Das musicAeterna orchestra im Gasteig Teodor Currentzis dirigiert Ravel und Prokofjew

Dass das hyperaktive Dirigent Teodor Currentzis nach seinen Konzerten erschöpft ist, glauben wir gerne. Foto: Alice Calypso for Malina/Sony

Der umstrittene Dirigent Teodor Currentzis und sein Orchester musicAeterna mit Prokofjew und Ravel im Gasteig

 

Der letzte Takt ist gespielt, der Dirigent abgegangen. Die Musiker beglückwünschen sich gegenseitig, umarmen sich und geben sich, durch das Orchester wandernd, die Hand. Es ist ein wenig wie beim Friedensgruß in einer katholischen Messe. Dann erscheint Teodor Currentzis wieder, geht zu den Musikern seines musicAeterna orchestra und verbeugt sich gruppenweise mit ihnen.

Wer mit Konzerten das Bild älterer bebrillter Herren verbindet, die mit Pokerface und gelassener Routine Klassiker aufführen, neigt dazu, den griechisch-russischen Dirigenten für einen Scharlatan zu halten und sein Orchester für eine bessere Sekte. Sein Gehabe trägt dazu bei: Er tanzt geräuschvoll auf dem Pult, seine Schlagtechnik ist – vorsichtig gesagt – individuell. Und die Musiker spielen, soweit möglich im Stehen.

Federnd und transparent

Das machen zwar andere auch, aber nicht bei symphonischem Repertoire. Currentzis dirigierte im Gasteig ein eigenes Best-of aus Sergei Prokofjews „Romeo und Julia“-Ballett. Dabei hielt er sich weniger an die drei Suiten – aus denen auch biedere Maestri ihre Lieblingsstücke auswählen –, sondern an das seltener gespielte Original, das in der Liebesszene eine Orgel vorsieht.

Currentzis’ Auswahl stellte die tänzerischen Nummern in den Vordergrund, die seine Musiker federnder und transparenter interpretierten, als es sonst üblich ist. Erst gegen Ende wurd es symphonischer. Bei „Tybalts Tod“ drehte das Blech mächtig auf. Aber obwohl die Hornisten ihre Instrumente zur Brutalisierung der Lautstärke anhoben, blieb die Musik ungewöhnlich gut durchhörbar. Dann folgte ohne jeden Spannungsabfall ein höchst intensives Finale, das wirklich tragisch wirkte und nicht in das hier fast immer unvermeidliche Sowjet-Staatsbegräbnis umschlug.

Es ist eine beachtliche Leistung, diese oft gespielte Musik so zu interpretieren, dass sie frisch wirkt. Bei musicAeterna hilft dabei die Erfahrung mit der historisch informierten Spielweise. Das bei russischen Orchestern bis heute unvermeidliche Dauervibrato fehlt, die Technik wird zusammen mit dem satten Blech-Klang als Ausdrucksmittel eingesetzt. Und alles was tanzt, bewegt sich ohne Blei- und Rumpelfuß.

Die Klassik braucht mehr Verrückte

Vor Prokofjew gab es das Klavierkonzert in G-Dur von Maurice Ravel. Ohne der exzellent, aber vor allem im langsamen Satz etwas unterkühlt spielenden Solistin Hélène Grimaud zu nahe treten zu wollen: Auch bei dem als Zugabe wiederholten Finale hinterließen die jazzig aufdrehenden Bläser des Orchester einen stärkeren Eindruck als das Klavier.

Currentzis mag Mozart überwürzen. Der starke Eindruck, den seine Siebte von Schostakowitsch in Salzburg hinterließ, setzte sich bei diesem Prokofjew im Gasteig fort. Er mag ein Exzentriker und ein schlagtechnischer Dilettant sein. Aber er brennt für die Musik, und das teilt sich nicht nur dem Orchester, sondern auch dem Publikum mit. Dass er nicht nur mit auf ihn eingeschworenen Musikern gut ist, hat er vor einigen Jahren mit den Münchner Philharmonikern bewiesen. Solche Verrückte braucht die Klassik, biedere Normalität gibt es die ganze Woche über in ausreichendem Umfang.

Am 29. Februar kehrt Currentzis mit dem SWR Symphonieorchester in den Gasteig zurück. Das Konzert mit Werken von Strauss und Mahler ist fast ausverkauft, Telefon 936093

 

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