"Das ist wie Russisches Roulette" Die AZ im Drogen-Labor: Neue Psycho-Substanz auf dem Markt

Eine Labormitarbeiterin des Bayerischen Landeskriminalamtes: Selbst den Experten fällt es manchmal schwer, die Stoffe einzuordnen. Foto: Sven Hoppe/dpa

Neue Psycho-Drogen überschwemmen den Markt. Vor allem Jugendliche dröhnen sich damit zu. In der AZ erklären Experten des LKA die Gefahren.

 

München - Die Psycho-Drogen werden in knallbunten Tütchen verkauft und kommen per Post unauffällig ins Haus. Sie haben harmlos klingende Namen wie "Scooby Snax", "Jamaican Gold" oder "Freeze".

Um die Täuschung perfekt zu machen, tragen die Tütchen auf der Rückseite Warnhinweise: "Nicht konsumieren", steht da. Oder "dient zur Verbesserung der Raumluft". Was purer Hohn ist. Denn selbstverständlich sind die Kristalle, Pülverchen und Brösel zur Einnahme gedacht.

Ein Tütchen ist im Internet bereits für 20 bis 30 Euro zu haben. Die Drogen werden über professionelle Internetshops verkauft, mit der Post nach Hause geliefert oder auf Partys und Festivals unter der Hand verkauft.

Bayerisches LKA spricht Warnung aus

"Das Zeug ist lebensgefährlich", betont Michael Uhl, Chef des Sachgebiets Chemie beim Bayerischen Landeskriminalamt (LKA) in München. "Der Konsum ist wie Russisches Roulette." Unter Namen wie "Legal Highs", "Spice" oder "Kräutermischung" tauchten die Drogen vor etwa zwölf Jahren auf, inzwischen nennt man sie NPS, Neue Psychoaktive Stoffe.

Was bisweilen wie ein Cannabis-Krümel aussieht, ist eine extrem gefährliche Psycho-Droge, "mit vielfach stärkerer Wirkung als bei Marihuana oder Haschisch", warnt Jörg Beyser, Chef der Drogenfahndung beim LKA. 

Festnahme in Nymphenburg

Im März 2019 meldete das LKA die Festnahme eines 32-Jährigen, der von Nymphenburg aus im großen Stil mit NPS handelte. Monatlich verdiente Christoph S. nach eigenen Angaben rund 60.000 Euro mit Designerdrogen. Er selbst nahm das Zeug nie. "So dumm bin ich nicht", sagte er im Verhör.

Sein Händlerring bediente rund 20.000 Kunden. Die Bande setzte etwa eine Tonne an psychoaktiven Substanzen um, vertrieben wurden sie über 30 verschiedene Webshops.

Was genau ist NPS?

Die Basis für NPS sind harmlose Kräuter wie Pfefferminze, Oregano oder Damiana-Kraut. Substanzen, die im Internet problemlos zu bestellen oder in Naturkostläden zu kaufen sind.

Auf die jeweiligen Trägerstoffe werden die psychoaktiven Substanzen aufgesprüht – zumeist synthetische Cannabinoide. Sie haben mit THC, dem wichtigsten berauschenden Stoff von Cannabis, nichts zu tun. Sie sind "um ein Vielfaches stärker in der Wirkung", betont Jörg Beyser.

NPS ist bekannt als "Pinky"

2016 starben in Bayern 40 Menschen an NPS. 27 von ihnen an einer einzigen Substanz, Szenename "Pinky": U-47700 ist bereits in Dosen unter einem Milligramm extrem gefährlich. Selbst Hautkontakt kann zu gravierenden Gesundheitsschäden bis zum Tod führen, schreibt etwa das österreichische Kriminalamt.

Inzwischen ist die Substanz vom Markt verschwunden. Möglich wurde das 2016 durch das verschärfte NPS-Gesetz. Seitdem können nicht nur einzelne Substanzen, sondern ganze Stoffgruppen verboten werden. Das erschwert den Herstellern die Produktion, sie können seitdem Verbote nicht mehr so leicht umgehen.

Mittlerweile sinkt die Zahl der Todesopfer. 2017 starben 37 Menschen, im vergangenen Jahr gab es laut bayerischem Innenministerium noch acht Todesopfer.

NPS kann zu Organversagen führen

Das Risiko, das Konsumenten der Designerdrogen eingehen, ist hoch: Organversagen, Depressionen, Psychosen – die Liste der möglichen Gesundheitsschäden ist lang. NPS könnte auch ein Grund für die zunehmenden Angriffe auf Polizisten, Sanitäter und Feuerwehrleute sein, vermutet Jörg Beyser.

Ständig kommen neue Designerdrogen auf den Markt. "2018 wurde etwa jede Woche eine neue psychoaktive Substanz an das EU-Frühwarnsystem für neue psychoaktive Substanzen gemeldet", heißt es im aktuellen Europäischen Drogenbericht.

"Das könnte sogar ein Grundschüler"

Die verwendeten Chemikalien stammen oft aus Asien, meist aus China. "Die Analyse ist schwierig und zeitaufwendig, die Stoffe werden sich immer ähnlicher", sagt Chemiker Michael Uhl. Selbst die Chemiker beim LKA, die über hochmoderne Geräte verfügen, haben manchmal Probleme, die Stoffe einzuordnen. Freeze-Päckchen, die unlängst in München im Bahnhofsviertel beschlagnahmt wurden, werden derzeit analysiert.

Die Chemikalien auf Kräuter aufzubringen, ist leicht. Dazu genügen im Prinzip ein Kochtopf und ein Haushaltsmixer. Michael Uhl: "Das könnte sogar ein Grundschüler."

Die Dosierung von NPS ist besonders schwierig

Deutlich schwieriger ist die Dosierung. Die Chemikalie wird beispielsweise in einen Betonmischer oder Küchenmixer gespritzt, doch die Geräte verteilen die Substanz nicht immer gleichmäßig. Die Dosierung auf dem Trägermaterial schwankt daher stark, manchmal innerhalb einer Trommel bis zum Zehntausendfachen. "Deshalb kann es passieren, dass jemand eine Dosis konsumiert und nichts spürt. Man aber beim nächsten Päckchen aus derselben Lieferung tot umfällt", warnt Jörg Beyser.

NPS werden sich nicht mehr vom Drogenmarkt verdängen lassen, sagen Experten. "Das Ziel ist nicht, die Konsumenten zu kriminalisieren", betont LKA-Sprecher Carsten Neubert. "Es geht darum, Hersteller, Vertreiber und Händler aus dem Verkehr zu ziehen."

 

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