Das Ende von Ohu 1 „Wenn’s scheppert, zerreißt’s mi“

Das umstrittene Atomkraftwerk Isar 1 bei Landshut Foto: dpa
 

Umdenken überall, nur direkt um das Kraftwerk in Ohu gibt es sie noch: die Unentwegten, die nicht aussteigen wollen.

Landshut - Mag es beben oder strahlen, in Ohu ist die Welt noch in Ordnung: Günther Held zum Beispiel. Er kommt gerade aus dem „Kraftwerk“. So heißt das Rasthaus hier an der Straße nach Landshut, und richtig: genau dahinter erhebt sich der Kühlturm von Isar 1 und Isar 2. Was denkt er denn, der Bodenleger, jetzt, da Angela Merkel plötzlich das Atomkraftwerk schließen will: „I bin dagegen.“

Hat er denn nicht Verständnis für die Ängste, nach all dem, was in Japan passiert ist. „Freili“, sagt Günter Held. „Aber a Restrisiko bleibt immer.“ Im übrigen habe es durchaus Vorteile, wenn man so nah an einem Atomkraftwerk wohnt: „Wenn’s amoi scheppert, na zerreißt’s mi glei.“ Man hat sich einen gewissen Fatalismus angewöhnt hier im Niederbayerischen, zumindest im direkten Umkreis der Reaktoren, wo der Kühlturm lange Schatten wirft.

„Ich weiß immer, woher der Wind kommt“, sagt Held. Der Wind weht scharf ins Gesicht der Atomkraftbefürworter. Und die fallen ja derzeit reihenweise um. Was aber bis in höchste Regierungskreise wirkt, muss an der niederbayerischen Basis noch nicht gelten. Im echten Kraftwerk werden auch am Tag der Entscheidung noch Besuchergruppen herumgeführt, gerade verlässt die Abschlussklasse der Fachoberschule Kehlheim eine Info-Veranstaltung: „Das hat mich überzeugt“, sagt ein 18-Jähriger mit schwarzer Emo-Frisur. Und ein etwas pickliger Klassenkamerad stellt fest: „Ausgeschlossen, das mit dem Ausstieg.“ Die „Aufklärung“ wirkt. Und im „Kraftwerk“, dem Rasthaus, wo sich die Botschaft vom strikten Rauchverbot noch nicht herumgesprochen hat, hält man ohnehin nicht so viel von den Autoritäten und den Launen der Politik. „Warum fangen sie bei uns zum Abschalten an?“ , ereifert sich ein Gast. „Dann kaufen wir den Strom hintenrum wieder beim Russen ein.“

Der Einwand, dass die Kanzlerin, oder der Minister Söder oder der Seehofer bis vorgestern ganz ähnlich geredet haben, erntet Kopfschütteln: „Wendehälse!“ Es lebt sich halt recht gut von dem AKW auf dem Gemeindegebiet von Essenbach. Es gibt ein schmuckes Veranstaltungszentrum, es gibt die teuren Retrokopfstein-Straßen zur Verkehrsberuhigung, es gibt keine Grünen im Gemeinderat, und es gibt Bürgermeister Fritz Wittmann, der sich über sprudelnde Gewerbesteuereinnahmen freuen kann: „Steuergeheimnis“, sagt er auf die Frage nach dem Wieviel, „aber es geht schon mal in die Millionen.“ Ist sein Reaktor sicher? „Nicht unsicherer als vor fünf Tagen“. sagt der Bürgermeister. „Wenn er jetzt abgeschaltet wird, weil er unsicher ist, dann war er das vorher auch.“ Steuereinnahmen sind das eine, der Arbeitsplatz vonManuela Försters Mama ist das andere. „Die arbeitet im kaufmännischen Bereich drüben“ sagt die 18-Jährige imMühlenladen der Zöttl-Mühle und deutet auf das Akw. Sie selbst hält „nicht so viel vonden Grünen. Und das, obwohl Försters Kundschaft durchaus alternativ durchwirkt sein dürfte.

Selbstgeschrotetes Müsli, Mehl aller Art gibt’s hier, regional, ökologisch. Es gibt auch Hildegard von Bingen-Bingen- Ratgeber bei der Atomkraftbefürworterin. „Natürlich ist das schlimm in Japan,“ sagt die junge Frau: „Aber wo soll sie denn herkommen, die Energie?“ Es gibt sie noch, die alten Argumente. Man hört sie seltener, wenn man den Radius erweitert um den Kühlturm. In der unglaublich schönen Stadt Landshut, wo der Frühling fein gekleidete Bürgersgattinnen im Straßencafé um elf zum Prosecco verführt, ist die Stimmung anders: „Sie werden hier keinen finden, der gegen die Abschaltung ist, sagt eine Frau über ihrem Milchkaffee.

Macht sie sich Sorgen: „Ich fürchte nicht das Weltende, wenn sie das meinen, aber ich denke, wir müssen nach vorne schauen und Alternativen finden. Günter Held, der Mann vom Rasthaus Kraftwerk in Ohu, sah das schon immer anders. „Damals in der Schui, mit 14, da hab ich sogar mal a Referat um die Atomkraft gehalten“, sagt er: Und da hab i an Oanser kriagt.“ Sowas prägt, vielleicht mehr als eine Katastophe weit weg.

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