Das Mallorca des Nordens Neuer Hitzerekord: Anruf am heißesten Ort Deutschlands

25. Juli in Lingen: Ein Vater und sein Sohn spielen im Freibad. Foto: Martin Remmers/dpa

In Lingen ist es am Donnerstag so heiß gewesen wie nirgendwo anders in Deutschland: 42,6 Grad. Ein neuer Hitzerekord. Wie hält man das aus? Ein Anruf.

 

München - Lingen? Erstmal googlen. Die Stadt im Emsland hat rund 56.000 Einwohner, eine über 1.000-jährige Geschichte und die Vorwahl 0591. Ein Telefon mit dieser Zahlen-Kombi läuft seit Donnerstag heiß, denn in der Stadt von Dieter Krone war es mit 42,6 Grad so extremsommerlich wie nirgendwo anders in Deutschland. Jemals. Somit dürfte der 25. Juli 2019 definitiv in die besagte 1.000-jährige Geschichte der Stadt eingehen.

Aber zurück zum heiß laufenden Telefon: Auch die AZ hat bei Dieter Krone, dem Oberbürgermeister von Lingen, durchgeklingelt.

AZ: Herr Krone, was zeigen denn die Thermometer an diesem Freitag bei Ihnen an?
Dieter Krone: Heute ist es schon wieder ganz angenehm – 32 Grad.

32 Grad empfindet man in Lingen also als angenehm.
Ja (lacht). Bezogen auf die Temperaturen vom Donnerstag auf jeden Fall.

Größeres Problem: Zu wenig Niederschläge

Da waren es 42,6 Grad – Ihre Stadt ist damit neuer Hitze-Rekordhalter. Wie fühlen sich diese Temperaturen an? Kann man da überhaupt noch etwas erledigen?
Es war wirklich grenzwertig, das muss ich sagen. Für Mensch und Natur. Ich hoffe sehr auf Niederschläge in den nächsten Tagen. Sowohl für die Wälder als auch für die Ackerflächen. Wir haben bislang nur 40 Prozent der Niederschläge bekommen, die normal üblich sind. Das ist extrem und macht uns noch mehr zu schaffen als die reinen Temperaturen.

Die Hitze allein wäre auszuhalten?
Klar stöhnt man unter der Hitze. Das braucht man nicht jeden Tag. Die Temperaturen gehen aber, wenn man sich im Haus oder im Schatten aufhält. Es hat in der Notaufnahme wegen der Hitze übrigens keine Besonderheiten gegeben.

Was man durchaus hätte vermuten können angesichts der enormen Werte. Wie steht man das denn durch?
Die Lingener haben sich auf die Hitze eingestellt, haben viel getrunken, waren im Schatten. Und wir haben gerade Sommerferien, das heißt, die Kinder hatten Zeit fürs Freibad und für die Seen.

Hitzerekord: Abkühlung für Büroangestellte

War in der Innenstadt überhaupt noch was los?
Ich war in der Mittagspause dort und die war fast wie leer gefegt. Ich habe den Rathaus-Mitarbeitern dann um 15 Uhr freigegeben.

Wie heiß war es in den Büros?
Zum Teil 33 Grad.

Haben Sie keine Klimaanlage?
Nein, weil wir die eigentlich nicht benötigen. Außer an solchen Tagen.

Sie haben den Mitarbeitern freigegeben, waren selber aber noch länger im Büro. Wie haben Sie sich zumindest am Abend abgekühlt?
Ich bin nach Hause gefahren und habe erstmal viel Wasser getrunken, Eis gegessen und die Beine hochgelegt. Gegen 23 Uhr konnte man raus auf die Terrasse.

Werbeeffekt durch Temperaturrekord

Hätten Sie mit so hohen Temperaturen gerechnet?
Nein, damit hat wohl niemand gerechnet. Ich auch nicht. Im Halbstundentakt hat sich die Temperatur gesteigert. Ich gehe davon aus, dass 42,6 Grad ein längerer Rekordwert bleibt.

Sind Sie gern Rekordhalter?
Für uns ist das auch ein kleiner Werbeeffekt. Lingen ist in aller Munde. Ich sage gern: Wir sind das Mallorca des Nordens. Wir hatten auch im vergangenen Jahr schon höhere Temperaturen.

Woran liegt das?
Wir gehören von der Topografie her zur niedersächsischen Tiefebene. Die Sahara-Winde kommen gerade aus dem Süden, auf der anderen Seite haben wir Ostwinde. Die treffen fast genau in Lingen aufeinander. So extrem war es aber noch nie.

Dem Klimawandel als Stadt entgegensteuern

Macht es nicht auch nachdenklich, dass der Werbeeffekt vom Klimawandel herrührt?
Der Klimawandel ist da. Die Frage für uns lautet: Wie kann man ihm in der Stadt gegensteuern?

Was sind Ihre Ideen?
Wir haben viele Einfamilienhäuser. Wir wollen zum Beispiel die Steingärten bei Neuvorhaben verbieten. Ebenso bewusst auf Dinge setzen, die wir vor Ort machen können: Gründächer, den ÖPNV ausbauen, E-Mobilität. Das sind alles Dinge, die schon länger auf unserer Agenda stehen und jetzt noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Und zum Schluss: Wenn Sie sich eine Temperatur wünschen dürften, welche wäre das?
Die ist deutlich geringer: zwischen 25 und 28 Grad. Das liebe ich am meisten, da kann man auch noch aktiv sein.


Die Hitzewelle soll abklingen

Nach den Hitzetagen kommt leichte Abkühlung. Ab diesem Samstag sei die große Hitzewelle vorbei, sagt eine Meteorologin des Deutschen Wetterdienstes. Am Wochenende drohen aber Unwetter: Der DWD hält Überflutungen und Hagel für möglich.

Die gute Nachricht: Hoch "Yvonne" wandert nach Skandinavien ab und macht Platz für das Tiefdruckgebiet "Vincent". Das bringt statt Sahara-Hitze feuchte und kühlere Atlantikluft.

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