Das sagt die Expertin Warum wir jetzt Perioden-Panties testen sollten

Hollywood-Star Mila Kunis ist von dem Konzept der Perioden-Panties überzeugt Foto: [M] Nicole Franke/Kora Mikino / Tinseltown/Shutterstock.com

Nachhaltigkeit kommt immer mehr auch in der Monatshygiene an. Nach den Menstruationstassen liegen jetzt Perioden-Panties voll im Trend. Wie die Menstruationswäsche funktioniert, erklärt Expertin und Label-Gründerin Julia Rittereiser.

 

Binden und Tampons haben langsam ausgedient: Alternative Monatshygieneartikel, die besser mit Nachhaltigkeit und der Zero-Waste-Bewegung zu vereinbaren sind, liegen 2019 im Trend. Nach der Menstruationstasse, die es inzwischen auch in vielen Drogeriemärkten zu kaufen gibt, erfreut sich Menstruationsunterwäsche immer größerer Beliebtheit. Auch prominente Frauen, wie zum Beispiel Mila Kunis (35, "Black Swan") oder ihre Hollywood-Kollegin Mindy Kaling (39), haben sich bereits als Fans geoutet. Wie funktionieren die Höschen, die eigentlich wie normale Unterwäsche aussehen?

Um das zu verstehen, hat die Gründerin eines Berliner Labels für Perioden-Panties der Nachrichtenagentur spot on news Rede und Antwort gestanden. "Zunächst ganz klassisch aus eigenem Bedarf heraus" hat Unternehmerin Julia Rittereiser die Marke Kora Mikino über eine Kickstarter-Kampagne ins Leben gerufen. In der Plansprache Esperanto bedeutet dieser Ausdruck "Freundin". Mithilfe einer Zwei-Lagen-Struktur mit integrierter Silber-Technologie saugen die Menstruationshöschen das Blut auf.

Welche Vorteile haben Menstruationsslips gegenüber Binden, Tampons und Menstruationstassen?

Julia Rittereiser: Menstruationsunterwäsche ist unfassbar bequem und praktisch. Man trägt sie wie eine ganz normale Unterhose. Binden verrutschen ständig und gerade im Sommer schwitzt man damit super schnell. Tampons sollen alle vier Stunden gewechselt werden und nehmen nicht nur das Menstruationsblut, sondern auch oft sehr viel Scheidenflüssigkeit auf, die aber besser in der Vagina bleiben sollte, denn sie sorgt für einen optimalen PH-Wert und schützt uns vor Pilzen. Menstruationstassen sind großartig, aber viele Menschen empfinden ihre Benutzung als kompliziert. Auch der finanzielle Vorteil ist nicht zu unterschätzen. Wir gehen davon aus, dass eine Frau theoretisch mit drei Periodenslips auskommt. Neben diesen persönlichen Vorteilen kommt der Nachhaltigkeitsaspekt hinzu - unsere Menstruations-Panty ist ein Mehrwegprodukt und durch ihren Einsatz fällt kein regelmäßiger Müll mehr während der Periode an.

Wie auslaufsicher sind die Panties?

Rittereiser: Generell ist es so, dass ein Höschen bis zu 30 ml Flüssigkeit aufnehmen kann. Das ist so viel wie drei mittlere Tampons. Zum Vergleich: Während der gesamten Periode (circa vier bis sieben Tage) verliert eine Frau circa 100 ml Blut. Das heißt, für die meisten ist der Slip als alleinige Lösung komplett ausreichend. Wer sehr stark blutet, kann sie dann zum Beispiel an den ersten beiden starken Tagen als doppelten Boden zum Menstruations-Cup einsetzen und erst dann als alleinige Lösung.

Wie reinigt man sie und wie oft sind sie wiederverwendbar?

Rittereiser: Unsere Perioden-Panties haben die gleiche Lebenserwartung wie normale Unterwäsche. Durch die zertifizierte Silber-Technologie entstehen keine geruchsverursachenden Bakterien - diese Wirkung bleibt auch bei vielen Wäschen erhalten. Die Panty kann deshalb problemlos bei 40 Grad im Schonwaschgang gewaschen werden. Wir empfehlen dies zur Schonung des Materials im Wäschesäckchen zu tun. Wenn die Menstruations-Panty dann doch nach einigen Jahren ihre Dienste geleistet hat, nehmen wir sie zurück und recyceln sie ordnungsgemäß. Das ist uns wichtig, denn wir wollen so zirkulär und nachhaltig wie möglich agieren.

Was kann jede einzelne Frau dazu beitragen, dass die Periode kein Tabuthema mehr ist?

Rittereiser: Periode ist meiner Meinung nach kein reines Frauenthema, wir müssen es zu einem Thema machen, das uns alle angeht! Ich bin fest davon überzeugt, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um an diesem Tabu zu rütteln. Daher ein kleiner, aber effektiver Vorschlag: Nenn das Kind beim Namen, privat und wenn du kannst auch öffentlich. Sprich offen mit deinem Partner und Freunden darüber! Warum sollten sie nicht wissen, dass du zum Beispiel das Grillfest absagst, da du deinen ersten Periodentag hast und nichts außer Wärmflaschen auf der Couch geht? Oder du dich bei deinem Arbeitgeber krankmelden musst, weil deine Bauchkrämpfe einfach zu schlimm sind? Wichtig ist uns hierbei, dass sich diese Aussage auf den mitteleuropäischen Raum bezieht. Nicht jeder Mensch hat auch im Jahr 2019 die Möglichkeit gegen das Tabu anzureden.

Wie stehen Sie zu Synonymen wie "Erdbeerwoche", "Tante Rosa" etc.?

Rittereiser: Ich bin da nicht dogmatisch, wenn ein Mensch seine Periode "Erdbeerwoche" nennen will, dann störe ich mich daran nicht. Jede/r darf seine eigenen Körperteile und -funktionen so nennen wie er/sie möchte. Allerdings kommen einige dieser "Verniedlichungen" schon aus dem Kontext der Scham oder weil es manchen Menschen peinlich ist, über ihre Periode oder Menstruation als solche zu sprechen. Daran würde ich gerne etwas ändern. Ich wünsche mir, dass es niemandem unangenehm sein muss, über die Menstruation zu sprechen. Deswegen tue ich es umso öfter - genauer gesagt dauernd. Denn unser Ziel ist es ganz klar, das Thema Menstruation zu "normalisieren" und enttabuisieren.

Warum sind die Menstruation und Damenhygiene Ihrer Meinung nach überhaupt gesellschaftliche Tabuthemen?

Rittereiser: Ich denke, das hat kulturhistorische Gründe und im Prinzip ist der Umgang mit den Themen Menstruation und Damenhygiene eine Art Spiegelbild zur gesellschaftlichen Stellung der Frau. Blickt man in der Zeit zurück, gibt es unfassbar viele Beispiele wie Frauen durch/während ihrer Menstruation explizit benachteiligt wurden, oft unter dem Deckmantel der Medizin und vermeintlicher Hygiene. Frauen durften während ihrer Menstruation bestimmte Arbeiten nicht verrichten, bestimmtes Essen nicht zubereiten, durften sich nicht waschen/mussten sich dauernd waschen. Absurde Vorschriften wurden ihnen auferlegt. Und ich rede hier nicht von mehreren Jahrhunderten: In den 60er Jahren wurden Fotolaborantinnen entlassen, da sie angeblich während ihrer Menstruation so sehr schwitzten, dass sie die Fotos ruinierten. Der Begriff "Menstrualschweiß" wurde erfunden und dieser war dann schuld daran, dass die Fotos Mängel hatten. Das war in Deutschland. Absurd!

Es gibt ein großartiges Buch: "Die unpässliche Frau" von Sabine Hering und Gudrun Maierhof und beim Lesen dieses Buches kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus und die Puzzleteile rund um das Tabu und wie wir als Gesellschaft mit Menstruation umgehen, haben sich zusammengefügt. Sie führen unzählige Beispiele wie das der Fotolaborantinnen auf und ordnen diese sozialhistorisch ein. Und auch die Art wie jahrzehntelang, bis heute anhaltend, über Einmalhygieneprodukte in der Werbung gesprochen wird, füttert eher das Tabu, als dass es daran rüttelt. Denn oft suggeriert diese Art von Werbung für den Betrachter, dass es sich bei der Periode um etwas Unreines handelt. So unrein, dass sie blau dargestellt werden muss, dass es von Hinweisen wimmelt, die sagen "Mit unseren Produkten bist du endlich rein und keiner bemerkt, dass du menstruierst".

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass in dieser Hinsicht im Moment ein Umdenken stattfindet?

Rittereiser: Aktuell findet ja sowas wie die vierte Welle des Feminismus statt, die ganz stark aus dem angloamerikanischen Kulturraum und über Social Media angetrieben wird. Die Deutungshoheit über den eigenen Körper (wieder) zu erlangen, spielt dabei eine wichtige Rolle. Das heißt nichts anderes, als dass sich Frauen nicht mehr vorschreiben lassen wollen, was schön oder normal ist. Body Positivity, Selbstliebe und #mybodymychoice sind wichtige Schlagworte, die in diesem Kontext oft fallen. Menstruation ist damit natürlich ganz eng verbandelt und aktuell scheint diese Welle auch hier in Deutschland auf den Mainstream überzuschwappen und nimmt richtig Fahrt auf. Das birgt unfassbar viele Chancen für uns als Gesellschaft. Und dann ist das Thema Menstruation ganz schnell das perfekte Schlüsselloch zu einer Gesellschaftsanalyse und zeigt uns auf, wo wir als westliche Hemisphäre noch einige To Do's haben.

Was wäre Ihre Wunschvorstellung, wie in Zukunft mit dem Thema Periode umgegangen wird?

Rittereiser: Offen und ohne Scham!

 

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