsverheiratungen. Shirin ist 17 Jahre alt, als sie zusammen mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter gefangen genommen und schließlich versklavt wird. Hinter dieser Perversion steckt eine unglaubliche Strategie der IS-Milizen: Entjungferungen durch Vergewaltigung werden von der Gesellschaft als Entehrung für sie und ihre Familien angesehen. So wird nicht nur den Opfern die Würde genommen, sondern auch ihren Vätern, da diese durch die Gewalt der muslimischen Feinde als Beschützer ihrer Familie versagt haben. Shirins Vater konnte überleben, da er zum Zeitpunkt der Machtergreifung der IS-Soldaten unterwegs war. Heute telefoniert er täglich mit seiner Tochter.

Die Käufer der Mädchen kommen aus vielen Ländern

Die jesidischen Frauen werden nicht nur von den Soldaten des „Islamischen Staats“ missbraucht. Viele Käufer kommen aus Saudi-Arabien, Ägypten oder Tunesien. So ist ein internationales Geschäftsmodell entstanden, das den Opfern kaum eine Chance auf Rettung ermöglicht. Die Familien der Mädchen können es sich nicht leisten, ihre Töchter freizukaufen. Shirin wird von mehreren muslimischen Männern weitergereicht wie ein Gegenstand. Diese traumatische Zeit ist der Grund dafür, dass Shirin Männern lange Zeit nicht ins Gesicht blicken, und Liebesfilme nicht ertragen kann. Mithilfe ihres letzten Mannes, mit dem sie zwar zwangsverheiratet wurde, der sie aber respektierte und nicht anrührte, gelingt Shirin die Flucht. „Zuhause hatte ich eine konkrete Vorstellung von meiner Zukunft“, sagt Shirin. Im Irak war sie eine Musterschülerin. Sie stand kurz vor ihrem Abitur und wollte dann Jura studieren. Obwohl ihre Peiniger alle Moslems waren, verurteilt die Jesidin den Islam nicht: „Wenn ich vom Islamismus spreche, möchte ich nicht alle Muslime über einen Kamm scheren, sondern meine damit die Faschisten.“ Ihr Befreier, durch den ihr die Flucht nach Deutschland gelang, war schließlich selbst ein sunnitischer Moslem. „Ich wünsche mir von der muslimischen Bevölkerung, dass sie ihre Kinder, also die nächste Generation, nach den muslimischen Regeln erziehen und ihnen klarmachen, dass die Taten der IS-Kämpfer nichts mit der islamischen Religion zu tun haben.“

Von Deutschland ist sie positiv überrascht

Seit fast einem Jahr nun lebt Shirin gemeinsam mit anderen Frauen, die ein ähnliches Schicksal teilen, in einem Flüchtlingsheim in Baden-Württemberg. Sie geht jeden Tag für den Deutschunterricht in die Schule. Der Alltag ist trist. Die geflohenen Mädchen fühlen sich ohne ihre Familien einsam. Kontakt hat Shirin noch zu ihrem Vater, einem Cousin und ihrem Freund, der sich derzeit im Irak befindet. Shirin und der Student Telim begegneten sich nur einmal in Leben, blieben danach aber immer im telefonischen Kontakt und verliebten sich ineinander. Trotz der Distanz glaubt Shirin fest daran, dass sie sich eines Tages wieder sehen. Jan Kizilhan, ein Experte für transkulturelle Psychiatrie und Traumatologie, hilft Shirin und vielen weiteren jungen Frauen bei der Flucht und Bewältigung ihres Schicksals. Der aus Kurdistan stammende Arzt riet Shirin, ihr Leid aufzuschreiben. „Ich habe das als Chance gesehen, um der Welt zu zeigen, was mit den Jesiden passiert“, so Shirin. Eine psychotherapeutische Behandlung erhält sie noch nicht. Daher sei der Aufarbeitungsprozess wie eine Art Therapie für sie gewesen, sagt sie. Die Jesidin war bei ihrer Ankunft im letzten Jahr positiv überrascht von Deutschland. „Ich hatte keine Vorstellung vom Leben hier. Ich malte es mir so aus, dass an jeder Ecke ein Stützpunkt der Soldaten ist und dass man unter dem deutschen Regime ähnlich kontrolliert wird.“ Viele der Frauen sehen Deutschland nur als Übergangslösung und haben Heimweh. „Jedes Mal, wenn von neuen Massengräbern in den Nachrichten zu lesen ist, vergrößert sich die Sorge, Angehörige könnten unter den Toten sein.“, sagt Autorin Alexandra Cavelius, die Shirins Schicksal mit aufgeschrieben hat. Von ihren verschleppten Geschwistern hat Shirin nie wieder ein Lebenszeichen erhalten, von ihrer Mutter schon. Sie weiß nicht, wie es ihr geht, aber zumindest hat sie die aktuelle Gewissheit, dass sie noch lebt. Trotz ihrer Leidensgeschichte habe sie Glück gehabt, sagt Shirin: „Ich bin dankbar, dass ich noch lebe und frei bin. Und ich weiß es zu schätzen, dass ich hier Menschlichkeit erfahre. Obwohl ich Jesidin bin, habe ich hier einen Wert und darf meine Stimme einsetzen.“ Dena Brunner

Shirin: „Ich bleibe eine Tochter des Lichts“ (Europa Verlag, 368 Seiten, 18,99 Euro)

 

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