Das Aus nach 571 Jahren Die Hundskugel wird zum Senioren-Treff

Das alte Haus bleibt, das alte Lokal geht: Die Hundskugel in der Hotterstraße. Foto: Hansi Trompka

Münchens älteste Gaststätte wird für immer geschlossen. Stattdessen zieht in das alte Gemäuer in der Hotterstraße eine Stiftung, die sich um alte, einsame Menschen kümmert.

ALTSTADT In Münchens ältester Gaststätte bleibt die Küche kalt – und zwar für immer: Die „Hundskugel” in der Hotterstraße wird ab kommendem Jahr zum Treffpunkt für alte und einsame Menschen. Nach 571 Jahren ist die Lokal-Historie damit beendet.

Im Jahre 1440 wird die Traditionsgaststätte erstmals urkundlich erwähnt, im Krieg wenig zerstört, jahrelang ist die Brauerei Löwenbräu ihr Eigentümer. Als Rudolph Moshammer 1983 das heruntergekommene Gebäude samt Lokal kauft und damals vor dem Abriss rettet, wird es bald Schauplatz für seine Feste. Er lädt ein in den zweiten Stock. Dort gibt’s eine Wohnung mit einem vergoldenem Bad, einer Bar, einem Fernseher im Schrank und mit einer Tafel für 14 Gäste. Übernachtet hat Mosi hier nie. Fürs Mittagessen in der Hundskugel lässt er sich stets von seinem Chauffeur vorfahren.

Als der Münchner Modezar 2005 ermordet wird, geht es mit der Hundskugel bergab. Stammgäste wie Touris kommen nur noch vereinzelt. Und als die Bauarbeiten für die neue Hofstatt beginnen, müssen die Sitzplätze des Lokals draußen in der Hotterstraße vor dem Bunker abgebaut werden. Der Ort, an dem Münchner seit hunderten von Jahren bewirtet wurden, ist plötzlich ganz verwaist. Am 31. Mai dieses Jahres schließt die Hundskugel. Das Ende einer Ära.

Zur Wiederauferstehung kommt es nicht mehr: Ex-Manager und CDU-Bundestagsabgeordneter Jürgen Todenhöfer (71) übernimmt sie jetzt – und macht aus ihr den Hauptsitz seiner Stiftung „Sternenstaub”.

Unter dem Motto „Jung für Alt” kümmern sich Studenten um alte Menschen, gehen für sie einkaufen, mit ihnen spazieren, basteln, reden oder besuchen Cafés und Kino.
„Die Hundskugel soll nach dem Umbau Treffpunkt der schon bisher betreuten Seniorinnen und Senioren werden, im ersten Stock werden Büros eingerichtet”, so ein Sprecher der Stiftung. Mosis Wohnung wird aufgelöst – und ebenfalls für Verwaltungszwecke verwendet.

Auch Todenhöfers Tochter Natalie, welche im Alter von nur 19 Jahren an Multipler Sklerose erkrankte, wird mit ihrer Stiftung in der Hotter-/ Ecke Hackenstraße einziehen. Diese kümmert sich um finanziell in Not geratene MS-Kranke.

Was die Immobilie gekostet hat, will keiner sagen: „Todenhöfer habe die Hundskugel zu einem, wie es heißt „Freundschaftspreis” gekauft. „Der Besitzer wollte mit dem Verkauf kein Geld verdienen”, so der Stiftungssprecher.

„Der Verlust einer solchen Gaststätte ist sehr traurig”, sagt Wirt Christian Schottenhammel. „Doch in mir schlagen zwei Herzen. Zwar bedauere ich das Gasthaussterben sehr, doch ich finde Projekte wie den Sternenzauber durchaus unterstützenswert und positiv”. Dennoch – mit der Hundskugel verschwindet aus der Altstadt eine weitere gastronomische Institution. Wirtin Barbara Sigg war der Gaststätte 28 Jahre lang treu. Bei dem ständigen Wirtewechsel in München sei das „eine große Ausnahme”, sagt Schottenhamel zur AZ. Und erinnert sich noch gut an Mosis Zusammenkünfte, an die gute Stimmung in der dunklen Stube und daran, dass bayerische Gasthauskultur hier noch groß gefeiert wurde.

Groß gefeiert wird dafür im „Alten Wirt” in Obermenzing. Jetzt ist diese Gaststätte – auch ganz offiziell – Münchens älteste. Eigentlich ist sie das schon immer, sie wurde bereits 1417 erstmals erwähnt – und ist damit 23 Jahre älter als die Hundskugel. Obermenzing gehörte allerdings lange nicht zu München – erst im Jahre 1938 wurde das Dorf eingemeindet.

„Mich freut das natürlich sehr”, sagt Wirtin Renate Schlegl (58). Im Sommer wird sie ein Gartenfest veranstalten: Zur Feier ihrer uralt-bayrischen Wirtshaustradition.
Still bleibt es dagegen in der Hotterstraße. Keine Kellnerinnen mehr, keine knarcksenden Holzböden, keine Schweinsbraten – nix. Es ist vorbei, mit der Hundskugelei.

 

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