Das Kino in der Coronakrise Warten und ärgern

Ein Autokino im baden-württembergischen Pfaffenweiler mit einer aufblasbaren Leinwand. Foto: dpa

In Bayern stehen Kinos für Ministerien auf der Stufe mit Bordellen – in der Branche herrscht Verdruss

 

Biergärten dürfen in Bayern bald öffnen wie Restaurants mit Freiflächen, Spielplätze, Museen und Zoo, Golf- und Tennisplätze sind wieder zugänglich, Friseure sowieso, demnächst Nagelstudios. Es tut sich was in puncto Corona-Exit. Nur im Kino herrscht seit acht Wochen Komplettsperrung immer noch die große Leere.

Ministerpräsident Markus Söder, der vor zwei Jahren den begeisterten Cineasten mimte und als Big Spender dem Filmfest München drei Mio Euro in Aussicht stellte, um die Berlinale zu überholen, schweigt jetzt, wenn es um die Wiedereröffnung der Kinos geht. Dabei haben die Interessenverbände HDF Kino und AG Kino ein umfangreiches Schutz- und Hygiene-Konzept erstellt für Mitarbeiter wie Besucher, das der Politik auch in Bayern vorliegen soll – unter anderem durch Abstandsregeln mit fester Sitzplatzzuweisung, zeitversetztem Filmbeginn, Desinfektionsspendern, Schutzmasken und Handschuhen, Online-Ticketverkauf sowie getrennten Ein – und Ausgängen.

Keine klaren Signale

Für Kinobetreiber Matthias Helwig von den Breitwand-Filmtheatern in Gauting, Starnberg und Seefeld stellt sich die Frage nach der Zuständigkeit, wenn weder aus der Staatskanzlei, dem Digitalministerium oder dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst klare Signale kommen. Als Tiefschlag empfindet er die Kombination von „Kinos und Bordellen“, die in einer nicht näher definierten Phase drei öffnen dürfen.

Unterstützung für die Anliegen der Kinobetreiber kommt von Dorothee Erpenstein, Chefin des FFF Bayern (FilmFernsehFonds ) und verantwortlich für Film- und Fernsehförderung. Sie hofft nun, „dass auch für die Kinos und andere kulturelle Einrichtungen von den Gesundheitsbehörden bald klare Vorgaben gemacht werden können. Wir warten jeden Tag darauf, mehr zu erfahren.“ Das „bald“ genügt Helwig aber nicht, er wartet auf eine genaue Ansage wann und wie. Nach Wut und Trauer herrscht bei ihm „blankes Unverständnis“ über die Willkür: „Wieso sollen bei einem ausgefeilten Sicherheitskonzept Besucher im Kino ansteckender sein als Gläubige in der Kirche oder Abgeordnete bei Landtagssitzungen? Es muss der Film sein!“ Vielleicht fehle auch die Lobby wie beim Fußball oder den Autokonzernen.

Es gibt 1734 Kinos in Deutschland mit insgesamt 798 500 Sitzplätzen. Während Bayern seine 234 Spielstätten noch nicht auf der Agenda hat, preschen andere Bundesländer vor. Sachsens und Schleswig-Holsteins Kinos dürfen ab 18. Mai öffnen, die in Nordrhein-Westfalen ab 30. Mai. Hessen schlug in der letzten Woche eine ganz besondere Volte und kündigte urplötzlich an, Kinos dürften „ab morgen“ öffnen mit der irrwitzigen Forderung von fünf Quadratmetern pro Besucher. Ein von mangelndem Sachverstand geprägter Wettlauf im Lockerungsfahrplan nutzt niemanden.

Ab Juni wird es eng

Kinos und Verleiher benötigen eine Vorlaufphase, erst einmal um Filme parat zu haben und selbige dann auch zu bewerben. „Der Markt funktioniert als Gesamtmarkt. Wir brauchen einen Beschluss der Kultusminister der Länder und möglichst eine Harmonisierung von Terminen und Auflagen“, sagt Christian Bräuer, Vorstandsvorsitzender vom Branchenverband AG Kino und rechnet optimistisch mit dem 15. Juni. Spätere Termine seien eine Katastrophe. Das meint auch Christian Pfeil, Betreiber der Münchner Monopol- und Arena Kinos. Er setzt auf einen gemeinsamen Termin und darauf, dass auch Open Air Kinos stattfinden können.

Es habe allerdings wenig Sinn „Ladenhüter“ zu spielen oder „Die Känguru Chroniken“, der inzwischen im Internet für 4,99 Euro zu sehen sei. „Wie sollen Kinos und Verleiher Gewinn machen, wenn bei den Vorstellungen nur ein Viertel oder Drittel des Publikums erlaubt ist? Es wird Ewigkeiten dauern, bis wir uns wieder der Rentabilitätsgrenze nähern“ so sein Resümee.

Bei größeren Sälen sei ein Konzept mit dem geforderten Abstand machbar, aber bei einem kleinen Saal mit 40 Plätzen habe er bei fünf oder sieben Zuschauern nicht einmal die Stromkosten wieder drin. Und was ist, wenn ein Kino bis Ende des Jahres mit halber Kapazität fahren muss? „Da sollte den Verantwortlichen klar sein, dass die Pleitewelle der Kinos nicht im Juni oder Juli anrollt, sondern im November und Dezember.“

Ein Kino wie das Arena mit 100 Plätzen, könne mit nur einem Viertel der Tickets langfristig nicht mehr existieren. Pfeil ärgern auch Verleiher, die ungeduldig „einen tollen Kinofilm wie „Königin“ mit Trine Dyrholm auf VoD herausbringen: „Der hatte das richtige Potenzial für meine Zuschauer und ist dann durch.“

Die Zuschauer sind treu

Die Leute von Sofa und Streamingportalen wieder wegzuholen, dafür braucht es für Bruno Börger, Geschäftsführer der City Kinos, „vor allem attraktive und starke Filme“. Er befürchtet, dass Verleiher bei einer reduzierten Platzkapazität nur zögerlich Kassenhits liefern, weil sich deren Investitionen rentieren müssen: „Da wird auch kein Verleih den neuen Bond oder einen anderen Blockbuster starten. Föderale Schnellschüsse und föderale Fleckenteppiche helfen uns nicht weiter.“

Trotz der bisherigen hohen Verluste hofft er noch auf einen halbwegs guten Sommer, wenn die Politik endlich längst fällige und schlüssige Entscheidungen trifft, die unzumutbare Hängepartie aufhört. Die gute Nachricht: Trotz aller Schwierigkeiten wäre dann keine Erhöhung der Eintrittspreise geplant.

Ein Lichtblick 

Besonders schwer zu kämpfen haben Einzelkinos wie Luis Anschütz‘ „Isabella“, das mit Christian Petzolds „Undine“ wieder eröffnen möchte, aber kaum kostendeckend arbeiten kann bei nur geringer Auslastung, oder Marlies Kirchners „Theatiner Filmkunst“. Die „Grande Dame“ der Arthauskinos, die „La Vérité“ und Ulrike Ottingers „Paris Caligrammes“ erneut programmieren möchte, kann auf besonders große Solidarität ihrer treuen Zuschauer zählen.

„Ich kriege am laufenden Band wunderbare Briefe und verkaufe viele Gutscheine“, sagt Marlies Kirchner. „Mein rührendes Stammpublikum baut mich in diesen schlimmen Zeiten auf“, freut sie sich. Ganz finster scheint die Zukunft jedenfalls nicht.

Bei einer Umfrage von S & L Research unter 865 Kinogängern gaben 93 Prozent der Befragten an „sehr wahrscheinlich“ oder „wahrscheinlich“ wieder ins Kino zu gehen. Dieser Wert lag noch vor dem Wunsch nach einem Gaststättenbesuch. Ein Lichtblick für die Zeit nach der Krise.

 

 

0 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihre Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading